Jahresendzeitfragebogen 2019.

Kommt es eigentlich nur mir so vor, dass die Zeit ab irgendeinem Zeitpunkt im Leben schneller zu vergehen scheint? Das ist jedenfalls mein Eindruck dieses Jahres 2019. Ob da in den vergangenen Jahren auch so war, können sich ja hier in den vergangenen 16 Jahren Jahresbilanz lesen: 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004 und 2003.*
*2011 habe ich ausfallen lassen. Aus Gründen.

Kommen wir zu 2019. Die 20er werden anders sein.

Zugenommen oder abgenommen?
Im hiesigen Winter zugenommen, ziemlich viel Schwabbelmasse. Ab Mitte 40 ist das alles nicht so richtig toll, es scheint immer mehr, dass sich das Fleisch vom Knochen löse wie bei so einem garen Brathendl. Immerhin gegen Ende des Jahres wieder erheblich abgenommen und durch die Aufnahme von Fahrradfahren als Transportmittel in meinen Alltag auch an Muskelmasse zugelegt. Ich sage nur: Knallwaden!

Haare länger oder kürzer?
Gleich lang, knapp über Schulter, mehr wird das bei mir nicht ohne erhebliche Hilfsmittel (und Geduld, die ich nicht habe). Wieder ein wenig dunkler, blond war ich jetzt über ein Jahr, aber es wurde irgendwann goldgelbblond und das mochte ich nicht. Jetzt bin ich wieder im Aschbereich, wo ich mich ganz wohlfühle. Die weißen Haare dürfen immer noch ein wenig warten.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Blind wie eh und je. Samt dreimonatigem Kontrolltrermin bei einem Spezialisten wegen der Gefahr der Makuladegeneration und Glaukom. Nicht schön.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Ich musste zweimal nach Deutschland fliegen. Einmal wollte ich dem hiesigen Winter entfliehen. Und einmal musste ich meine Schwiegermutter beerdigen und ihren Nachlass regeln. Meine CO2-Bilanz fällt ebenso grässlich aus.

Der hirnrissigste Plan?
Äh ja. Man kann ja darüber geteilter Meinung sein, ob so ein Fallschirmsprung über einem aktiven Vulkan sein muss. Aber ich wollte Abenteuer. Und ich bekam Abenteuer.

Die gefährlichste Unternehmung?
Ja, da fällt mir spontan dieses Dasein in einem am Bürgerkrieg lavierenden Land ein. Samt Ausgangssperre, brennender Barrikaden, mit Gummigeschossen gezielt auf Gesichter und Genitalien schießender Armee und Polizei, bekloppter Demonstranten, die einen aus dem Auto zwingen wollen, um für sie zu tanzen. Alles erlebt und ich kann immer noch nicht so recht darüber schreiben. Damit ist zum Thema Gefahr und individuellem Sicherheitserleben alles gesagt.

Das beeindruckenste Buch?
Ich habe nach langer Zeit mal wieder Elias Canettis „Masse und Macht“ durchgeblättert. Passend auf Ort, Zeit und Ereignisse.

Der ergreifendste Film?
Ich kann mich an keinen Film erinnern, obwohl ich mit Freunden und dem Caballero in einigen war. Ich war wohl zu beschäftigt mit dem Leben.

Das beste Theaterstück?
Da kommen wir dann zu dem, das auch als hirnrissiger Plan durchgehen könnte. Als ich im Mai von einer Kollegin gefragt wurde, ob ich denn nicht an einem Theaterprojekt des einzigen deutschsprachigen Theaters in Südamerika teilnehmen wolle, sagte ich spontan zu. Man soll ja immer auf den Bauch hören. Es wurde dann Don Carlos von Schiller, in einer gekürzten Zweistundenversion. Mit mir in einer Hauptrolle, der Königin. Das letzte Mal hatte ich in der 12. Klasse in einem Sketch eine Dienstmagd ohne viel Text gespielt. Und dann das. Es hat mir drei Monate lang jedes Wochenende geraubt, viel Nerven gekostet, mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich mit Künstlern nach wie vor nicht und dass ich tatsächlich ziemlich gut Schauspielen kann. Dankegerne, aber nicht wieder. (Es sei denn, ich bin die Regisseurin. Stay tuned.)

Das beste Lied?
Muse: Starlight.

Das schönste Konzert?
Das Konzert von Muse, kurz vor den Unruhen und der Krise in Chile, gemeinsam mit dem guten Freund C.. Wir haben die ganze Zeit wild getanzt und hinterher dafür gemeinsam gelitten. Er Knie, ich Hüfte. Gut, dass er Orthopäde ist.

2019 zum ersten Mal getan?
Aus einem Flugzeug gesprungen und dabei gedacht: Fliegen ist wunderschön und wenn ich jetzt sterbe, hatte ich alles. Einen eigenen Hund adoptiert. Ein Haus geerbt. Ein Haus verkauft. 2020 dann: ein Haus kaufen. Ich arbeite weiter an meiner Bucket-List.

2019 nach langer Zeit wieder getan?
Theater gespielt.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Arbeiten. Theaterproben. Ganz allgemein mit der Organisation und dem Aufbau meines Soziallebens.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Den neuen Freunden. Sowieso: unbezahlbar. Partner und Lebensgefährten kommen und gehen. Freunde, die wahren, kommen und bleiben. Und auch mit Salsa-Tanzen. Ganz entgegen des Vorurteils des Ex-Verehrers, ich würde es nie lernen: Ich habe es gelernt. Und ich bin verdammt gut darin. Take this, asshole.

Vorherrschendes Gefühl 2019?
Ich würde gerne wieder lieben. Vielleicht hilft mir der kleine Hund dabei.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Chile in der Krise, ein nachträglich festgestellter Vertrauensbruch allererster Qualität, Erbstreitigkeiten.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass ich ich bin und mich nicht mehr grundlegend ändern werde. Der Caballero hat es leider nicht begriffen. Aber wir bleiben dabei: mein Stall von Ex-Freunden, mit denen ich nach wie vor ein gutes Verhältnis habe, ist gut unterhalten und sie sind alle von gutem Blut.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Der Geburtstagsbesuch am anderen Ende der Stadt, unter Überwindung von brennenden Straßenbarrikaden, vielerlei Umwegen und drohender Ausgangssperre.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Freundschaft. Und einen Beutel voll mit Avocados und Zitronen vom Land.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Ich danke dir für deine Sturheit. Das hätte nicht jeder gewagt.“

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
„Du bist unter den Top 3.“

2019 war mit 1 Wort…?
Herausfordernd.

2020, ich wünsche mir von dir: einen Ort, an dem ich in eigener Erde meine Wurzeln eingraben kann, wo meine mühsam aus einem Avocadokern gezogene Pflanze, mein Hund und ich eine Heimat finden, einen Menschen und Begleiter in allen Lebenslagen, der mich liebt und den ich liebe und ansonsten weiterhin gute Gesundheit. Ist nicht zu viel verlangt, oder? 2020, sei der neuen Dekade würdig. Es werden meine 50er sein und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt. Mach das Beste draus, dann mach ich es auch.

Ein Gedanke zu „Jahresendzeitfragebogen 2019.

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