Pandemüde.

Ja, die Wortschöpfung ist bereits durchgeritten bis aufs Fleisch, aber mehr fällt mir an dieser Stelle als Titel auch nicht ein. Es hat mich erwischt. Nicht Corona, nein, das nicht, hoffe ich jedenfalls. Sondern die Müdigkeit, die Erschöpfung, das Überdrüssig sein aller Einschränkungen, der stetigen Jammerei, der immer neuen deutschen Pandemie-Organisationsdesaster, die ich von Chile aus verfolge.

Nein, ich muss nicht ständig die Medien verfolgen, mich nicht in den sozialen Netzwerken herumtreiben. Es reicht, dass die Grundstimmung in meine Knochen einsickert wie Gift. Ich werde unleidlich gegenüber den Menschen. Sie machen mich müde. An manchen Tagen wünsche ich mich ans südliche Ende des Landes, mit nichts um mich als Natur, Leere, Himmel und Stille. Als ob das gerade möglich wäre! Meine Reiseberechtigung habe ich für fünf Tage Pazifikküste schon im Januar genommen, bis Ende März geht nichts mehr. Nach Deutschland reisen halte ich derzeit für gefährlich. Bis ich meine Impfungen nicht erhalten habe, möchte ich mich keinem Risiko aussetzen.

Nein, die Bevölkerung mache ich nicht verantwortlich dafür. Jeder einzelne hat nach Erkennen des tatsächlichen Ausmaßes sicherlich seine Vorkehrungen getroffen. Hoffe ich jedenfalls. Ich mache die Föderalstruktur, die zaudernden Politiker und die Unfähigkeit der Regierung, während eines Wahljahres unliebsame und wirksame Entscheidungen zu treffen, verantwortlich für etwas, das sich aus meiner Sicht als chaotische und schlimme Planung und Organisation im Krisenfall darstellt.

Ich habe meine Freunde und meine Familie mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen und ich hätte dringende Dinge zu erledigen, die über die Distanz einfach zu schwierig sind. Meinen Vater würde ich auch gerne sehen, er ist sehr krank und es ist unklar, wie lange er uns noch erhalten bleibt. (Diesen Ausdruck finde ich in diesem Zusammenhang selbst ein wenig seltsam, aber es geht bei einem demenz- und krebskranken 76-Jährigen halt eben nur noch um „Erhaltung“.) Es geht halt nicht. Natürlich reisen Kollegen und Freunde durch die Weltgeschichte, aber mir ist unwohl bei dem Gedanken an 22 Stunden Reise in einem Kasten und danach quer durch Deutschland. Meine Reise- und Lebenslust ist derzeit erheblich eingeschränkt, endo- und exogen.

Außerdem plagen mich irrationale Existenzängste. Wer meine finanzielle Situation kennt, lächelt milde. Mir geht es sehr gut. Ich arbeite, weil es mir Spaß macht und Sinn gibt und nur an untergeordneter Stelle für Geld. Aber ich habe Angst davor, dass alles verschwindet, sich in Luft auflöst, mein Geld nichts mehr wert sein wird. Wie seltsam, diese Gedanken. Noch seltsamer dieses diffuse Gefühl, dass bald alles verschwindet, sich auflöst in einem Nebel der globalen Agonie. Klimawandel? Ja, der auch.

Ich habe es gegenüber einer Freundin letztens so formuliert: „2020 hat mir die Flügel beschnitten, 2021 wird mich hoffentlich nicht abstürzen lassen.“ Oder, dieses Jahr wird mir gleich einer Eidechse einen neuen Schwanz die Flügel wieder wachsen lassen. Nachdem ich aus der Pandemüdigkeit aufgewacht bin.

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