WMDEDGT 05/2020.

Um 5.30 Uhr kam Herr Hund zu mir ins Schlafzimmer, nachdem er schon einige Minuten zuvor seine Spielzeuge im Wohnzimmer bollernd hin und her geschoben hatte. Ich schicke ihn wieder raus, was er mit einem genervten Seufzer konnotierte. Das Leben als Hund ist wahrlich ein schweres. Pünktlich um 7.15 Uhr kam er erneut ins Schafzimmer, fiepte und kam damit dem Handyalarm um 7.20 Uhr zuvor. Ich stand auf, bündelte meine Haare – oder das, was seit Beginn der Coronakrise und dem Schließen der Friseursalons davon übrig ist -, zog mich an und ging mit dem Hund seine Morgenrunde. Das Fiepen war wohl eher ein „Ich kann nicht schlafen, deshalb darfst du auch nicht“-artiges gewesen, weil Herr Hund nicht wirklich Dringendes zu erledigen hatte, sondern lieber schnuffelte.

Nach 20 Minuten war ich wieder daheim, fütterte ihn und musste bemerken, dass er wohl offenbar mit allen vier Pfoten falsch aufgestanden war. Nichts an seinem üblichen Trockenfutter konnte ihn begeistern, vielmehr nahm er einige Brocken ins Maul und spuckte sie mir demonstrativ vor die Füße. So nicht, mein Freund!, dachte ich und machte mir schnell einen Kaffee und zwei Toasts. (Natürlich fraß er sein Futter, aber es musste ja erst mal Protest sein.) Um halb neun saß ich am Schreibtisch, telefonierte kurz mit der Kollegin der Parallelklasse, um den Unterricht abzustimmen. Unsere beiden Klassen laufen mit identischen Inhalten zur gleichen Zeit und wir wollen ungefähr gleichzeitig damit fertig sein (Allgemeine Wirtschaftslehre I, Berufsschule).

Um 9.40 Uhr begann mein Unterricht, via Google Meet die gemeinsame Lösung im chilenischen Arbeitsrechtsfall. Danach noch eine Neueinführung: Ausbildungsverträge nach Berufsbildungsgesetz als Einstieg in das – in vielerlei verschiedenen Werken geregelte – deutsche Arbeitsrecht. Wieder einmal war ich froh, mein Jurastudium erfolgreich abgebrochen zu haben. Und wieder einmal war ich unglücklich, dass mein Spanisch für eine komplette Vorlesung zu chilenischem Arbeitsrecht eigentlich noch nicht ausreicht. Zweieinhalb Jahre Spracherwerb später habe ich noch nicht das Niveau, das ich gern präsentieren möchte. Hmpf.

Um halb zwölf und zwei Einzelgespräche mit zwei Schülern später telefonierte ich noch mit der Kollegin, die ebenfalls ihr Tagespensum nur mit Mühe und Not durchbekommen hatte. Und beiden fehlt der Präsenzunterricht gerade sehr.

Danach ging ich zum Zweitjob über und schrieb einige Mails zur Kontaktaufnahme für spätere Interviews, bevor ich um kurz nach halb eins mit Herrn Hund spazieren ging. Wir gingen die übliche Runde zum Hundeauslaufgehege, wo er eher lustlos mit zwei Artgenossen balgte. Wir machten einige Gehorsamkeits- und Geschicklichkeitsübungen (erwähnte ich schon, dass ich YouTube-Tutorials zur Hundehaltung und -Erziehung ganz großartig finde?), gingen dann heim, wo ich mir Farfalle mit Arrabiata plus Thunfisch machte. Es geht mit Sicherheit besser, aber mein Privatkoch ist gerade auf seinem Arbeitsprojekt außerhalb der Stadt und steht mir nicht zur Verfügung.

Nach dem Essen setzte ich mich wieder an meinen Schreibtisch und dankte erst einmal wem auch immer dafür, dass ich das erste Mal in meinem Leben ein Arbeitszimmer habe. Es ist purer Luxus!

Ich arbeitete bis um 17.50 Uhr an einigen Artikeln, bepuschelte zwischendurch ein wenig Herrn Hund, der brav in seinem Arbeitszimmerkörbchen lag und vor sich hin grunzte und schmierte mir eine Intensivtönung Mittelaschblond in die mittlerweile arg strapazierten Haare. Bis ich einen Friseurtermin bekommen kann, dauert das noch. Aber bis ich soweit bin, mir die Haare selbst zu schneiden, dauert es noch länger. Es gibt Dinge, die muss ich Profis überlassen. Tönen alleine geht, schneiden nicht.

Um viertel nach sechs startete ich die vorletzte Hunderunde für den heutigen Tag. Wir gingen wieder zur kleinen Plaza Rio de Janeiro, wo neben vielen Familien des Viertels auch einige Hundehalter umherspazierten. Ich ging das Risiko ein, Herrn Hund von der Leine zu lassen. Wir hatten das schon seit einigen Wochen geübt. Auf Pfiff kommt er mittlerweile (naja, fast immer). (Naja, fast.) Heute rannte er mit einem hässlichen Pinscher um die Wette, verkasematuckelte ihn nach allen Regeln der Kunst und kam dann einigermaßen zufrieden auf ungefähr eine halbe Minute Pfeifen angerannt. Ich entschied, dass es jetzt reichte, ließ ihn noch sein Bedürfnis machen und ging nach Hause. Dort machte ich mir um sieben den Rest Nudeln vom Mittagessen warm und goß mir ein Glas Merlot ein. Man kann Rotwein übrigens ziemlich gut auch direkt aus dem Kühlschrank trinken. Also, ich habe jedenfalls kein Problem damit. Aber dieser Merlot gehört sowieso zur Kategorie BBB (bueno, bonito, barato – gut, hübsch und günstig), da macht es eh nichts aus.

Ich korrigierte noch eine halbe Stunde lustlos an den Deutschklausuren von gestern herum und kümmerte mich um ein Nachlassverfahren für eine chilenische Freundin mit deutschem Kindsvater. Der Kindsvater ist schon vor fast vier Jahren verstorben und hat seinem Sohn einen Hausanteil in der Nähe von Coburg hinterlassen. Ich habe für die Freundin die Nachlassangelegenheiten in Deutschland geklärt und nun ist auch noch der Bruder des Kindsvaters verstorben und der Kleine ist erneut in eine Erbangelegenheit involviert. Es scheint, als hätte ich in den letzten vier Jahren ausschließlich für mich oder andere Nachlässe geklärt. Mittlerweile kenne ich mich einigermaßen aus, aber ich brauche das in Zukunft wirklich nicht mehr allzu oft. Ich mache das für sie auch fürs Karmakonto, aber es ist eben viel Arbeit. Danach zahlte ich noch einige Rechnungen. In Chile geht alles ohne Dauerauftrag. Die Menschen hier trauen Daueraufträgen nicht. Ich zahle am liebsten über Servipag, das ist ein Dienstleistungsportal, das jeden Versorger, jede Versicherung und jede Telefongesellschaft als Kunden hat und bei Eingabe der entsprechenden RUT (der ID-Nummer jedes Chilenen oder Ausländers, der hier lebt) alle zu zahlenden Rechnungen auflistet. Vermutlich treibt es europäischen Datenschützern die Tränen in die Augen, aber ich habe mich an die komplette Transparenz gewöhnt und finde es eher beruhigend, dass ich identifizierbar bin.

Um halb neun machte ich mich auf ins Bett, um noch eine Runde Nachrichten und zwei Folgen einer britischen Interior Design Real Life Doku zu sehen. Gegen halb zwölf machte ich mich bettfertig und schlief relativ bald ein.

 

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