Flügel.

Nach über einem Jahr Pandemie ist es nun endlich soweit: Ich habe einen Flug gebucht. Nach Deutschland. Bereits beim Eintippen der letzten Zahl meiner Kreditkartennummer fühlte ich auf meinem Rücken ein Puckern und Klopfen. Ja, sie wollten raus, meine gestutzten Flügel.

Jeder leidet anders in dieser Pandemie. Mir hat am meisten gefehlt, dass ich nicht reisen konnte. Weder einfach so ins Auto schwingen und an den Pazifik fahren noch einen Flug buchen, um andere Welten zu entdecken oder die altbekannten Heimatgefilde Deutschlands zu besuchen. Natürlich hat mir auch die Gesellschaft anderer gefehlt, aber im Herzen bin ich Einzelgängerin und zudem habe ich einen Hund. Das ersetzt zumindest teilweise das tägliche Socializing, das zu einem Expat-Leben dazugehört.

Wenn also nicht wieder Flüge gestrichen oder die Ein- und Ausreise verboten wird (so in den Monaten April und Mai komplett für alle Chilenen und in Chile lebenden Ausländer geschehen), reise ich. Die Travelling Lady ist wieder unterwegs.

Was werde ich zuerst machen, wenn ich – gegebenenfalls nach Quarantäne-Beschränkungen, denn bislang ist Chile immer noch als Hochinzidenzgebiet geführt – herumreisen kann?

Meinen Vater besuchen. Möglicherweise eine der letzten Gelegenheiten, ihn noch ansprechbar zu finden. Bei Krebs weiß man nie und bei seiner fortschreitenden Demenzerkrankung noch weniger.

Frankfurter Grüne Sauce mit Petersilienkartoffeln und entweder hartgekochtem Ei oder Tafelspitz essen.

T-Shirts und Jeans in für meinen europäischen Hintern passenden Größen kaufen.

Sommersonne genießen. Deutschland, ich komme aus dem südamerikanischen Winter, streng dich an!

Tampons kaufen, die auch wirklich halten, was sie versprechen. Tampons sind eines der wenigen Hygienemittel, die es hier in Chile nicht in entsprechender Qualität gibt. Ich habe starke, manchmal extrem starke Blutungen und da brauche ich nicht so einen Weichei-Stöpsel. Und Kontaktlinsenreiniger für harte Kontaktlinsen kaufen. Hier quasi nicht zu finden. Ich kaufe immer auf Vorrat ein, aber der geht nach anderthalb Jahren zu Ende.

Ganz allgemein: Genießen, dass ich alles ohne Anstrengungen erreichen kann, dass es Zugverbindungen gibt.

Und dass ich meine Freunde und Familie wiedersehe. Missed you hard!

Pandemüde.

Ja, die Wortschöpfung ist bereits durchgeritten bis aufs Fleisch, aber mehr fällt mir an dieser Stelle als Titel auch nicht ein. Es hat mich erwischt. Nicht Corona, nein, das nicht, hoffe ich jedenfalls. Sondern die Müdigkeit, die Erschöpfung, das Überdrüssig sein aller Einschränkungen, der stetigen Jammerei, der immer neuen deutschen Pandemie-Organisationsdesaster, die ich von Chile aus verfolge.

Nein, ich muss nicht ständig die Medien verfolgen, mich nicht in den sozialen Netzwerken herumtreiben. Es reicht, dass die Grundstimmung in meine Knochen einsickert wie Gift. Ich werde unleidlich gegenüber den Menschen. Sie machen mich müde. An manchen Tagen wünsche ich mich ans südliche Ende des Landes, mit nichts um mich als Natur, Leere, Himmel und Stille. Als ob das gerade möglich wäre! Meine Reiseberechtigung habe ich für fünf Tage Pazifikküste schon im Januar genommen, bis Ende März geht nichts mehr. Nach Deutschland reisen halte ich derzeit für gefährlich. Bis ich meine Impfungen nicht erhalten habe, möchte ich mich keinem Risiko aussetzen.

Nein, die Bevölkerung mache ich nicht verantwortlich dafür. Jeder einzelne hat nach Erkennen des tatsächlichen Ausmaßes sicherlich seine Vorkehrungen getroffen. Hoffe ich jedenfalls. Ich mache die Föderalstruktur, die zaudernden Politiker und die Unfähigkeit der Regierung, während eines Wahljahres unliebsame und wirksame Entscheidungen zu treffen, verantwortlich für etwas, das sich aus meiner Sicht als chaotische und schlimme Planung und Organisation im Krisenfall darstellt.

Ich habe meine Freunde und meine Familie mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen und ich hätte dringende Dinge zu erledigen, die über die Distanz einfach zu schwierig sind. Meinen Vater würde ich auch gerne sehen, er ist sehr krank und es ist unklar, wie lange er uns noch erhalten bleibt. (Diesen Ausdruck finde ich in diesem Zusammenhang selbst ein wenig seltsam, aber es geht bei einem demenz- und krebskranken 76-Jährigen halt eben nur noch um „Erhaltung“.) Es geht halt nicht. Natürlich reisen Kollegen und Freunde durch die Weltgeschichte, aber mir ist unwohl bei dem Gedanken an 22 Stunden Reise in einem Kasten und danach quer durch Deutschland. Meine Reise- und Lebenslust ist derzeit erheblich eingeschränkt, endo- und exogen.

Außerdem plagen mich irrationale Existenzängste. Wer meine finanzielle Situation kennt, lächelt milde. Mir geht es sehr gut. Ich arbeite, weil es mir Spaß macht und Sinn gibt und nur an untergeordneter Stelle für Geld. Aber ich habe Angst davor, dass alles verschwindet, sich in Luft auflöst, mein Geld nichts mehr wert sein wird. Wie seltsam, diese Gedanken. Noch seltsamer dieses diffuse Gefühl, dass bald alles verschwindet, sich auflöst in einem Nebel der globalen Agonie. Klimawandel? Ja, der auch.

Ich habe es gegenüber einer Freundin letztens so formuliert: „2020 hat mir die Flügel beschnitten, 2021 wird mich hoffentlich nicht abstürzen lassen.“ Oder, dieses Jahr wird mir gleich einer Eidechse einen neuen Schwanz die Flügel wieder wachsen lassen. Nachdem ich aus der Pandemüdigkeit aufgewacht bin.

Jahresendzeitfragebogen 2020.

Letztes Jahr schrieb ich in der Einleitung zum Jahresentzeitfragebogen „Die 20er werden anders sein“. Und was soll ich sagen – schon das erste Jahr des neuen Jahrzehnts überraschte durch eine vorher nie gekannte Andersartigkeit. Es gab ja immer einige Jahre, die für mich persönlich „anders“ waren, weil Lebensereignisse sie einschneidend werden ließen. Aber wenn es auch mein Umfeld in ähnlicher Weise betrifft, ganze Länder und Kontinente – dann ist dieses Jahr ein ausgesprochen denkwürdiges und ich bin gespannt, wie man in einigen Jahren darüber sprechen oder schreiben wird.

Im Rückblick würde ich die Jahre 2001, 2011 und 2016-19 als die Jahre bezeichnen, die für mich in jeder Hinsicht anders waren, ganz unabhängig von den positiven oder negativen Ereignissen. 17 Jahre sind es schon, die ich diesen Jahresrückblick ins Internet schreibe, wie viele andere Menschen auch. Fast schon eine historische Bilanz. Wer – ganz unhistorisch bedeutsam – meine Bilanzen nachlesen mag: Hier entlang. 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004 und 2003.*
*2011 habe ich ausfallen lassen. Aus Gründen.

Kommen wir zu 2021. Das Jahr des Büffels nach dem chinesischen Horoskop wird hoffentlich alle glücklicher machen.

Zugenommen oder abgenommen?
Zwei Dinge haben mich rund und fett werden lassen: Die Ausgangsbeschränkungen der monatelangen Quarantäne und die Hüftbeschwerden. Letztere wurden vom Orthopäden mit striktem Sportverbot und vorsichtigen Übungen belegt. In der letzten Woche vor Jahresende gab er mir endlich das Go wieder langsam mit Sport beginnen zu können. Ich freue mich darauf, denn ich möchte mir nicht schon wieder eine neue Garderobe zulegen müssen.

Haare länger oder kürzer?
Gleich lang und mit der pandemiebedingten Erfahrung, dass ich mir nicht nur selbst die Haare schneiden kann sondern auch ganz gut darin bin, Männern die Haare in eine halbwegs ordentliche Frisur zu schnippeln. Youtube-Tutorials sei dank!

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Blind wie eh und je.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Ein bisschen mehr als im vergangenen Jahr. Ersparnis: Ich ging nicht mehr aus, sparte wegen Selbstkochens am Essen und Reste wurden verwertet. Ich habe viel gekocht und gebacken, ein erstes Mal Lemoncurd und Marmelade selbst gemacht. Außerdem bin ich in eine günstigere Wohnung umgezogen und nicht gereist. Ausgaben: Ich musste eine Wohnung einrichten, was ungefähr den Ausgaben für die geplanten Reisen entspricht. Und der größte Batzen war der Erwerb meiner Vespa im November. Aber ich muss auch gestehen, dass ich durch Erbschaften und Aktienverkäufe so viel Geld wie noch nie auf meinen Konten habe und es bislang nicht angerührt habe. Ich muss mir überlegen, wie ich 2021 investieren möchte.

Der hirnrissigste Plan?
Dieses Jahr verlief ausgesprochen ruhig in Bezug auf hirnrissige Pläne. Pandemiebedingt aufgeschoben aber nicht aufgehoben, hoffe ich doch. Hirnrissige Pläne sind toll.

Die gefährlichste Unternehmung?
Wäre in diesem Jahr 2020 jede Begegnung mit anderen Menschen gewesen. Jeder menschliche Kontakt außerhalb der eigenen vier Wände hätte für mich Krankheit und im schlimmsten Fall Tod bedeuten können. Das sollte ich nicht vergessen, denn es ist noch nicht vorbei.

Das beeindruckendste Buch?
Dieses Jahr habe ich mich überwiegend auf Fachliteratur beschränkt. Ich habe ein zusätzliches Unterrichtsfach übernommen und musste meine Studieninhalte wiederholen. Daher: alles zu BWL und VWL gelesen, was ich fachlich umsetzen wollte.

Der ergreifendste Film?
Dieses Jahr könnte ich auch als mein Netflix-Jahr benennen. Während der monatelangen Ausgangssperre habe ich viele, viele Serien und Filme gesehen. Bei den Serien kann ich bislang Ozark und Better call Saul empfehlen, auf den letzten Metern hat mich noch Bridgerton angenehm überrascht. Viele Filme sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Aber ich habe mich sehr über „Er ist wieder da“ mit einem großartigen Oliver Masucci amüsiert. Und Christoph Maria Herbst ist auch immer ein Garant für gute Drehbuchwahl.

Das beste Theaterstück?
Das beste nun nicht gerade, aber das einzige. Während des ganzen Januars findet hier in Santiago das Theater- und Kulturfestival Santiago a mil statt. Und ich hatte für meinen Geburtstag Karten für die Zauberflöte des deutsch-chilenischen Theatermachers Antú Romero Nunes im Kulturzentrum Matucana ergattert. Was in dieser Inszenierung von der Mozartschen Zauberflöte übrig blieb, war wenig. Umso mehr wurde (lateinamerikanische) Gesellschaftskritik mit absurd-burlesken Stilmitteln inszeniert. Mir war es ein wenig zu plakativ und ich habe auch nicht alle Anspielungen verstanden, aber es gefiel dem überwiegend jungen Theaterpublikum – ganz anders als dem begleitenden Caballero, dessen rechtskonservative Grundeinstellung sich auch in seinem Kulturgeschmack niederschlug und der um ein Haar wütend aus dem Theatersaal gestürmt wäre.

Das beste Lied?
Immer noch und immer wieder „Quero ser feliz tabem“ von Natiruts.

Das schönste Konzert?
Wegen Pandemie ausgefallen. Ich hatte Karten für Soda Stereo im Mai, aber nun ist dieses Konzert auf unbestimmte Zeit verschoben.

2020 zum ersten Mal getan?
Unter Pandemiebedingungen gelebt. Und eine Art eigene Familie bekommen: „Du bist jetzt meine Plus-Mama. Ich habe dich lieb.“ (Tränchen verdrückt.)

2020 nach langer Zeit wieder getan?
Mit jemandem zusammengelebt und dann getrennt. Einen Job gekündigt. Mich verliebt.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Arbeiten. Dem Hund.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Dem Wundertütenmann und seiner Tochter. Und dem Hund, dem sowieso.

Vorherrschendes Gefühl 2020?
Ich möchte hier raus.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Pandemie. Pandemie. Pandemie.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass es Momente gibt, in denen man Verantwortung abgeben kann, weil der andere stark genug ist, sie zu übernehmen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
„Du bist mein Geschenk. Du machst mich zu einem besseren Menschen.“

Ich lasse das mal so stehen.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Mir die Angst davor zu nehmen, eine Familie zu haben und zu leben.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Siehe unter schönstes Geschenk, das ich jemandem gemacht haben mag.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
„Du warst der Motor, der mich dazu gebracht hat, mein Leben zu verändern. Dafür werde ich dir mein ganzes Leben dankbar sein.“
Der Ex-Verehrer und ich haben uns ausgesprochen und es ist gut so.

2020 war mit 1 Wort…?
Erinnerungswürdig.

2021, du hast es in der Hand, den Planeten und die Menschen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wir alle sind 2020 ins Taumeln geraten und möchte wieder einen geraden Weg gehen können.

(Außerdem werde ich 50 und möchte das neue Jahrzehnt mit guten Vibes beginnen. Go, 2021.)

Sicherheiten.

Vor einiger Zeit habe ich mal behauptet, es gäbe in Chile keine Sozialversicherungen. Das war natürlich Unfug. Es gibt Krankenversicherungen, Rentenversicherungen, Arbeitslosenversicherungen und so weiter. Aber da Chile seit den Zeiten des Diktators Pinochet dem neoliberalen Wirtschaftsmodell folgt, ist alles privatwirtschaftlich organisiert. Der Staat hat nur wenig Einflussmöglichkeiten und -kontrolle, die entsprechenden Gesetze sollen das Verhältnis zwischen den Vertragsparteien regeln und ebenso wenig ist es der Politik ein Ansinnen, etwa durch Erhöhung von Steuern ein Solidarmodell wie etwa in Deutschland zu etablieren.

Zum Vergleich: Wer hier in Chile Steuern zahlt, rechnet erst einmal die Sozialversicherungsbeiträge, etwaige Familienrabatte und Freibeträge ab, bevor von der verbliebenen steuerlichen Bemessungsgrundlage dann ungefähr 11 Prozent an den Staat gehen. Wer also um die 1.500 Euro verdient, zahlt am Ende mit allen Abzügen Pi mal Daumen 100 Euro Steuern. Davon lässt sich kein Sozialstaat finanzieren.

Am Sonntag, den 25. Oktober, wird hier in Chile per Volksentscheid über eine neue Verfassung entschieden – die alte stammt aus den oben genannten Pinochet-Zeiten, wurde aber auch bereits etliche 30 Male geändert. Viele Chilenen erhoffen sich durch die Änderung eine veränderte Machtverteilung innerhalb des Parlaments und „mehr Gerechtigkeit“, mehr soziale Sicherheit und weniger Kosten und Verschuldung beispielsweise bei der privat zu finanzierenden Schul- und Universitätsausbildung der Kinder.

Ich gehe nicht im Einzelnen auf die Ansprüche und Hoffnungen ein, aber ich hoffe, dass die Wählenden hinterher nicht enttäuscht sein werden. Mit nur 11 Prozent Steuern – Unternehmen zahlen in der Regel auch nicht eben viel – lässt sich das System nicht ändern. Viele Chilenen vermeiden es außerdem, dem Staat die 11 Prozent anzuzeigen und arbeiten 70 Prozent mit Steuerabgabe und 30 Prozent schwarz. Das macht hier so ziemlich jeder Selbstständige, den ich kenne. Der Staat macht es möglich, Kontrollen gibt es kaum und auch, wenn nach außen hin alles ordentlich mit Rechnung und Kassenbon funktioniert, so ist in den Hinterzimmern doch manches anders.

Daher sehe ich die Volksabstimmung eher gelassen als Kosmetikpolitik und Zugeständnis und Befriedung der sozialen Unruhen des vergangenen Jahres. Das System zu ändern, hat jeder Chilene in der eigenen Hand. Und der Staat muss aktiv handeln, um die Finanzierung von Schulen, Universitäten und Gesundheitssystem aus der Privatisierung zu lösen.

Mal sehen, wie das nach dem kommenden Sonntag aussieht. Ich bin da außen vor, ich habe kein Abstimmungsrecht, weil ich noch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung habe. Man darf gespannt sein.

Digitale Kuschelstunde.

Das Ausbildungs-, Universitäts- und Schuljahr beginnt in Chile am 1. März und nicht wie in Deutschland im August/September/Oktober. Am 3. März haben wir unsere neuen Auszubildenden (35) in drei kaufmännischen Berufszweigen feierlich in unseren Schulräumen begrüßt und zwei Tage Kennenlernen und Seminare zu den Themen Zeit-, Selbst- und Stressmanagement, Teamarbeit, Organisationsstrukturen und weitere Skill-Workshops durchgeführt. Danach hatten wir genau eine Woche Präsenzunterricht, bevor es hieß: Eine Schülerin hat sich angesteckt, alle bitte in institutionelle Quarantäne und flott überlegen, wie man von Zuhause aus unterrichten kann.

Wir sind ein Team von 11 Kolleg*innen, die typische kaufmännische Berufsschulinhalte unterrichten sowie Englisch, Spanisch und Deutsch (jeweils mit Wirtschaftsfokus). Unsere Schüler*innen kommen meistens mit 18 Jahren direkt von den Colegios oder haben ein Studium abgebrochen und versuchen eine Alternative. Alle haben mehr oder weniger gutes Deutsch an der Schule gelernt. Die meisten haben noch kein B2-Zertifikat, das sie zum Abschluss der Ausbildung benötigen. Diese erhalten gezielt Förderunterricht in Kooperation mit dem Goethe-Institut und machen am Ende des 2. Ausbildungsjahres eine B2-Prüfung. Alle anderen sind bei mir im Deutschkurs.

Wir hatten ja bereits eine Situation, in der wir die Möglichkeiten digitalen Unterrichts ausloten mussten: Im Oktober 2019 gab es in Chile derartige soziale Unruhen, dass drei Wochen lang ein geregelter Unterricht nicht denkbar schien. Wir haben daraufhin einige Plattformen geprüft, ob sie für unseren Unterricht geeignet sein könnten. Die Formate von Google und Apps hatten sich angeboten, weil die Mailadressen der Schule mit Gmail gekoppelt sind. Die Regelungen des Datenschutzes lasse ich mal außen vor, das ist hier in Chile bislang wenig Thema. Ich führe aber einmal aus, wie und mit was wir arbeiten:

– Gmail
Unser Mailsystem mit entsprechenden Verteilern, die über das interne Mailsystem des Schulverbunds geregelt werden. Relativ verlässlich und per App auch mobil abrufbar. Ich verschicke in der Regel den Meet-Link für den Unterricht und die darin zu erwartenden Unterrichtsinhalte. Nach dem Unterricht schicke ich eine Mail mit den Links zu den in Drive hinterlegten Materialien oder hänge die Dateien an. Was sich leider nicht durchgesetzt hat: selbstständige Handhabe von Google Drive. Die Schüler*innen finden sich selbst in unser gut organisierten Ordnerstruktur nicht gut zurecht. Das müssen wir überarbeiten.

– Meet
Unser Schwesterinstitut hatte bis vor kurzem zoom für den Online-Unterricht, aber wir haben uns für Meet entschieden, weil unsere Gruppen relativ überschaubar und seit Kurzem Gruppenarbeiten auch in weiteren Meet-Räumen möglich sind, ein Vorteil, den bislang zoom hatte. Wir lassen unsere Schüler*innen zu Beginn der Unterrichtsstunde die Kameras anschalten und begrüßen uns gegenseitig während der Anwesenheitskontrolle. Alles wird in ein schulinternes System eingegeben, wo auch Noten, Unterrichtsprotokolle etc. hinterlegt sind. Das haben wir im Übrigen auch im Präsenzunterricht so gestaltet, denn alle Lehrerpulte haben Laptops, die mit Beamer und/oder Dokumentenkamera verbunden sind. Whiteboards gibt es noch nicht (teuer). Dann machen viele ihre Kamera aus, weil sie zurzeit auch weit entfernt bei ihren Familien leben und die Internetverbindung manchmal nicht ausreicht.

Ich teile meine Unterrichtsinhalte über den Bildschirm. In der Regel unterrichte ich Wirtschaft mit einer Powerpoint-Präsentation und reichere mit Videos, Gruppen- und Einzelübungen und Q&A-Runden an, um Wissen zu vermitteln und verfestigen. Fremdsprachenunterricht ist mit diesen Mitteln etwas schwieriger, aber ich mache eben mehr Übungen und versuche, meine Schüler zu Diskussionsrunden zu motivieren. Ich habe aber die Möglichkeit, meine Sprachunterrichtinhalte mit dem Wirtschaftsunterricht zu verzahnen und so Wortschatz zu wiederholen und anzureichern. Soviel zum Thema Methodik.

Manchmal machen wir auch Quatsch. Ich fordere die Schüler*innen auf, mir Fotos von ihren Hausschuhen zu schicken oder wir prosten uns mit Kaffee zu und sprechen kurz über die aktuell trendige Musik.

– Classroom
Classroom ist eine Plattform aus der Google-Familie, mit der sich online Übungen machen lassen und hinterher an den Lehrer geschickt werden. Ich baue die Übungen in der Regel so auf, dass sie bei der Rückgabe (online) gleich die richtige Antwort bekommen und spare mir für einige Teile eine Besprechung. Im Sprachunterricht lassen ich sie erst einen Lückentext mit dem entsprechenden Korrespondenzaufbau machen und danach frei einen (baugleichen) eigenen Text anhand eines typischen Falles (Angebot, Reklamation etc.) schreiben, den ich dann händisch korrigiere. Händisch heißt: Ich kopiere die Antworten in Word und schreibe Kommentare und Korrekturen.

– Weitere Möglichkeiten zur Interaktion, die ich aber selten nutze, weil kostenpflichtig oder kompliziert: miro.com, kahoot, mentimeter und einige mehr

Mit diesen drei Elementen lässt sich ein Online-Unterricht für Erwachsene ganz gut handhaben. Wir werden bis Ende des Schuljahres keinen Präsenzunterricht in der üblichen Form durchführen. Bei einer Umfrage unter unseren Schüler*innen haben sich aus dem 1. Ausbildungsjahr 3 Prozent und aus dem 2. Ausbildungsjahr 13 Prozent für eine Rückkehr zum Präsentzunterricht im November ausgesprochen. Wie das dann ab kommenden März aussieht, steht noch in den Sternen. Aber das Bildungsministerium hat zumindest für die Erwachsenenbildung freigestellt, ob und wann die Institute zurückkehren.

Quarantäne, Lockdown & Co.

Nachdem in Deutschland und einigen Ländern Europas die Infektionszahlen wieder stark ansteigen und alle bereits über eine zweite Krankheitswelle stöhnen, die mit ganz furchtbaren (Masketragen! Abstand halten! Nur mit wenigen Personen treffen! Nicht mehr reisen!) Einschränkungen verbunden ist, darf ich mal kurz was loswerden? LEGT EUCH GEHACKT!

Ich sitze am anderen Ende der Welt und habe das jetzt langsam satt. Für Sie kurz zur Erinnerung:
– seit 12. März – also bereits eine Woche vor der offiziellen Verkündung, war ich faktisch in Quarantäne, denn eine Schülerin hatte die Krankheit von einer Reise aus Deutschland (sic!) mitgebracht. Als Folge wurden wir alle in institutionelle Quarantäne geschickt.

Exkurs: Was ist institutionelle Quarantäne? Kennt Ihr in Deutschland jetzt auch. Schüler, Lehrer und sonstiges Personal, das eventuell in direktem Kontakt mit der infizierten Person kam, werden sofort nach Hause geschickt, um dort auch zu bleiben. Nix mit Einkaufen, Freunde treffen und so weiter. Liefern lassen, Türe zumachen und aus die Maus. Ich gebe zu: Ich habe es nicht eingehalten. Weil ich gerade am Umziehen war und mir den Haushalt einrichten musste. Ich habe mir das Meiste liefern lassen, aber eine komplette Quarantäne war das nicht.

– die kam nämlich am 18. März abends ab 23 Uhr mit Beginn einer nächtlichen Ausgangssperre, die wir im Übrigen hier immer noch zwischen 23 Uhr und 5 Uhr haben.

Exkurs: Wie kann ich mir eine Quarantäne in Chile vorstellen? Nun, zunächst sind erst einige Bezirke mit hohen Infiziertenzahlen in Q. geschickt worden. Q. heißt: Keiner darf ohne Grund und Passierschein – online zu beantragen, personalisiert und limitiert – raus und zwar raus vor die Grundstücksgrenze. Anfangs kontrollierte das Militär mit, später dann die Polizei und die Ordnungsamtsmitarbeiter: Bitte den Passierschein vorzeigen, ID-Karte und bei Verstößen kostet es dann auch ziemlich empfindliche Strafen ab 60 Euro (hier ein kleines Vermögen) aufwärts oder Knast

– Die Q. dauerte mit Mitte April. Ich durfte, je nach aktueller Verlautbarung für verschärfte Maßnahmen pro Bezirk, entweder einmal pro Tag, sieben Mal die Woche oder fünf Mal die Woche oder sogar nur zwei Mal pro Woche raus. Für Gassigehen, Einkaufen, Bankgeschäfte, Arztbesuche etc. Alles nur mit gutem Grund und bei Überschreitung des Limits gab es bei der virtuellen Polizeiwache den Hinweis „Ihr Kontingent ist ausgeschöpft“.

Exkurs: Die teilweise heftigen Limitierungen hatten diverse Folgen. Eine Stunde Schlangestehen vor dem Supermarkt, weil nur limitierte Anzahl von Kunden reindürfen. Heimliche Hunderunden mit Versteckspiel vor der Polizei und Warnhinweisen unter Hundebesitzern, wo denn gerade kontrolliert wird. Isolation.

– Nach zwei Monaten gab es einen sogenannten Phasenplan, der von Phase 1 (absolute Q.) bis Phase 5 (Normalzustand) Zwischenschritte vorsieht, die einigermaßen nachvollziehbar und machbar sind. Einzige einheitliche Maßnahme in der Öffentlichkeit: Maske tragen! In Phase 3 gibt es bereits Ausnahmen davon, z.B. beim Joggen, Fahrradfahren, beim Essen in Cafés und Restaurants (draußen). Aber es gilt weiterhin: Maske tragen. Tot umgefallen ist übrigens noch keiner, komplett verblödet auch niemand. Es scheint also als chilenischer Langzeittest beweisbar: schadet nicht, wer nicht schon vorher einen Schaden hatte.

Wir befinden uns derzeit in den meisten Bezirken Santiagos in Phase 3, d.h. wir können zwischen 5 Uhr morgens und 23 Uhr abends arbeiten, einkaufen, spazieren gehen, Sport machen, whatever. Danach ist Ausgangssperre und basta. Die Limits für Personenansammlungen sind überschaubar, 10 Personen Zuhause sind okay, draußen sind’s eh mehr. Alles handhabbar und oh, Wunder! Die Zahlen sind gesunken und sinken derzeit weiter.

Was hat diese Q. persönlich mit mir gemacht? Das könnte Sie vielleicht interessieren, denn falls es zu einem erneuten und gegebenenfalls erweiterten Lockdown in Deutschland kommt (dessen Limits ich tatsächlich nicht besonders transparent und auch nicht besonders weitgehend empfand), darf ich Ihnen bereits vorab einige Tipps geben.

  1. Es geht vorbei
    Man überlebt das. Der Mensch ist ein Überlebenskünstler und wenn ich eine Q. mal so mit einem Säbelzahntigerangriff vergleiche, dann finde ich Netflix-Abende und Zoom-Meetings mit Freunden deutlich entspannter. Und es geht vorbei. Hier nach gut fünf Monaten, das klingt echt lang und ist es auch, aber der generelle Konsens war: Nix zu machen, geht vorbei, wir freuen uns auf das Nachher.
  2. Man muss reden
    Der direkte Kontakt zu den Mitmenschen wird in Normalzeiten ja gerne mal als überaus nervig und störend empfunden. Dass der Mensch ein soziales Tier ist, merkt man erst, wenn der persönliche Kontakt auf maximal 2 Personen am Tag und auch nur mit mimikbeschränkender Maske reduziert ist und alle weiteren Kontakte digital stattfinden müssen. Reden hilft. Mit der Freundin/dem Freund, in Zoom-Besäufnissen, in kreativen Zoom-Meetings wie dem legendären „Radio Covid“ meiner Freundin Francisca, das uns immer noch im Gedächtnis geblieben ist. In Telefonaten und Videocalls mit der 12.500 Kilometer entfernten Familie und den Freunden dort. Dem Zulassen von Gefühlen und der verbalen Vermittlung derer. Das allerdings ist eine schwierige Übung, denn die Distanz über die digitalen Medien ersetzt nun mal keine Umarmung. Aber siehe Punkt 1: Es geht vorbei.
  3. Gefühle zulassen
    Siehe Punkt 2. Nicht nur drüber reden, sondern auch zulassen. Die Wut, die einen packt, weil mal wieder eine Verschärfung der Maßnahmen den Lagerkoller verstärkt. Die Wut auf die „frei“ lebenden Freunde in Deutschland, während man hier im eiskalten Winter in Chile in seiner Wohnung hockt und nur denkt: „Ey, jammert Ihr auf hohem Niveau dort!“ Die Wut auf die Covidioten, die leugnen, negieren und sich ihr Selbstwertgefühl aus ihrer beschissen engstirnigen Peer-Group ziehen.
    Die Freude über 15 Minuten Sonne am Tag, draußen, Schmetterlinge im Winter!
    Den Hass auf den Partner, weil er – arbeitslos – den ganzen Tag im Bett liegt und nachweisbar mit anderen Frauen anbändeln will. Die Ohnmacht, ihn nicht eben einfach vor die Türe setzen zu können und sich im Anschluss mit den Freundinnen zu besaufen.
    Die Ohnmacht, wenn Reisen ausfällt. Weder Genussreisen noch Arbeitsreisen gehen, man ist isoliert hier am Ende der Welt.
  4. Sich selbst aushalten
    Die schwerste Lektion. Mit sich selbst in Isolation zu leben ist manchmal fast nicht auszuhalten. Ich gebe zu, dass mir nur meine eiserne Disziplin in Sachen Arbeit und Hund geholfen hat. Ansonsten wäre ich wie der Caballero in Bett und Alkohol versunken. Aber ich reagiere in den meisten Krisensituationen mit Stoizismus und mache weiter, suche Alternativen und lenke mich so gut es geht ab. Aber nur auf sich selbst zurück geworfen zu sein, tut nicht gut. Man sollte daher frühzeitig Hilfe suchen, wenn man spiralig dem Abgrund entgegen taumelt. Die Selbstmordrate ist erwiesen gestiegen, die der häuslichen Gewalt auch. Think of it.
  5. Verzicht und Kompensation
    Auch so ein Ding. Es geht auch um Kompensation. Wenn ich nicht mehr reisen kann, esse ich Schokolade. Ich verzichte und gönne mir etwas. Acht Kilo mehr sind kein Verzicht, das ist angefressene Kompensation. Und fünf Monate ohne Sport – auch mit Fitnessprogramm online echt heavy. Ich verzichte auf Konsum und gönne mir teure und hochwertige Kosmetik. Whatever, es war ein Effekt meiner Q.

Und was kommt danach?

Seitdem wir wieder direkten Kontakt zu Freunden und Arbeitskollegen haben dürfen, habe ich zwei Effekte feststellen können:

– Ich musste mich erst mühsam wieder an Menschen gewöhnen. Ansammlungen von mehr als vier Personen haben mir Unbehagen bereitet. Menschen ohne Maske weiche ich aus, wo es geht. Ich treffe mich nur mit wirklich guten Freunden.

– Das hat mir die Q. auch gezeigt: Welche Menschen sind mir wichtig? Ich schwankte in der Vergangenheit immer zwischen Partykönigin und Einsiedler. Die Q. hat mir ein Gleichgewicht beschert. Ich treffe mich mit den Menschen, die mir etwas bedeuten und muss nicht auf Teufel komm raus ein schickes Kleidchen überwerfen und mich zeigen. Die Menschen, die mich während der Q. begleitet haben, kennen mich in Jogginghose, verheult und ungeschminkt.

Resümee

Ich habe es überstanden und wünsche mir, dass es keine zweite Welle in Chile gibt. Ich wünsche mir eine einheitliche und transparente Regelung und einen Stufenplan in Deutschland, der für alle nachvollziehbar ist. Der es mir ermöglicht, nach bald einem Jahr Freunde und Familie wiederzusehen. Ich könnte zwar reisen, aber ehrlich gesagt: Ich will es gerade nicht. Weil ich mich in Deutschland aktuell nicht wohlfühlen würde. Mit Maskenverweigerern, mit Föderalregelungen, mit Freunden, die abdriften in unklare Theorien. Ich hoffe, Sie bleiben gesund. Tragen Sie Maske. Ich werde Sie auch so erkennen, wenn ich Sie sehe. Und mit den Augen flirten geht übrigens ganz ausgezeichnet.

Plastikologie.

Es scheint ja bei vielen (Frauen wie Männern) ein gut gehütetes Geheimnis zu sein, was man so alles an sich machen lässt, um dem Alterungsprozess entgegen zu wirken. Hollywoodstars faseln da ja ganz gerne mal von drei Litern Wasser täglich, mindestens acht Stunden Schlaf und gesunder Ernährung samt Yoga-Workouts. Dass die meisten Aktricen und Schauspieler bereits mit Mitte 30 ein Soft-Lifting machen lassen, mit Botox und Fillern arbeiten, und ansonsten arg hart für ihre Traumkörper arbeiten müssen, ist dem (deutschen) Ottonormalkörperhirn nur schwer zu vermitteln. Zumal oft das Credo herrscht: Ich altere in Würde, ich lasse nichts machen, meine Werte sind andere oder innerlich. Geschenkt. Jeder, wie er soll und mag.

Ich für mich habe entschieden, dass ich das eine oder andere machen lasse, um mir selbst und meinem Anspruch an das gefühlte Alter zu genügen und natürlich auch, um bei den jüngeren Männern besseren Schneid zu haben. Letzteres stimmt zwar nicht, ich bin altersmäßig sowohl nach oben als auch nach unten sehr flexibel, aber die Aussage entspricht vermutlich dem männlichen Duktus. Sie bekommen jetzt mal exklusiv meine Antiverfallserscheinungsstory zu lesen und dürfen gerne Fragen stellen oder kommentieren.

Seit 2014 gibt es ein- bis zweimal jährlich die Mindestmenge an Botox in meine Stirn, um die fiesen Querfalten ein wenig zu entspannen. Mimik bleibt zum größten Teil erhalten und wenn das von Profis gemacht wird, zieht es auch die Augenbrauen nicht in irritierende Ecken. Meine Augen selbst bleiben Botox-frei. Die Fältchen rundherum finde ich schön und Lachen an sich muss auch weiterhin mit den Augen möglich sein.

Vor einigen Jahren habe ich mir die Lippenkontur auffüllen lassen. Ich spreche mit sogenanntem „spitzen“ Mund und sehr aktiv. Daher entstehen mit der Zeit Falten an der Oberlippe, ähnlich wie bei Rauchern. Das war sehr dezent, nicht mal der Mann hat es gemerkt und der war ja immerhin Dermatologe mit äußerst scharfen Augen. Ein wenig mehr Volumen gab es daher schon, aber ich bin weit entfernt von Schlauchbootlippen.

Da ich Merkel-Mundwinkel bekommen habe – möglicherweise wegen des Kummers, kann aber auch genetisch sein -, lasse ich mir nach Notwendigkeit Hyaluron unterspritzen.

Filler in die Nasolabialfalten habe ich einmal machen lassen, aber das ist nicht akut und ich finde, man sieht diese Filler meistens viel zu sehr um schön zu wirken.

Seit eh und je habe ich tiefe Augenringe, da kann ich hollywoodlike so viel schlafen wie ich will. Vor einigen Monaten las ich über die Möglichkeit, Augenringe durch Hyaluron aufzufüllen und abzumildern. Ich beriet mich daraufhin mit dem Plastikolgen meines Vertrauens hier in Chile (Freund eines Freundes und einer der Spitzenleute). Der sah da kein Problem und machte mir einen Freundschaftspreis. Normalerweise kostet das ca. 450 Euro. Er korrigierte nach zwei Wochen einmal nach, weil ein Auge mehr Filler angenommen hatte als das andere, aber jetzt sehe ich sehr viel erholter und entspannter aus.

Summa summarum habe ich in den vergangenen sechs Jahren rund 2500 Euro in mein Gesicht investiert. Dass ich da sehr privilegiert bin, ist mir bewusst.

Ich bin gerade sehr zufrieden und sehe mit fast 50 gut acht bis zehn Jahre jünger aus.

Und Sie so?

WMDEDGT 09/20.

Ja, ja, ich weiß. Ich bin satte neun Tage zu spät zum monatlichen „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“-Blogbeitrag (initiiert von der wunderbaren Frau Brüllen), den ich sowieso seit Mai nicht mehr gemacht habe. Dieses Blog wird ja offenbar seit einiger Zeit nur noch liederlich geführt, aber machen wir uns nichts vor: Wen interessiert es schon.

Nun gut, wir beginnen den 14. September um sechs Uhr achtunddreißig. Das scheint im beginnenden Frühling auf der Südhalbkugel meine standardisierte Erstaufwachzeit zu sein. Jeden ver-damm-ten Tag. Auch am Wochenende. Und das ist echt eine satte Stunde zu früh. Fand ich heute übrigens auch und schlief daher noch bis kurz vor halb neun weiter, denn: Es sind Schulferien vor dem chilenischen Nationalfeiertag am 18. September, eine Woche lang. Was natürlich nicht heißt, dass ich nicht trotzdem arbeiten würde. Aber eben nicht wie an den anderen Montagen und Dienstagen mit Unterrichtsbeginn um 9.40 Uhr bzw. mit Vorbereitung auf den Unterricht ab 8.30 Uhr.

Ich fühlte mich allerdings immer noch nicht wirklich wach, aber Herr Hund machte sich bereits empört bemerkbar und so warf ich mich in Jeans und T-Shirt, band mir meine Maske um und ging die morgendliche Hunderunde. Hinterher machte ich mir einen Kaffee, aß ein kleines Stückchen des Lemon Pie von gestern – handgefertigt und wirklich lecker vom Wundertütenmann. Danach war ich so geschwächt, dass ich mich umgehend wieder ins Bett legte und noch eine gute Stunde bis 11 Uhr schlief. Man muss es sich auch mal gönnen.

Ich duschte, wusch die Reste des Geschirrs vom gestrigen Freunde-Abend ab und freute mich noch nach, dass ich nach sechs Monaten Quarantäne, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen das erste Mal wieder Menschen in meine Wohnung einladen konnte. Das hat sehr gefehlt! Ich habe nämlich, obschon reichlich eigenbrötlerisch veranlagt, ganz gerne mal Menschen zu Besuch, die ich bewirten kann und die mir auch etwas bedeuten. Zumal gestern der Wundertütenmann dem zweiten inner circle vorgesetzt wurde. Prüfung bestanden.

Ich machte mir ein frühes Mittagessen mit den Resten vom Apfel-Sellerie-Hühnchen-Salat. Hier das Rezept, falls es jemand probieren mag.

– Stangensellerie und Braeburn-Äpfel, gleiche Menge, je ca. 300-400 g, fein würfeln
– zwei Zitronen, auspressen, 3 EL davon
-1 Avocado, mittelreif, in kleine Stücke schneiden
– Hühnchen, nach Belieben viel, ich habe etwa zwei Handvoll vom Supermarkt-Grillhähnchen abgezupft (Resteverwertung galore)
– Walnüsse, zerdrückt, etwa eine Handvoll, kann aber auch mehr
– Koriander, eine Handvoll, kleingeschnippelt (für Korianderhasser: Petersilie geht auch)
– 2 EL Mayo, 5 EL Joghurt
– Pfeffer, Salz, eine Prise Zucker
Mischen, fertig. Ziehen lassen kann, muss aber nicht.

Ich kann mir das Rezept auch mit Birne und Roquefort-Käse vorstellen.

Aber zurück zum Tagesablauf. Ich ging um 13 Uhr eine Hunderunde und setzte mich an den Schreibtisch, um eine Klausur vorzubereiten. Danach gab ich noch die Sammelnoten für das Semester ein. Insgesamt werden es fünf „kleine“ Noten sein, die während des nunmehr sechs Monate andauernden Online-Unterrichts die Teilnahmenote ersetzen. Es hilft, die Schüler bei der Stange zu halten, viel mehr aber auch nicht. Üben müssen sie schon von alleine.

Um halb fünf bezahlte ich noch einige Rechnungen und telefonierte mit einer Kollegin, mit der unsere Zoom-Feier zum Tag der Deutschen Einheit geplant wird. Die lange Liste mit den Quizfragen dafür sollten eigentlich unsere Studenten machen, aber… nun ja. Der Enthusiasmus der deutschstämmigen Chilenen dritter oder x-ter Generation für tatsächlich urdeutsche Themen lässt naturgemäß etwas zu wünschen übrig. Nun machen die Kollegin und ich die restlichen Fragen für das „Wer wird Millionär“-Quiz. Daran saß ich auch noch bis 21 Uhr nach einer kleinen einstündigen Siesta auf dem Sofa und letzter, ausgedehnter Hunderunde unter orangefarbenem Abendhimmel (ohne Waldbrandasche wie in Deutschland). Ich machte mir noch einen Toast mit Butter und Nutella und es ist mir ein Fest, den inneren Aufschrei einiger Leser zu hören, die das eine entsetzliche Ansammlung von Kalorien finden. Ich habe mir jedes einzelne Kilo an Hüfte und Bauch ehrlich und teuer erfressen!

Ich sah mir noch einige Folgen einer Koch-Doku an, videotelefonierte mit dem Wundertütenmann, um die Planung für die Feiertage zu besprechen und ging gegen 23.30 Uhr ins Bett.

Telenovela-Besetzungscouch.

Der hombre chilensis ist ja eine Art für sich. Höflich, zuvorkommend – das Türaufhalten gehört zum absoluten Standard -, hilfsbereit und mit im Vergleich zu den dem Latino-Klischee deutlich mehr entsprechenden anderen Südamerikanern zurückhaltendem Charme sehr angenehm. Aber! Laut einer Studie sind chilenische Männer die untreuesten in ganz Lateinamerika und deren weibliche Pendants stehen ihnen in nichts nach. Man treibt hier ganz allgemein keinen Raubbau an Gefühlen, das ganze Liebesding wird eher pragmatisch gesehen und langjährige Ehen funktionieren am besten, wenn jeder sein Ding macht. An und für sich kein Stoff, aus dem Latino-Telenovelas gestrickt sind. Mixt man da aber noch Frau Wortschnittchen dazu, Abenteurerin und dem männlichen Geschlecht in liebevoller Distanz zugetan, kann es interessant werden…

Für diejenigen, die später zugeschaltet haben, hier noch einmal ein kurzer Rückblick:

Der Verehrer
IT-ler, groß, schlank, bärtig, mit dunkelbraunen Augen und Grund genug, darüber nachzudenken, dass man ja nicht in Deutschland bleiben muss. Etwas mehr als ein Jahr ein mehr oder weniger treuer Begleiter, dem ich auf ewig dankbar sein werde, dass ich mich in ihn verlieben konnte und daraufhin meinem Leben einen ziemlichen Schubs gegeben habe. Kontaktstatus: wieder interessiert am Leben des jeweils anderen und nunmehr täglich kommentierend im Messenger. Telenovela-Rolle: unklar, der Mann im Dunkel, möglicherweise der ewige Dorn im Fleische des Herzens.

Der Caballero
Toningenieur bei Funk und Fernsehen. Tauchte auf, als der Verehrer ging. Klein, Bauchansatz, Bart, grünbraune Augen und mit türkisch-griechischen Vorfahren. Ein guter Begleiter für alle Lebenslagen, aber irgendwie… der Verehrer hatte mir mein Herz immer noch nicht zurückgegeben und der Caballero im Gegenzug einige charakterliche Mängel, die mich vorsichtig bleiben ließen. Immerhin: Man war fast eineinhalb Jahre zusammen, lebte fast fünf Monate sehr angenehm gemeinsam und letztendlich schied ich ohne Gefühlsverluste aus der Beziehung, als ich mehrfach Lügen aufdeckte. Kontaktstatus: mit dem Austausch Wohnungsschlüssel gegen Klamotten aus dem Leben gestrichen, Wiederaufnahme unnötig und vorerst unerwünscht. Telenovela-Rolle: keine

Der Journalist
Groß, schlank, bärtig, Charaktergesicht und Charaktertyp. Kurze Kennenlernphase während der Quarantäne-Einschränkungen und sehr starkes gegenseitiges Interesse, das nicht ausgelebt wurde. Kontaktstatus: er schaut jede meiner Stories sofort an und beobachtet mich. Telenovela-Status: unklar, der (möglicherweise) unerreichbare Mann, der beruflich irgendwie verbunden bleibt und der den Konjunktiv repräsentiert.

Der Wundertütenmann
Groß, schlank, bärtig, grüne Augen, konservativer Hippie, der immer für eine Überraschung gut ist, Landbewohner, Lehrer, Unternehmer, Vater und Besitzer von vier (!) Bernhardinern. Sofortige Sympathie, vom ersten Treffen an reisen wir in Lichtgeschwindigkeit durch die Ereignisse. Sofortige Integration in sein Leben, Partner in Crime-Verdacht. Auto ohne Bremsen. Kontaktstatus: ständig. Telenovela-Status: unklar, möglicherweise auf Crash-Kurs wegen zu hoher Geschwindigkeit, aber der Mann für den Moment.

Episodenrollen
Der Sportlernachbar, der Knochenbrecher und weitere Protagonisten, die zu treuen Begleitern wurden, aber es nicht zu einer länger dauernden Rolle schafften.

Ich hoffe, Sie sind nunmehr informiert und bleiben dabei.

WMDEDGT 05/2020.

Um 5.30 Uhr kam Herr Hund zu mir ins Schlafzimmer, nachdem er schon einige Minuten zuvor seine Spielzeuge im Wohnzimmer bollernd hin und her geschoben hatte. Ich schicke ihn wieder raus, was er mit einem genervten Seufzer konnotierte. Das Leben als Hund ist wahrlich ein schweres. Pünktlich um 7.15 Uhr kam er erneut ins Schafzimmer, fiepte und kam damit dem Handyalarm um 7.20 Uhr zuvor. Ich stand auf, bündelte meine Haare – oder das, was seit Beginn der Coronakrise und dem Schließen der Friseursalons davon übrig ist -, zog mich an und ging mit dem Hund seine Morgenrunde. Das Fiepen war wohl eher ein „Ich kann nicht schlafen, deshalb darfst du auch nicht“-artiges gewesen, weil Herr Hund nicht wirklich Dringendes zu erledigen hatte, sondern lieber schnuffelte.

Nach 20 Minuten war ich wieder daheim, fütterte ihn und musste bemerken, dass er wohl offenbar mit allen vier Pfoten falsch aufgestanden war. Nichts an seinem üblichen Trockenfutter konnte ihn begeistern, vielmehr nahm er einige Brocken ins Maul und spuckte sie mir demonstrativ vor die Füße. So nicht, mein Freund!, dachte ich und machte mir schnell einen Kaffee und zwei Toasts. (Natürlich fraß er sein Futter, aber es musste ja erst mal Protest sein.) Um halb neun saß ich am Schreibtisch, telefonierte kurz mit der Kollegin der Parallelklasse, um den Unterricht abzustimmen. Unsere beiden Klassen laufen mit identischen Inhalten zur gleichen Zeit und wir wollen ungefähr gleichzeitig damit fertig sein (Allgemeine Wirtschaftslehre I, Berufsschule).

Um 9.40 Uhr begann mein Unterricht, via Google Meet die gemeinsame Lösung im chilenischen Arbeitsrechtsfall. Danach noch eine Neueinführung: Ausbildungsverträge nach Berufsbildungsgesetz als Einstieg in das – in vielerlei verschiedenen Werken geregelte – deutsche Arbeitsrecht. Wieder einmal war ich froh, mein Jurastudium erfolgreich abgebrochen zu haben. Und wieder einmal war ich unglücklich, dass mein Spanisch für eine komplette Vorlesung zu chilenischem Arbeitsrecht eigentlich noch nicht ausreicht. Zweieinhalb Jahre Spracherwerb später habe ich noch nicht das Niveau, das ich gern präsentieren möchte. Hmpf.

Um halb zwölf und zwei Einzelgespräche mit zwei Schülern später telefonierte ich noch mit der Kollegin, die ebenfalls ihr Tagespensum nur mit Mühe und Not durchbekommen hatte. Und beiden fehlt der Präsenzunterricht gerade sehr.

Danach ging ich zum Zweitjob über und schrieb einige Mails zur Kontaktaufnahme für spätere Interviews, bevor ich um kurz nach halb eins mit Herrn Hund spazieren ging. Wir gingen die übliche Runde zum Hundeauslaufgehege, wo er eher lustlos mit zwei Artgenossen balgte. Wir machten einige Gehorsamkeits- und Geschicklichkeitsübungen (erwähnte ich schon, dass ich YouTube-Tutorials zur Hundehaltung und -Erziehung ganz großartig finde?), gingen dann heim, wo ich mir Farfalle mit Arrabiata plus Thunfisch machte. Es geht mit Sicherheit besser, aber mein Privatkoch ist gerade auf seinem Arbeitsprojekt außerhalb der Stadt und steht mir nicht zur Verfügung.

Nach dem Essen setzte ich mich wieder an meinen Schreibtisch und dankte erst einmal wem auch immer dafür, dass ich das erste Mal in meinem Leben ein Arbeitszimmer habe. Es ist purer Luxus!

Ich arbeitete bis um 17.50 Uhr an einigen Artikeln, bepuschelte zwischendurch ein wenig Herrn Hund, der brav in seinem Arbeitszimmerkörbchen lag und vor sich hin grunzte und schmierte mir eine Intensivtönung Mittelaschblond in die mittlerweile arg strapazierten Haare. Bis ich einen Friseurtermin bekommen kann, dauert das noch. Aber bis ich soweit bin, mir die Haare selbst zu schneiden, dauert es noch länger. Es gibt Dinge, die muss ich Profis überlassen. Tönen alleine geht, schneiden nicht.

Um viertel nach sechs startete ich die vorletzte Hunderunde für den heutigen Tag. Wir gingen wieder zur kleinen Plaza Rio de Janeiro, wo neben vielen Familien des Viertels auch einige Hundehalter umherspazierten. Ich ging das Risiko ein, Herrn Hund von der Leine zu lassen. Wir hatten das schon seit einigen Wochen geübt. Auf Pfiff kommt er mittlerweile (naja, fast immer). (Naja, fast.) Heute rannte er mit einem hässlichen Pinscher um die Wette, verkasematuckelte ihn nach allen Regeln der Kunst und kam dann einigermaßen zufrieden auf ungefähr eine halbe Minute Pfeifen angerannt. Ich entschied, dass es jetzt reichte, ließ ihn noch sein Bedürfnis machen und ging nach Hause. Dort machte ich mir um sieben den Rest Nudeln vom Mittagessen warm und goß mir ein Glas Merlot ein. Man kann Rotwein übrigens ziemlich gut auch direkt aus dem Kühlschrank trinken. Also, ich habe jedenfalls kein Problem damit. Aber dieser Merlot gehört sowieso zur Kategorie BBB (bueno, bonito, barato – gut, hübsch und günstig), da macht es eh nichts aus.

Ich korrigierte noch eine halbe Stunde lustlos an den Deutschklausuren von gestern herum und kümmerte mich um ein Nachlassverfahren für eine chilenische Freundin mit deutschem Kindsvater. Der Kindsvater ist schon vor fast vier Jahren verstorben und hat seinem Sohn einen Hausanteil in der Nähe von Coburg hinterlassen. Ich habe für die Freundin die Nachlassangelegenheiten in Deutschland geklärt und nun ist auch noch der Bruder des Kindsvaters verstorben und der Kleine ist erneut in eine Erbangelegenheit involviert. Es scheint, als hätte ich in den letzten vier Jahren ausschließlich für mich oder andere Nachlässe geklärt. Mittlerweile kenne ich mich einigermaßen aus, aber ich brauche das in Zukunft wirklich nicht mehr allzu oft. Ich mache das für sie auch fürs Karmakonto, aber es ist eben viel Arbeit. Danach zahlte ich noch einige Rechnungen. In Chile geht alles ohne Dauerauftrag. Die Menschen hier trauen Daueraufträgen nicht. Ich zahle am liebsten über Servipag, das ist ein Dienstleistungsportal, das jeden Versorger, jede Versicherung und jede Telefongesellschaft als Kunden hat und bei Eingabe der entsprechenden RUT (der ID-Nummer jedes Chilenen oder Ausländers, der hier lebt) alle zu zahlenden Rechnungen auflistet. Vermutlich treibt es europäischen Datenschützern die Tränen in die Augen, aber ich habe mich an die komplette Transparenz gewöhnt und finde es eher beruhigend, dass ich identifizierbar bin.

Um halb neun machte ich mich auf ins Bett, um noch eine Runde Nachrichten und zwei Folgen einer britischen Interior Design Real Life Doku zu sehen. Gegen halb zwölf machte ich mich bettfertig und schlief relativ bald ein.