[Was schön war] #kw22/17.

Die vergangene Woche war vor allem aus einem Grund sehr schön: Wasser. Viel Wasser.

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Die Kurzreise zu den Wasserfällen nach Iguazu am Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay hat sich voll und ganz gelohnt. Untergebracht war ich in einer Lodge mitten im Wald, mit nichts um mich herum außer dem Quietschen der Geckos und dem Rufen der Vögel. Trotz Dauerregens einen Kolibri gesehen, dessen Insektenschwebeflug alle Regentropfen umging. Dass in der Lodge ausgezeichnetes WLAN vorhanden war, kostenfrei – geschenkt. Ich bin immer wieder entsetzt, wie wenig Kundenorientiert deutsche Hoteliers agieren, indem sie die Kosten für WLAN noch einmal als Extra aufschlagen.

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Einen halben Tag in Brasilien verbracht, südamerikanische Nasenbären von meiner Aussichtsbank vertrieben, dafür unflätig von ihnen angekeift worden und vor einer Wasserwand gestanden, die ungemein beeindruckend war. Nicht schön: keinen Stempel von Brasilien in den Pass bekommen.

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Den nächsten, ganzen Tag volles Programm der Wasserfälle auf argentinischer Seite. Die Reiseagentur hatte die Dramaturgie sehr gut gesetzt: noch beeindruckender, noch größer, noch schöner. Die Garganta del Diablo ist das Mächtigste, was mir je an Wasserkraft untergekommen ist. Niagara kann einpacken.

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Mietwagen und erste Streckenabschnitte in Kanada gefixt. Toronto (kurz, auf dem Rückweg länger), Lake Ontario, Montreal. Den Verehrer dort wiedersehen (wenn er aufhört zu nerven). Fürs Erste.

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Noch einmal für die letzten beiden Tage in ein anderes Viertel umgezogen: Recoleta. Der edle Teil von Buenos Aires. Prachtbauten der reichen Vergangenheit, Parks, Nobelgeschäfte – ganz anders als das eher dörfliche und kleinbürgerliche San Telmo. Es ist ein unglaubliches Privileg, diese Unterschiede sehen und überhaupt diese ganze Reise genießen zu dürfen.

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Mit der syrischen Neu-Freundin asiatisch essen gewesen – und zwar Haute Cuisine! Ihr Credo: „Wenn ich schon kein Geld habe, dann will ich es wenigstens genießen.“ Ich werde sie vermissen. Und die spanische Neu-Freundin auch. Und die Stadt auch. Ich muss noch mal wiederkommen. Irgendwann.

WMDEDGT 06/17.

Wir haben Juni, es ist kalt in Buenos Aires, aber ich dokumentiere für die Nachwelt und Frau Brüllen natürlich gern, was ich eigentlich am 5. eines Monats den lieben langen Tag so mache.

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Der Tag begann früh, denn ich ging erst um fünf ins Bett. Zuvor hatte ich noch die Teller abgewaschen, die Rotweingläser mit Wasser zum Einweichen gefüllt und die Essensreste in den Kühlschrank gepackt. Die Dinnerparty war erst um kurz vor halb fünf zu Ende gegangen. Ich war sehr müde, aber ich mag es nun einmal überhaupt nicht, wenn die Küche aussieht wie ein Schlachtfeld. Egal, wo auf der Welt, da bin ich furchtbar preußisch veranlagt.

Ich ging erschlagen ins Bett und erwachte um halb zehn von einer WhatsApp-Nachricht einer Gästin der Dinnerparty, die sich noch einmal herzlich bei mir bedankte und mir schrieb, wie schade es sei, dass ich die Stadt schon bald wieder verlassen würde. Sie sei sehr gerne meine Freundin geworden. Ich bin grundsätzlich nicht leicht zur Freundin zu bekommen, das dauert manchmal Jahre, und zudem schätze ich doch die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Bekanntschaft. Außerdem gibt es ja noch einmal die engen und weiteren Freunde, die Internetfreunde und -bekannten und Arbeitsfreunde.* In ihrem Fall aber habe ich mich sehr gefreut, denn wir haben so schnell einen guten Draht zueinander gefunden, sie, die Syrerin, die vor einem Jahr nach Argentinien kam und alles verloren hat bis auf die weit verstreuten Freunde und Familie. Ich mag ihren spitzzüngigen Humor, ihre Intelligenz und wenn sie sich erst freigetanzt hat, ist ihr orientalisches Schulterschütteln weltbewegend. *(Ich nehme jetzt einmal das generische Maskulinum, man verzeihe mir bitte, aber Sternchen und Binnenmajuskeln sind gerade aus.)

Ich dämmerte kurz ein, aber mein frisch erworbener Schnupfen und das Halsweh ließen mich bald wieder wach werden. Außerdem schickte der Verehrer seine morgendliche „Hallo meine Schöne, hast du gut geschlafen, was machst du heute, bist du glücklich, ich hoffe es, ich vermisse dich“-Nachricht. Ich gähnte ein wenig und ging ins Bad, um lange und ausgiebig zu duschen. Mein Tattoo tat noch ein wenig weh, aber mit einer guten Salbe klingen auch die kleinen Wunden schnell ab.

Mittlerweile war es halb elf und ich frühstückte Müesli und trank einen starken Kaffee dazu. Danach spülte ich die restlichen Gläser ab, zählte die leeren Weinflaschen und freute mich noch eine ganze Weile an dem wunderbaren Abend gestern. Mir ging es schlechter, der Kopf tat mir weh und ich verzog mich ins Bett, wo ich noch ein wenig vor mich hinlitt. Gegen halb zwei stand ich wieder auf und versuchte, noch ein wenig Ordnung in den halbfertigen Artikel für das Magazin zu bringen. Ohne Erfolg, mir fielen die Augen immer wieder zu und ich ging wieder ins Bett. Morgen muss ich fit sein, denn dann reise ich zu den Iguazu-Wasserfällen an der Grenze zu Brasilien.

Gegen halb fünf stand ich wieder auf und brachte endlich die Heizung im Wohnzimmer in Gang. Vom Vermieter bekam ich leider die schlechte Nachricht, dass ich nicht noch zwei Tage länger bleiben kann, denn dann ist die Wohnung bereits wieder vermietet. Nun muss ich mir für zwei Nächte eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. Ich frage mal die Damen, ob eine von ihnen ein günstiges Hotel weiß. (Ich nehme auch ein teureres Hotel, aber zurzeit bin ich nicht so auf Luxus eingestellt.)

Ich setzte mich an den Esstisch in die unmittelbare Nähe der Heizung (Gasheizer, ich vermute, in der DDR wäre das als GAMAT-Heizung durchgegangen, aber ich kenne mich da nicht so aus, als Wessi), um noch ein bisschen Reiseplanung für Kanada zu betreiben. Ich habe einige Pläne umgeworfen und nun muss Uruguay leider unbesucht bleiben. Aber ich möchte einfach wieder ins Warme.

Gegen halb sieben stand meine Reiseplanung in groben Zügen, das Hotel für die erste Nacht in Toronto ist gebucht und einen günstigen Mietwagen für die Tour durch den östlichen und frankophonen Teil Kanadas finde ich auch noch. In den nunmehr vier (!) Monaten dieser Reise habe ich wieder gemerkt, dass mich eigentlich nur zwei Reiseformen wirklich glücklich machen: selbst bestimmt mit dem Auto durch das Land zu fahren (Neuseeland, Chile) oder mit dem Bus (bevorzugt in Asien, in Argentinien hat das leider zeitlich hingehauen). Ich freue mich schon sehr auf das Fahren in Kanada, auf Quebec und bin gespannt, ob ich es noch zu den letzten beiden Tagen des Francofolies-Festivals in Montreal schaffen werde. Und ob der Verehrer und ich und dann tatsächlich dort treffen werden… (Telenovela, Sie wissen schon.)

Dann ein für südamerikanische Verhältnisse frühes Abendessen um sieben. Ich kann mich definitiv nicht daran gewöhnen, erst nachts zu essen, selbst, wenn ich nachmittags noch eine „Once“ (Teilchen mit Kaffee in Chile) oder ein Alfajor, ein factura oder eine medialuna zum Mate (in Argentinien) bekomme. Und noch einmal ins Internet, um nach Flügen von New York nach Schottland zu suchen, wo ich mich am 16. August mit der besten Freundin treffen werde.

Um acht Uhr abends hatte ich das dann entsprechend koordiniert und einen günstigen Flug ergattert. Meine Rückreise nach Europa ist also festgelegt. Was ich in den noch knapp zwei Monaten bis dahin auf dem nordamerikanischen Kontinent anfange, wird sich zeigen. Ich schaute noch eine Folge der chilenischen Kuppel-Show „Match“, dessen zauberhaften bretonischen (!) Moderator ich doch gern mal im deutschen Fernsehen sehen würde. „Match“ ist soviel netter als Bauer sucht Frau oder vergleichbare Endemol-Produkte auf dem deutschen Fernsehmarkt.

Ich war um zehn Uhr so erledigt, dass ich nur noch schnell einige Sachen für die morgige Kurzreise packte und schlafen ging.

[Was schön war] #kw21/17.

Was in der vergangenen Woche schön war, nun aus Buenos Aires.

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Am liebsten entdecke ich Städte, indem ich sie einfach nur ablaufe, mich treiben lasse. Dann und wann stelle ich mich an eine Ecke und beobachte, höre, rieche. Ich wanderte an der Puerto Madero entlang und genoss die Sonne auf meinem Gesicht. Ein Hauch von Frühling im Spätherbst.

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Die Kurzreise nach Ushuaia, einem Sehnsuchtsziel seit mehr als 20 Jahren. Das Licht, die Berge, das Eis, die schneebedeckten Gipfel in der Ferne. Dazu die Leere der Landschaft, die doch wieder ganz anders ist als in Chile, wo die Menschen wie das Land viel erdiger und erdverbundener scheinen. In Ushuaia noch ein Stück näher an der Antarktis gewesen. Bei der Bootsfahrt am Heck gestanden und gedacht: wenn ich jetzt sterbe, ist alles okay gewesen, das war’s, du hast es geschafft.

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Die Rückkehr nach Buenos Aires und die bis in den frühen Morgen vertanzte Nacht mit der vergnügten Damenrunde. Die Herren in den Clubs sind überaus freundlich und beklagen sich nicht, wenn eine Gringa wie ich mal eine Tanzfigur verbaselt.

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Viele, viele Nachrichten vom Verehrer. Ich bin schon weiter weg als gedacht von dieser hübschen, kleinen Illusion. Ob die Telenovela es wirklich bis nach Kanada schafft?

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Mir einen alten Traum erfüllt und mir ein Tattoo stechen lassen. Auch, wenn wieder alle aufschreien „das ist ja so 90er“ – mir egal. Man sieht es ja nicht. Und der Gecko ist nur für mich alleine da und wird mich bis an mein Lebensende begleiten.

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Eine Dinnerparty gegeben. Coq au Vin, Artischocken mit Eierdip, Dulce de Leche-Eis und viele Flaschen Rotwein. Der alte Unifreund sang „Volver“, die indische Studentin tanzte einen Solo-Tango und einen traditionellen indischen Tanz, wir warfen Dartpfeile und lümmelten in der Hängematte in meiner temporären Wohnung. Gute Gespräche. Die verrückte Idee, einfach noch einmal hierher zurückzukehren und ein bisschen länger zu leben, vielleicht zu arbeiten. Auch so eine hübsche Illusion.

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Buenos Aires, meine Zeitkapsel, in der ich mich wohl fühle.

[Was schön war] #kw20/17.

Die Schönheit dieser Woche muss auf zwei Länder verteilt werden, denn nun bin ich in Buenos Aires und Santiago liegt hinter mir.

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Meine Kurzreise mit Jobanteil entpuppte sich als durchaus denkwürdig. Einen in Chile lebenden Reichsbürger samt Aluhutpreisverdächtigen Verschwörungstheorien live und in Farbe zu sehen und zu sprechen war fast zu viel für mich und meine Selbstbeherrschung. Den Termin dann doch mit Anstand und Würde hinter mich gebracht und darüber nachgedacht, wie viel von den Inhalten ich präsentieren möchte ohne dass es jobschädigend wird.

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So simple Dinge wie eine letzte Pediküre und Massage vor der nächsten Reiseetappe haben erheblich zum Wohlbefinden beigetragen und den Abschied ein wenig erleichtert.

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Eine tolle Frau getroffen, die ihr Leben selbst in der Hand hält. Die an jedem verdammten Samstag zusätzlich zu ihrem anstrengenden Job als Psychologin Chinesischunterricht genommen hat, um dann ein Jahr in Peking zu leben – einfach, weil sie es wollte. Wie schade, dass meine Zeit in Santiago vorbei ist – wir hatten sofort einen Draht und hätten uns die eine oder andere Nacht mit Tanzen um die Ohren schlagen wollen.

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Ich habe mich der lateinamerikanischen Pünktlichkeit mehr als angepasst und treffe nun endlich immer eine Viertelstunde nach dem vereinbarten Termin ein. Das hat dem Verehrer übrigens nicht gefallen. Ich habe tatsächlich den einzigen Chilenen abbekommen, der auf die Minute pünktlich ist. Das muss dieser binäre Sinn für Romantik der Informatiker sein.

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Am letzten Abend noch viel Lachen und ein paar traurige Momente mit dem Verehrer. Der frühe nächste Morgen des endgültigen Abschieds. Das mit ungewohnt gepresster Stimme in mein Ohr geraunte „te quiero“*, während der Taxifahrer die Taschen in den Kofferraum lud. Sein Gesicht, wie er im strömenden Regen vor dem Taxi stand. Der Moment, wie er seine Hand auf die Scheibe legte und ich die meine von innen dagegen. Kleine Bilder, die ich in mein Herz einschließe und mitnehme, weil sie Teil sind einer Romanze, wie sie eben sein sollte. Mit Anfang, viel Dazwischen, etwas Herzschmerz, dem Gefühl, da ist doch tatsächlich jemand, der einem leider viel zu ähnlich ist, um wirklich gut zu tun. Und einem Ende mit einem bisschen mehr Gefühl, als es einer kleinen Romanze eigentlich zusteht.

Sie wollten Telenovela? Bitte schön. Das war sie.

*das wollen wir mal bitte nicht überbewerten, das wird hier gern bei jeder Gelegenheit gesagt. Und nach drei Tagen werden die Herzschmerznachrichten via WhatsApp auch weniger.

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Gut in Buenos Aires angekommen, wurde ich am zweiten Abend vom alten Uni-Freund gleich auf eine Party mitgeschleppt. Auch hier bauen Sie bitte wieder eine Telenovela-Szene ein: ein Loft über den Dächern von Palermo, viele schöne, sehr polyglotte Menschen, Gespräche über Kultur, Kunst, Politik auf dem gleichen Niveau, Party bis um halb vier und die Polizei kam, Tanz und Bier und gutes Essen. Kontakte knüpfen.

Freude, in dieser Stadt genau das zu erleben.

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Am nächsten Tag mit drei zauberhaften Frauen aus Syrien, Indien und Spanien rausfahren ins Grüne und ausgiebig über Männer im Allgmeinen und Latinomänner im Besonderen lästern. Oder wie K. aus Kalkutta sagte: „It’s just that I tease them to please them. Then I finish my drink and go home for a good sleep.“ Ein guter Rat. Männer Argentiniens, seid gewarnt.

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Den Sonntag mit der in Argentinien lebenden Arbeitskollegin der besten Freundin verbringen. Eine kleine Party für das kommende Wochenende in meiner Wohnung planen. Eine Verabredung mit einer kleinen Brauerei für Handcrafted Beer nach deutschem Reinheitsgebot („wir haben gerade ein dunkles Hefeweizen angesetzt“).

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Die Vorfreude auf eine kleine Reise nach Ushuaia, seit mehr als zwanzig Jahren ein Ort mit magischem Namen für mich. Wahrscheinlich werde ich erfrieren, aber dann wenigstens am Ende der Welt. Das haben ja schon andere getan und sind in die Geschichte eingegangen.

[Was schön war] #kw19/17.

Was in der vergangenen Woche schön war… Diesmal wegen Müdigkeit in Kurzform.

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Die Wohnung am Montag wieder für mich ganz allein zu haben.

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Nach einer völlig bekloppten Kurz-Reise wieder wohlbehalten in Santiago angekommen zu sein.

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Nach einem Abend voller Missverständnisse mitten in der Nacht aufgestanden und gegangen. Das ist eine Freiheit, die ich mir nehme. Jederzeit. An jedem Ort. Wenn ich mich nicht wohlfühle, gehe ich. Wenn das den Verehrer zum Nachdenken bringt: umso besser. Dennoch: nicht mein Problem, wenn Männer nicht erwachsen werden wollen. Telenoveladrama kann ich auch.

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Eine tolle Frau kennengelernt. Couchsurfing ist auch ein ziemlich gutes Portal, um einfach nur gemeinsam Essen zu gehen, zu kochen und zu quatschen.

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Zum Flughafen gebracht worden und mit Küssen verabschiedet worden. Geht doch.

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In Valdivia gut angekommen zu sein, mit der Aussicht, spannende Menschen zu treffen.

Zwei Monate.

Beinahe zwei Monate Leben in einer fremden Stadt auf einem anderen Kontinent, sprechen in einer anderen Sprache, während die Träume noch in der Muttersprache sind. Vier Monate habe ich in Paris gebraucht, bis ich mich wirklich heimisch in Französisch fühlte, bis ich die Feinheiten und kleinen Anspielungen ansatzweise verstehen gelernt hatte. Seit gestern kenne ich die guten Wörter, die lieben, die liebevollen und die liebevoll-anspielenden. Seit vorgestern die Flüche. Santiago war dann wohl der Crashkurs. Heute Nacht habe ich das erste Mal auf spanisch geträumt.

 

[Was schön war] #kw18/17.

Was in der vergangenen Woche schön war, zum vorletzten Mal in der Reiseedition Chile, denn bald geht es weiter nach Buenos Aires, und das sind schon einmal schöne Aussichten.

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Mein größter Schwachpunkt, das Telefonieren in einer fremden Sprache, erweist sich als überwindbar, und so habe ich mich durchgebissen, bis ich endlich einen erwünschten Termin bekommen konnte. Ich tue mich immer noch schwer, aber meine Gesprächspartner sind in der Regel so liebenswert und sprechen automatisch langsamer und deutlicher.

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Dienstag eine temporäre Mitbewohnerin bekommen. J. aus Frankreich hatte Pech mit ihrer Unterkunft und so bezog sie das Wohnzimmer, bis ihr Flug nach Peru geht. Als gelernte Barista kredenzte sie mir jeden Morgen mit den Mitteln meiner Küche einen ausgezeichneten Milchkaffee. Dennoch freue ich mich, seit heute meine Wohnung wieder für mich zu haben.

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Die letzte Woche bei der Freiwilligenstelle war noch einmal schön, das Team hatte sich in den vergangenen Wochen gut zusammengefunden. Mein Abschied fiel auch mit dem Abschied von A. zusammen, der dort gut ein halbes Jahr seine Fortbildung als Ergotherapeut komplettierte, und so gab es am Freitag mehr als genug Süßigkeiten für alle. Aus der Arbeit nehme ich mehrere gute Kontakte mit, nette Bekanntschaften und das Gefühl, dass ich das Leben in allen seinen Facetten ertragen und damit arbeiten kann. Mit schwer behinderten Kindern zu arbeiten ist etwas anderes, als einen sterbenden Menschen zu begleiten, denn es gibt Hoffnung auf eine Verbesserung des Zustandes. Nichtsdestotrotz gab es auch Situationen, die mich an den Rand meiner Nerven brachten, z.B. Atemkrisen bei einer Patientin, während ich verhinderte, dass sie vom Pferd fiel. Das Überwinden solcher Momente hat mich stärker gemacht, aber nicht härter.

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Bei der Mutter einer Patientin zum Abendessen eingeladen gewesen. Ein sehr gebildeter Haushalt, die Mutter Biochemikerin in Rente, die Tochter war Medizinerin mit zwei Fachrichtungen, ebenfalls Mutter und verheiratet. Nun ist nichts mehr da, die Tochter ist komplett von ihrer Mutter abhängig, aber sie kämpft so sehr und mit einem nicht zerstörten Sinn für Humor um ihre Freiräume. Ein sehr reicher Abend. Und mit gutem Essen.

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Das Leben gespürt, wie es einmal war. So wie früher, als jüngere Frau, im Nachtleben von Berlin, mit dem Prickeln einer Affäre, der Spannung, der Chemie zwischen zwei Menschen. Es ist und bleibt ein Spiel, die Liebe, die Anziehung, der Sex. Einzig die hinterher auszulöffelnde Gefühlssuppe sollte unterbleiben.

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Gut gemixte Caipirinhas gehören ja eher zu den seltenen Dingen in Chile und so war ich doch angenehm überrascht, dass in der Bar „Matilde“ der hohe Standard gemixt wird. Zudem hat man noch einen tollen Blick über das Bellavista-Viertel von Santiago.

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Ein Stückchen Herz lasse ich hier. Mein Herz ist groß genug geworden, dass ich das verkraften kann.

 

WMDEDGT 05/17.

Der Mai macht alles neu, aber eines bleibt, und das ist die Frage von Frau Brüllen, was wir eigentlich am 5. eines Monats den lieben langen Tag so machen.

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Ich wachte gegen zwanzig vor sechs chilenischer Zeit auf und las ein wenig die morgendliche Twitter-Timeline durch. Ist ja auch selten, dass ich aufgrund der Zeitverschiebung von aktuell fünf Stunden den Tagesrhythmus erwische. Außerdem bin ich schon so lange auf Reisen, dass mir einige Threads und Twitterdorfsäue schon nach Millisekunden die Freude an Twitter verderben und ich sofort auf meine Wohlfühl-Liste springe. Man muss sich ja nicht alles antun.

Wenigstens schlief ich wieder ein und wachte um halb neun einigermaßen ausgeschlafen auf. Der Tinnitus der Nacht nach dem Evanescence-Konzert hatte sich mittlerweile wieder reduziert. Laut und schön war es, auch wenn mich der Taxifahrer nach dem Konzert sauber abgezockt hat. (Sehr zur Empörung des Verehrers, der das als Angriff auf seine Nationalehre auffasste: „Der Schweinehund kann kein Chilene sein!“)

Ich trödelte ein wenig im Bad herum und versuchte, die Auswirkungen des gestrigen Friseurbesuchs etwas in Form zu bringen. Der gute Friseurmeister sah nicht nur aus wie Jürgen von der Lippe, sondern hatte beim Färben und Fönen meiner Haare auch genau jenen süffisanten Zug um den Mund wie der Showmaster, wenn sich einer seiner Probanden so richtig in die Sch… ritt. Ich verließ den Salon gestern demgemäß mit schnurglatt gebügelten Haaren und wunderte mich nur, wie man so etwas ohne Glätteisen hinbekommt. Für mein Evanescence-Konzert passte das allerdings ganz gut.

Nach Müesli und starkem Kaffee beschloss ich, meine Reisen noch ein bisschen zu planen. Nachdem ich das Go für das Schreiben eines Portraits bekommen habe, muss ich ein wenig umdisponieren. Außerdem langweilte sich der Verehrer anscheinend auf seiner Arbeit – was machen eigentlich diese IT-Ingenieure den lieben langen 5. eines Monats so? – und sandte mir etliche kleine WhatsApp-Botschaften, die ordentlich zu beantworten ich immer noch nur mittels Wörterbuch imstande bin.

Mittags telefonierte ich per WhatsApp mit der Freundin, um den gemeinsamen Trip durch Schottland im August zu planen. Durch einen in Chile lebenden Bekannten, Schotte wie er im Buche steht, könnten wir das AirBnB seiner Eltern in Edinburgh zu einem Sonderpreis mieten. Nun hängt es nur noch von der Freundin-Planung ab, wie lange sie Zeit hat. Ich für meinen Teil möchte doch gern ein Stückchen des „Gin-Trails“ abklappern.

Gegen halb zwei machte ich mich langsam fertig für die Arbeit. Vorher musste ich noch tanken. Das chilenische System ist ein bisschen umständlich. Man geht ans Kassenhäuschen (gut gesichert), bezahlt einen Betrag x, den man für seinen Tankinhalt schätzen muss. Dann wird die Tanksäule freigeschaltet. Verbraucht man nicht alles der Summe x, geht man zurück zum Kassenhäuschen und bekommt die Differenz ausgezahlt. Manchmal stehen zehn Leute vor einem, sodass das Volltanken eines Autos durchaus etwas dauern kann. Ich bin noch nicht dahintergekommen, warum das so umständlich läuft, gehe aber davon aus, dass das hier mit den durchaus vorkommenden Raubüberfällen oder Benzindiebstählen zu tun haben könnte.

Danach fuhr ich quer durch die halbe Stadt in den Vorort, wo meine Freiwilligenstelle ist. Es hatten wegen einer umgehenden Magen-Darm-Geschichte mehrere Patienten abgesagt, sodass der Nachmittag eher ruhig verlief und wir früher Schluss machen konnten. Meine mexikanische Kollegin Nati und ich fuhren gemeinsam durch den Feierabendstau zurück in die Innenstadt. Eigentlich wollten wir noch einen kurzen Abstecher zum Gallery-Weekend machen, das heute begann, aber Nati hatte Kopfschmerzen und ich war noch von gestern Abend müde. Also beschlossen wir, nur noch einzukaufen und uns dann nicht mehr ins Nachtleben zu stürzen.

Wir wurden bei Lider-Express fast totgetrampelt. Das System „Einkaufen“ passiert hier eher zufällig und ungeplant. Niemals habe ich Chilenen mit Einkaufszettel gesehen und auch die im meinem Studium eingepaukten Handelsmarketing- und POS-Maximen scheinen hier nicht zu gelten. Aber bislang habe ich fast alles gefunden, und die Superdupermarktkette „Jumbo“ hat nichts, was es nicht gibt.

Ich whatsappte noch ein bisschen mit dem Verehrer, der heute mit seinen Freunden unterwegs ist, machte mir einen Salat und gammelte lesend und schreibend auf dem Sofa herum. Kultur, Tanz und Spaß dann Morgen wieder.

[Was schön war] #kw16/17.

Was war besonders schön in der vergangenen Woche? Was war aufschreibenswert, um sich daran zu erinnern? Die Reiseedition von „Was schön war“ geht in den dritten Monat, und ich bin immer noch überrascht über dieses Unterwegssein mit allen seinen Auswirkungen, Erfahrungen und Bildern.

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Es ist soweit: ich beginne, mich in der fremden Sprache wohl zu fühlen. Ich kann Witze machen, Wortspiele ausprobieren und sogar versuchsweise eine hitzige Diskussion über Rentenkassen führen. Es ist immer noch mühsam, aber ich freue mich wie eine Schneekönigin, wenn mir das (von Herzen kommende) Lachen meines jeweiligen Gegenübers zeigt, dass meine schlechten Witze auch auf spanisch funktionieren.

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Meine kackfrech ins Blaue geschriebenen Akquisemails haben erste Erfolge gezeitigt: ich habe den Auftrag bekommen, für eine Wochenzeitung in Chile ein Portrait zu schreiben. Dass nun das Reiseblog auch technisch langsam wieder auf die Beine kommt, erleichtert mich ungemein, denn es ist ja zugleich eine Art Visitenkarte für derlei Kleinaufträge. Andererseits warten das noch drei bis vier nicht fertiggestellte Blogbeiträge, die ich einfach nicht zu Ende bringe. Nicht schön, aber immerhin passiert zurzeit ja doch so einiges an Schönem, das mich ablenkt und bestens unterhält.

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Von der Mutter einer Patientin zum Abendessen eingeladen worden. Ich bin sehr gespannt.

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Einen überaus amüsanten Abend mit dem Verehrer in einer Bar im Viertel Bellavista verbracht. Er hat eine außergewöhnlich schöne Gesangsstimme und kann damit einen ganzen Laden für sich einnehmen, mich eingeschlossen. Das darf gern so weitergehen, bis ich abreise.

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Nach Patagonien gereist. Mit nur knapp drei Stunden Schlaf von Punta Arenas über Puerto Natales auf eine einsame Estancia mitten im Nationalpark gefahren. Kleiner Tipp: immer noch eine bis zwei Stunden auf die Wegzeit draufschlagen. Zweiter kleiner Tipp: tauchen dunkle Flecken auf der Straße auf – sofort runter vom Gas. Das sind in der Regel ausgewaschene Oberflächen mit Schotter und die können in Nullkommanichts die schönsten Kratzer am Mietwagen verursachen. Dritter kleiner Tipp: glänzen die Flecken, umfährt man sie am besten ganz vorsichtig. Dann umgeht man auch das Risiko, in einem Schlagloch von der Größe einer Kinderbadewanne zu verschwinden. Und letzter kleiner Tipp: taucht das Schild „Peligros“ auf, ist es schon zu spät, vom Gas zu gehen. Aber ansonsten alles kein Problem.

Anders als das sehr eher vergeistigte französische Ehepaar, das ich auf der Estancia traf, kann ich nämlich Reifen wechseln und muss keine drei Stunden warten, bis Hilfe kommt. Das hat mir mein Stiefvater gleich nach dem Führerscheinerwerb beigebracht, was ich immer noch sehr, sehr schätzenswert und schön finde.

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Einen ganzen Tag im Sattel gesessen und mit dem Guide und seiner Freundin durch Patagoniens Nationalpark „Torres del Paine“ geritten. Am nächsten Tag kaum Muskelkater gehabt.

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Nandus, Guanakos, Kondore, Füchse („Zorro“, wisster Bescheid) gesehen.

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In Punta Arenas ein bisschen durch die abenddämmerigen Straßen gewandert und gedacht: von hier aus noch 1.500 Kilometer bis zur Antarktis. Ich bin weit gekommen auf meiner Reise.

[Was schön war] #kw15/17.

Das „Was schön war“ in der Reiseedition findet sich langsam außerhalb der sprachlichen Wohlfühlzone zurecht.

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Intensiv mit den beiden gängigen Vergangenheitsformen auseinandergesetzt. Darüber fast vergessen, wie schwer das vergangene Jahr war. Möglicherweise liegt es aber auch an der chilenischen Unterstützung. Der Verehrer ist so nett und korrigiert eifrig meine Fehler. (Ja, ein Verehrer! Auch mal eine schöne Abwechslung.)

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Das erste Mal aktiv an einer Volkserhebung teilgenommen/teilnehmen müssen. Auch Touristen und Ausländer mussten den Fragebogen zum „Censo 2017“ ausfüllen. Der Cenista war so nett und übersetzte mir die meisten Fragen ins Englische (es gab auch Versionen in Englisch, Deutsch…, aber die hatte er nicht dabei). Nun bin ich mit meinen Antworten Teil der chilenischen Statistik und gespannt auf die Ergebnisse irgendwann in vier Monaten. Hoffentlich sind sie nicht geschönt.

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Was eigentlich eher nicht so schön war: das erste Mal in meinem Leben aktiv ein Erdbeben mitbekommen. (Das erste Mal überhaupt in Neuseeland habe ich verschlafen.) Die 4.irgendwas, die in Santiago angekommen sind – das Epizentrum lag vor der Küste Valparaísos, aber in relativ geringer Tiefe -, haben Bett, Tisch und Schrank wackeln lassen. Die Türen knarzten vernehmbar und ich fand es eigentlich eher interessant, denn ängstigend. Schön ist aber dennoch was anderes und ich hoffe doch sehr, dass ich während meiner Reise nun kein weiteres Beben miterleben muss.

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Passend zum Thema Erdbeben sehr nett ausgeführt worden. Aber: „Einen zweiten ‚Terremoto‘ bekommst du nicht!“ Der Verehrer sorgt sich um meine Leber.

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In den Anden geritten.

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Entscheidung getroffen. Die Freiwilligenarbeit wird um eine Woche gekürzt, dafür noch ein bisschen durch Chile gereist. Freiheit ist schön.