WMDEDGT 12/18.

Der 5. eines jeden Monats ist Stichtag für das Projekt von  Frau Brüllen und die Form des monatlichen Tagebuchschreibens. 

Pünktlich um halb sieben wachte ich das erste Mal auf, weil draußen die Bomberos (Feuerwehr) vorbeijaulten. Ich habe keine Idee, ob sich die deutschen und chilenischen Feuerwehrzüge in Punkto Lautstärke tatsächlich unterscheiden. Aber gefühlt ist die chilenische Feuerwehr mit Düsenjets unterwegs, die Einem direkt das Trommelfell wegblasen. Ich nickte wieder ein, bis um kurz nach sieben der Wecker klingelte. Draußen war die Fortsetzung des gestrigen diesigen Regentages zu sehen und damit auch keine Andenkordilleren am Horizont, ein Anblick, über den ich mich jeden Tag aufs Neue freuen kann.

Ich las ein bisschen im Internet herum, bevor ich mich gegen halb acht aus dem Bett quälte. Der Tag sollte etwas mühsam beginnen, mir tat immer noch die rechte Schulter weh, etwas hatte sich verzogen. Anscheinend wird das Haus langsam morsch und die Türen beginnen, ihren Rahmen zu verlassen, so scheint es. Also kein morgendliches Joggen, zumal ich die Ahnung hatte, dass die monatlich wiederkehrenden Frauenbeschwerden heute anfangen würden. Ich duschte, zog mir eine Jeans und „Irgendwas“ (T-Shirt) an und schminkte mich äußerst unlustig für den bevorstehenden Chef-Termin. Vorher musste ich noch einige ebenfalls unlustige Telefonate führen. Warum man seinem Geld bei Verlagen immer hinterherrennen muss… Zahlungsmoral ist offenbar branchenimmanent verschieden.

Um halb elf warf ich mich in mein Auto und fuhr zur Berufsschule. Dort angekommen, holte ich mir erst einmal einen Kaffee im Lehrerzimmer. Dieser gehört zu den stärksten, die in Chile zu bekommen sind und das macht mich glücklich, denn der erste des Tages, noch daheim, hatte mich nicht wirklich wachbekommen können. Der Chef-Termin verlief wie immer ergebnisorientiert und pragmatisch. Das mag ich an meinem Boss: er ist nicht nur ein ausgezeichneter Pädagoge, sondern hat durch seinen ebenfalls recht bunten Lebenslauf ein Gespür für Mögliches, Machbares und die effektivste Form der Umsetzung. Ich erfuhr einige Neuigkeiten, die meine zukünftige Form des Unterrichtens auf das Angenehmste modifizieren werden und gemeinsam planten wir zwei wichtige Projekte vor, eines davon mit China-Bezug. In Hong Kong war ich ja auch noch nicht.

Gegen halb eins fuhr ich wieder in mein Home Office, wo ich die letzten Klausuren korrigierte, die Endnoten noch einmal überprüfte und mir ein schnelles Mittagessen von gestern aufwärmte. Danach musste ich zu DHL-Chile, um einen Umschlag an meine Vermieterin nach Spanien weiterzuleiten. Ein teures Vergnügen! Für sie, aber sie wird mit einer deutschen Forschungseinrichtung zusammenarbeiten und das freut mich. Sie ist eine sehr ehrgeizige Soziologin und je länger sie in Europa bleibt, desto besser für mich, denn ich würde gern bis mindestens Ende kommenden Jahres in ihrer Wohnung bleiben. Danach sehen wir weiter. Eigentumserwerb einer Wohnung oder eines Hauses nicht ausgeschlossen.

Um drei traf ich mich mit einer Freundin und deren Freund auf einen Kaffee. Wir plauderten ein wenig, sie erklärte mir etwas genauer, was es mit Chanukka auf sich hat und welche Gerichte sie für Morgen Abend vorbereiten würde. Ich bin zwar eingeladen, kann aber leider nicht, was sehr schade ist. Dafür planten wir ein wenig für Silvester vor. Auch hier: drei Einladungen habe ich, aber keine macht mich so wirklich an. Ihre Idee, einfach eine kleine Dachterrassenparty zu veranstalten und Wunderkerzen anzuzünden, finde ich sehr viel charmanter als alle anderen. Da in diesem Jahr kein Herzblatt in Sicht ist, mit dem ich wirklich gern ins Neue Jahr feiern möchte, ist es zwar eigentlich egal, aber so eine Party wäre sicher sehr nett.

Gegen fünf verabschiedete mich und stürzte mich ins Abenteuer Fahrradfahren im beginnenden Santiagoer Feierabendverkehr. Merke: Busfahrer haben offenbar noch nichts von den neuen Gesetzen zum Schutz und zur Wahrung des Abstands zu Radfahrern gehört. Das nächste Mal also unbedingt auf Nebenrouten ausweichen. Das ist mir dann doch einen Tick zu gefährlich. Glücklich Zuhause angekommen räumte ich ein wenig auf, hängte die Wäsche ab und chattete noch ein wenig mit dem (Ex-) Verehrer, mit dem nach einem Monat Funkstille nun wieder gesprochen wird. Es gab keinen konkreten, aber viele kleine Anlässe, bis ich schlussendlich die Reißleine zog und ihm sehr deutlich sagte: „Lass mich in Ruhe.“ Wir gehen vorsichtig an die Erneuerung unserer Freundschaft heran. Auch im Interesse unserer gemeinsamen Freunde, die in diesem Monat viel versucht hatten, uns einander wieder näher zu bringen.

Eigentlich hatte ich keine Lust auf Gesellschaft, aber wie so oft in diesen letzten zwei Jahren entschied ich mich spontan um. Die Eröffnung einer Bar ganz in der Nähe und einige Freunde lockten, sodass ich gegen viertel nach acht dort eintrudelte. Zu meiner Überraschung hatten sich mehr Bekannte eingefunden als gedacht (es war auch als Event der Online-Community Internations angekündigt) und es wurde überaus lustig. Nicht nur, dass mein venezolanischer Lieblingstänzer immer neue Salsa-Figuren mit mir probierte, nein, auch der, nun, nennen wir ihn einmal der Einfachheit halber berufsbezogen, „Knochenbrecher“* war anwesend und unterhielt mich mit Ironie und hintergründigen Anspielungen auf gemeinsam verbrachte Stunden. Gegen viertel nach eins und dreieinhalb schlüpfrige Anspielungen später verabschiedete ich mich und ging allein durch die leeren Straßen meines Viertels nach Hause und schlafen.

 

*in der weitergeführten Telenovela wird er seinen Platz finden, aber um von einer Episodenrolle in eine Nebenrolle zu gelangen, reicht es wohl nicht. Das Drehbuch lebt von Helden, Herz und Schmerz und da ist noch einiges offen.

 

 

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