WMDEDGT 11/18.

Ich bin einen ganzen Tag zu spät dran, denn der 5. eines jeden Monats ist Stichtag für das Projekt von  Frau Brüllen. Aber sei’s drum, wir sind ja hier am Ende der Welt und ich tue einfach mal so, als hätte ich das alles schon gestern getippt.

Mein Tag begann – wie so oft in der letzten Zeit – zwischen halb fünf und fünf Uhr morgens. Es ist nämlich irgendwie symptomatisch, dass ich um diese Uhrzeit aufwache, mich über das frühe Aufwachen ärgere und dieses eben auch so intensiv, dass ich nicht mehr einschlafen kann. Möglicherweise ein Vorgeschmack auf die Wechseljahre, da soll man ja Schlafstörungen entwickeln, aber noch ist mein Hormonstatus im grünen Bereich, sagte der Arzt des Vertrauens beim letzten Blutcheck. Wie dem auch sei: aufstehen musste ich ohnehin um sieben, dödelte aber noch ein wenig im Internet lesend herum, bis ich es um halb acht schließlich zur Morgenhygiene ins Bad schaffte. Ich wusch meine Haare und nach einem Blick aus dem Fenster auf den sonnenbeschienenen Balkon entschied ich: heute wird luftgetrocknet, Locken kommet!

Ich zog mich schnell an, knautschte etwas Arganöl ins Haar und setzte mich mit Kaffee und Marmeladentoast auf den Balkon. Dieser geht in Richtung Südost, was auf der anderen Erdhalbkugel angenehme Kühle im Sommer, aber eben auch nur eine knappe Stunde Sonne im Sommer morgens bedeutet. Ich sonnte mich ein wenig und spürte, wie sich meine sonst glattgeföhnten und gebügelten Haare in lustige Kringel und Wellen legen wollten. Bei knapp schulterlangem Haar besteht immer die Gefahr, dass daraus eine Trapezfrisur im Stil der jungen Madonna wird, deshalb band ich mir die Haare doch lieber zu einem Wuscheldutt zusammen, bevor ich um neun das Haus verließ.

Ich lief meine üblichen 950 Meter zur U-Bahn und machte mich auf den Weg zum Außenministerium. Dort wollte ich mein Diplomzeugnis – übersetzt und beglaubigt – gegenbeglaubigen lassen, um dieses dann wiederum der Universidad de Chile zur Anerkennung zu übergeben. In der Beglaubigungsstelle des Außenministeriums musste ich nur knapp fünf Minuten warten, was mich verwunderte, wollen doch derzeit sehr viele Venezolaner, Brasilianer und Kolumbianer ihre Zeugnisse beglaubigen lassen. Vielleicht war es die für südamerikanische Verhältnisse frühe Stunde, das lohnt sich hier, vor zehn läuft der gemeine Latino nicht auf. Jedenfalls lief mein Anliegen auf Grundeis: die Beglaubigungsstelle der deutschen Botschaft in Santiago hatte alles ordnungsgemäß beklebt und bestempelt – aber die Unterschrift fehlte! Das hatte die Mitarbeiterin glatt vergessen! Ohne Unterschrift keine Beglaubigung, beschied mir die freundliche Außenministeriumsmitarbeiterin und bat mich, einfach noch einmal vorbei zu kommen.

Ich begann, mit meiner inneren Axt auszuholen und gegen deutsche Botschaft zu schwingen, aber es nützte ja nichts. Mit etwas Glück würde ich es noch rechtzeitig vor Ende der Sprechzeiten in die Botschaft schaffen. Dachte ich. Geriet aber auf Abwege, denn auf dem Weg zur U-Bahn überlegte ich, es einfach mal auf gut Glück bei der Universidad de Chile zu versuchen und vielleicht auch ohne Unterschrift und Außenministeriumsbeglaubigung zur Titelanerkennung zu gelangen. Man weiß ja nie.

In der Universidad wusste man auch nicht, aber was man wusste: die Webseite war aufgrund von Wartungsarbeiten abgeschaltet, Dokumente für die Anerkennungsstelle konnten weder down- noch upgeloaded werden und überhaupt hatte man sich im dortigen Büro entschieden, das Arbeiten bis Ende Dezember deshalb einzustellen und keine neuen Anträge mehr anzunehmen. Was insofern etwas blöd ist, denn ich muss bis zum 23. November meinen anerkannten Titel für mein Post Graduate Studium vorlegen. Ohnehin, so beschied mir der freundliche Herr am Empfangstresen, sei mit einer Anerkennungszeit von sechs Monaten zu rechnen. Äh, ja. Meine innere Axt schwang gegen die Mauern der Universidad und möglicherweise stürzt das Gebäude bald ein.

Aber nun auf zur Botschaft, dachte ich, denn es war mittlerweile viertel nach zehn und um 12 schließt man dort auch die Pforten. Ich wollte aber ungern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, denn auch hier weiß man nie. Also fuhr ich zurück nach Hause, stieg in mein Auto – es war nun kurz vor elf – und fuhr eilig die 15 Minuten bis zur Botschaft. Mit den Öffentlichen hätte das eine knappe Stunde gedauert, nur so als Anhaltspunkt. Nicht alles ist hier gut angebunden, aber immer noch besser als nichts. Ich parkte ganz in der Nähe auf dem Schulparkplatz meines Institutos und ging die Viertelstunde zu Fuß. Beachten Sie die Zeitplanung? Es war ganz genau halb zwölf mittags als ich in der Botschaft ankam. Leider konnte man mein Begehr heute aber nicht mehr entgegen nehmen, denn es hatte einen Systemfehler gegeben und die Computer mussten gewartet werden. Man beschied mir, ich solle doch Morgen wiederkommen. Mittlerweile war meine innere Axt stumpf geworden.

Ich fuhr also unverrichteter Dinge nach Hause und empfing noch eilig den Klempner, der die schlecht geglättete Silikonversiegelung rund um die Toilette erneuern sollte. Das hinterher präsentierte Ergebnis war wiederum nicht zufriedenstellend und ich zeigte ihm mittels Spülmittel und beherzt eingesetztem Zeigefinger, WIE ZUM TEUFEL MAN SILIKONFUGEN GLATT UND SAUBER HINBEKOMMT. Ich hatte auch nur ganz wenig schlechtes Gewissen, so klugscheißerisch unterwegs zu sein, aber – Himmel! Das ist Handwerkerbasiswissen! Die innere Axt hatte ich vor lauter Ärger vergessen.

Gegen 14 Uhr machte ich mich auf den Weg zur Bowlingbahn, um die Anzahlung für eine Reservierung zu leisten. Seit Neuestem war ich nämlich Eventorganisatorin für eine Expat-Community und für die binnen drei Stunden ausgebuchte Veranstaltung musste ich den Termin endgültig festmachen. Als ich um 15 Uhr nach Hause zurückkehrte, hatte ich einen Bärenhunger und aß Couscous mit Restthunfisch und Joghurt. Danach setzte mich mich an meine Unterrichtsvorbereitung für Morgen und machte eigene Hausaufgaben für den Spanischunterricht am Abend.

Dorthin brach ich um kurz vor sechs auf, lernte brav den Gebrauch von Plusquamperfekt und weiterer Vergangenheitsarten, um dann gegen halb neun wieder in der Wohnung zu sein. Ich chattete noch ein wenig mit Freunden und beschloss, nur noch ein bisschen Netflix zu schauen. Nichts Spannendes, derzeit, und so ging ich um elf ins Bett.

 

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