Scheitern.

Gern reichere ich meine Texte/Lebensanschauungen und Welterklärversuche mit Zitaten anderer Leute an. Meine Fans mögen das. Selbstredend vergesse ich nie, die Urheber zu nennen.

Zurzeit bewegt mich das Thema Scheitern. Berufliches, privates, allgemeines und technisches Scheitern. Überhaupt: einen Tag ohne Scheitern, den gibt es in meinem Leben eigentlich nicht. Das fängt schon damit an, dass ich es sehr selten schaffe, genügend Schlaf zu generieren. Ich gehe immer zu spät ins Bett oder scheitere am Einschlafen. Meine Tage enden oft gegen halb zwei Uhr und beginnen dann um viertel vor sieben. Und das ganz ohne Kinder, stellen Sie sich das mal vor! Dergestalt bin ich von kosmetischen Wundermitteln wie Concealer und pastös-langhaftendem Make Up abhängig. Aber das sind ja alles nur Peanuts.

Berufliches Scheitern ist ja viel schlimmer als Augenringe bis zu den Knien. Berufliches Scheitern knabbert an den Rändern der Existenz, stellt in unserer Leistungsgesellschaft den Menschen in Frage. Ich bin in meinem Berufsleben schon das ein oder andere Mal gescheitert. Es nagt und bohrt auch Jahre danach immer noch, dass ich es nicht geschafft habe, mein erstes Studium abzuschließen oder doch zumindest deutlich früher zu schmeißen, dass ich meinen Traum, Journalistin zu werden, nicht mit allem Elan weiter verfolgt habe, dass ich mich in manchen Situationen nicht härter, klarer, fordernder ausgedrückt habe und in anderen wiederum zu sehr. Wer weiß, wo ich heute wäre. Ich streue ein Zitat ein:

„Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter.“ (Ralph Waldo Emerson)

Mal abgesehen davon, dass ich erst einmal googlen musste, wer dieser Ralph Waldo Emerson eigentlich ist (ein amerikanischer Philosoph des 19. Jahrhunderts), wurde mir beim Nachdenken über mein berufliches Scheitern klar, dass der wesentliche Aspekt für das Scheitern in mir selbst liegt. Das meiste, was mich an der beruflichen Erfüllung, an der Durchsetzung meiner Pläne hinderte, ist auf mich selbst, meine Prägung, meine Komplexe, also ganz generell auf meinen Charakter zurückzuführen. Natürlich gibt es auch Aspekte, die exogen zu einem Scheitern geführt haben (Seilschaften, Intrigen, Strukturänderungen, unpassende Chefs, schlechtes Management der Führungsebene), ganz klar. Ich könnte höchstens meine Eltern und Erziehung dafür verantwortlich machen, dass ich einen großen Teil meines Lebens mit eher wenig Selbstvertrauen unterwegs war, aber irgendwann und eine lange Therapiephase später gilt diese Ausrede nur noch so mittel. Dann kann ich höchstens noch meine Neigung zu Aufschieberitis anführen, eine gewisse Antriebslosigkeit, die mich mitunter – und nicht nur im November – befällt, die zum Scheitern bei manchmal einfachsten Handlungen im Job führen kann. In letzter Konsequenz muss ich mich also mit meinem Charakter auseinandersetzen und die Gründe für das Scheitern suchen. Ich streue erneut ein Zitat ein:

„Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere; aber wir sehen meist so lange mit Bedauern auf die geschlossene Tür, dass wir die, welche sich für uns geöffnet hat, nicht sehen.“ (Alexander Graham Bell)

Diese Phase kommt immer wieder. Ich ärgere mich solange über etwas, das ich vermeintlich doch nicht ändern kann, und übersehe vollkommen, dass es rechts und links vielleicht Dinge gibt, die mich den Ärger vergessen oder von einer anderen Seite sehen lassen. Natürlich war ich traurig, dass unser Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen würde, oft verzweifelte ich regelrecht. Warum die, warum nicht ich/wir, die wir doch viel besser für ein Kind sorgen könnten? Missgunst inklusive. Ja, auch das kann man als Scheitern empfinden. Das nagt sehr lange an einem. Im Nachhinein denke ich, schade, aber dafür können wir vieles tun, was Eltern für eine ziemlich lange Zeit nicht oder nicht mehr spontan erleben können. Ich muss mich um andere Dinge sorgen als um ein Kind, ob das schlechter oder besser ist – geschenkt. Auch im Job kann ich den Tunnelblick manchmal nur schwer weiten. Hier ist doch wieder Platz für ein Zitat, denken Sie? Bitte schön:

„Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“ (Henry Ford)

Wenn ich heute meinen Job verlieren würde oder mich dafür entscheiden müsste, zu gehen (manchmal ist das eine ja nur ein my vom anderen entfernt), dann könnte ich mit Anfang/Mitte Vierzig mit Fug und Recht kapitulieren. Frau, wilde Vita, wenngleich sehr gute Zeugnisse, viel Berufserfahrung in allerlei Branchen. Ich wäre dann wohl schwer vermittelbar. Beruflich gescheitert, so würden Personaler denken. Ich müsste meine Vorstellungen überdenken, vielleicht einen, zwei, drei Jobs annehmen, um mich durchzubringen und nicht meinem Mann auf der Tasche zu liegen. Brotjob statt Neigungsjob, eben, möglicherweise unter meiner Qualifikation. Meiner beruflichen Passion, Dinge zu bewegen, kreative Lösungswege zu finden, zu texten, zu konzipieren und zu organisieren, könnte ich vielleicht nicht mehr nachgehen. Seltsamerweise habe ich bei derlei Aussichten weniger das Gefühl eines Scheiterns als bei einer persönlich verschuldeten Niederlage (s.o.). Auch das derzeitige Herzensprojekt steht immer wieder auf der Kippe, weil von so vielen externen Geld- und Meinungsgebern abhängig. Scheitert dieses Projekt unter meiner Mitwirkung, sollte es zustande kommen, dann würde es mich abgrundtief traurig machen. Wünschen Sie mir Glück dafür, davon hängt viel, sehr viel, vielleicht sogar mein Job, ab. Bleibt ein letztes Zitat:

„Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ (Samuel Beckett)

Genauso ist es. Mein Mantra: Isso. Aufstehen, weitermachen. Man kann es nur immer wieder versuchen. Falls Sie dazu Fachliteratur suchen – es gibt genügend Werke. Einfach die Suchbegriffe „Scheitern“ unter der Kategorie Bücher bei irgendeinem Online-Versandhandel eingeben. Falls Sie noch nicht wissen, was Sie sich zu Weihnachten wünschen sollen. Und falls Ihnen dieser Text und die Gedanken darin etwas ungeordnet erscheinen: Tja. Dann bin ich halt gescheitert.

8 Gedanken zu „Scheitern.

  1. scheitern, das gefällt mir. damit beschäftige ich mich ausgiebig, gefühlte tausend jahre schon. (aber warum die schuldfrage?)

    wie auch immer, ich wünsche auf jedenfall gutes gelingen für das hoffentlich zustande kommende projek, alle daumen sozusagen. egal, ob es dann scheitert oder nicht. oder nicht ganz.

    • Vielleicht sollte man sich lieber nicht ausgiebig mit dem Scheitern befassen, das kann ja auch in eine Gedanken- und Unbeweglichkeitsspirale führen, aus der zu befreien einem umso schwerer fällt.

  2. Scheitern ist ok. Und gehört dazu, letztlich ist es Realitätsabgleich: Was kann ich in meiner Umwelt von meinen Träumen verwirklichen?
    Das lange Reiten längst toter Pferde ist das größere Problem. Das habe ich erst gelernt, als es richtig weh getan hatte. (oder, um im Bild zu bleiben, als es schon stank)
    Zu jeder Strategie gehört auch eine Exitstrategie und zu jeder Neigung eine Sicherung.

    • Ja, und manchmal muss man sich dann auch der harten Realität stellen, dass ein Traum unerfüllt bleibt. Wenn ich es nicht schaffe, etwas zu verwirklichen, dann hat es einen Grund. Besser, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, bevor man sich finanziell oder gesundheitlich ruiniert.

      Das Reiten toter Pferde trifft ja übrigens auch sehr schön den Zustand, bei Partnern zu bleiben, die schon längst abgeschossen gehören.

      • Exitstrategie, das sagen Sie was. Sehr früh im Leben gab mir jemand den interessanten Rat, alle sieben Jahre etwas Neues anzufangen.

        Beim erstenmal ist mir das fast punktgenau gelungen. Nach acht Jahren warf ich alles von heute auf morgen hin, meine Firmenanteile verschenkte ich mehr oder weniger, um wirklich meine Ruhe zu haben. In der folgenden Pause merkte ich erst, wie erschöpft und schlaflos ich mittlerweile war. Einige Zeit haderte ich mit mir, so einen Riesenhaufen Geld weggeworfen zu haben. Außer diesen vorübergehenden Selbstvorwürfen hatte ich nicht das Gefühl, gescheitert zu sein.

        Schon gar nicht mehr, als ich danach etwas völlig anderes anfing und das sofort sehr gut lief. Wie beim erstenmal trug mich das unglaublich gute Gefühl, wenn etwas gelingt, von dem ich zunächst überhaupt keine Ahnung hatte.

        Leider habe ich daraus nichts gelernt oder das Gelernte vergessen, inzwischen bin ich mehr als das Doppelte über den sieben Jahren. Ich kann sogar genau sagen, wann der Zeitpunkt zum Absprung gewesen wäre. Davon abgehalten hat mich seltsamerweise genau das Geld, ohne das ich beim erstenmal sehr gut ausgekommen war.

        Ich betrachte das als Scheitern, obwohl es von außen vielleicht nicht so aussieht. Gar nicht finanziell, sondern persönlich, weil mich das in den letzten Jahren aus dem Gleichgewicht geworfen hat (milde formuliert).

        Besonders ärgerlich ist, dass ich nebenher längst neu angefangen habe und wieder überrascht bin, dass das überhaupt läuft. Es wäre nur noch besser und viel einfacher, wenn ich mich ganz dafür entschieden hätte. Dieses Versagen muss ich mir erst einmal richtig eingestehen, wozu ich gerade Gelegenheit habe, weil ich in Manila gerade wie üblich auf jemanden warte, der im Verkehr steckt (oder noch gar nicht losgefahren ist).

        Sorry für den langen Text, ich habe – wie man sieht – gerade Zeit.

  3. Liebes Wortschnittchen,

    ich lese ab und zu Deinen Blog und wünsche Dir viel Glück, für Dein Herzensprojekt!

    Anbei zwei weitere passende Zitate zum Thema:

    1. Max Levchin, Mitbegründer und ehemaliger Cheftechnologe des Online-Bezahldienstes Paypal: „Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite Unternehmen ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, aber immer noch gescheitert. Und wissen Sie, das dritte Unternehmen ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Es war keine großartige Geschichte, aber es funktionierte. Nummer fünf war dann Paypal.“ (aus brand eins 11/2014)

    2. „Weiter, immer weiter!“ (Oliver Kahn)

    Also, immer optimistisch bleiben!

    Lieben Gruß

    Fußballer

  4. großer text, einer, den ich immer nicht schreiben will, gerade das hin und her zwischen eigener und fremdverantwortung, dann will man so einen mittelweg finden zwischen pragmatismus und hoffnung und findet keine ruhe. aber es geht doch fast allen so! die meisten haben bei irgendeinem thema das gefühl des scheiterns, oder nicht?
    ich versuche, meine verschiedenen beendeten projekte nicht als scheitern zu sehen, es waren einfach nicht die richtigen projekte, sie funktionierten eine zeitlang, dann änderte sich etwas in der welt oder in mir, und ich konnte nicht weiter. scheitern ist so ein überich-urteil, gescheitert bist du, wenn du verschuldet, im knast oder auf der strasse bist, wenn es keine alternativen mehr gibt. ich versuche, meine diversen versuche einfach unter „hat nicht funktioniert“ abzubuchen und mein nichtpassen in der welt nicht als etwas zu sehen, wofür ich verantwortlich bin. klappt nicht hundertpro, gerade bei den vielen körben und nicht beantworteten bewerbungen der letzten jahre, aber hilft dabei, die vielen guten momente zu leben und genießen, freunde, liebe, bücher, musik, essen. ich möchte meine wertmaßstäbe selber finden und nicht die nehmen, die gesellschaftlich vorgegeben sind. das klappt sicher auch bei dir oft, man macht nicht jede mode mit und springt nicht auf jeden trend auf, diese unabhängigkeit will ich auch bei meinem umgang mit dem finanziellen und gesellschaftlichen erfolg andrer leute. den kann ich nicht, also versuche ich, ohne glücklich werden. das leben ist jetzt.

    ich wünsche viel glück und alles gute bei deinem projekt!

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