[Was schön war] #kw07/17.

Auch in der Ferne bleibt nichts Schönes unentdeckt. So auch in der siebten Kalenderwoche diesen Jahres.

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Viele gute Wünsche, per Social Media, per Mail, per Kommentar erhalten. Die Reise muss unter einem sehr guten Stern stehen, wenn so viele Menschen an mich denken, glauben und mir Glücksbringer in die Post taten. Danke.

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Alle kommunikativen Kanäle sind scharf geschaltet: von Facebook und Twitter bis Skype und WhatsApp – und werden gut genutzt. So habe ich mit meiner Bankberaterin am vergangenen Freitag fröhlich via Skype sowohl über das Wetter dies- und jenseits der Welthalbkugel geplaudert und gleichzeitig ein blödes Synchronisationsproblem beim Online-Banking gelöst. Nun kann ich ganz entspannt und sicher meine Bankgeschäfte erledigen. Wenn ich wieder zurück bin, bekommt sie Blumen!

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Die Reise verlief entspannt und störungsarm, bis auf die Tatsache, dass meine Schleimhäute durch die Flugzeugklimaanlage bis auf das Äußerste ausgetrocknet waren und ich sogleich mit dem berüchtigten AC-Schnupfen zu kämpfen hatte. Kambodschanische Papiertaschentücher sind übrigens nicht für kräftiges europäisches Durchschnauben gedacht.

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Stets wurde ich freundlich und höflich empfangen, lächelnd und ohne die aus anderen asiatischen Ländern bereits bekannten Abzockereien. Ich nutze gern den asiatischen Gruß und lächele viel, vielleicht hilft auch das.

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Seltene Momente der Traurigkeit, trotz des Lächelns. Darüber, dass der Mann so früh sterben musste und all das nicht gemeinsam mit mir erleben kann. Dass er nicht die Schönheit dieses Landes sehen kann, nicht mit mir, niemals mehr. Aber wie Mr. Rith, der Guide im Königspalast sagte: „Er wird Sie beschützen. Die Geister sind immer um uns herum, wenn wir sie zu Lebzeiten gut behandelt haben.“ Er ist also dabei, irgendwie. Und die Tränen trocknen in diesem Klima ohnehin schnell.

 

[Was schön war] #kw06/17.

Die sechste Kalenderwoche – die letzte vor der großen Reise – will in ihrer ganzen Schönheit verbloggt werden. Ich werde diese Reihe natürlich auch unterwegs fortsetzen, auch das Wortschnittchen wird weiterhin bloggen. Nun ist die jahrelang sehr geschätzte Halbanonymität durch das Reiseblog sowieso dahin, daher wird es hier vielleicht ein wenig gefühlsärmer und fiktiver. Die ganz, ganz großen Gefühle habe ich Zuhause gelassen und hübsch zur Wiedervorlage nach der Rückkehr auf Eis gelegt.

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Der Mechaniker des Vertrauens im Oderkaff hat das schwedische Altauto wie jede Marke fest im Griff und bescherte mir wieder zwei Jahre TÜV und die Versicherung für einen weitgehend wartungsfreien Zustand. Nun steht das Auto für die nächsten Monate hoffentlich ebenfalls wartungsfrei vor der Tür von Freunden, wird dann und wann bewegt und bleibt mir nach meiner Rückkehr noch einige Zeit erhalten.

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Die letzten Vorbereitungen für die Reise – eben noch mal schnell das Kontomodell bei der Bank wechseln, diverse Sicherungsmaßnahmen für alle Geräte, Konten, Unterlagen durchführen, letztes technisches Equipment anschaffen und dann wirklich und wahrhaftig die Reisetasche für sieben Monate und zweieinhalb Klimazonen packen! (Eine halbe Stunde vor der Abfahrt zum Flughafen habe ich übrigens doch noch einmal aussortiert und meine geliebten Bikerstiefel müssen nun doch ohne mich zuhause bleiben.) Mit etwas gutem Zureden passte alles in die Tasche – und ich wäre dann sogar für einen Opernbesuch in Buenos Aires mit schicken Pumps und Kleidchen gerüstet!

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Noch mal schnell die Haare übergetönt, denn der nächste Friseurbesuch findet frühestens in Wellington/Neuseeland statt.

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Mit der Freundin Geburstagsgebruncht und von ihr zum Flughafen gebracht worden. Es ist schön, wenn man gut und sicher verabschiedet wird.

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Glücksbringer bekommen. Ganz unten in die Reisetasche in eine kleine Tüte gepackt, damit er nicht kaputtgeht. Direkt neben dem gestohlenen Kuss (ein wichtiger Vorrat für schlechte Zeiten, nehmen Sie sich so einen bloß immer mit, egal von wem), den Tanzschuhen und der kleinen Prise Mut zum Glück, die dann in den letzten Tagen doch ein wenig fehlte.

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Ein letztes Mal getrunken, gelacht und eine kleine Träne aus dem Auge gewischt. Die Freunde müssen nun ohne mich auskommen. „Du bleibt bestimmt irgendwo, in Argentinien oder Kanada, da wartet bestimmt einer nur auf dich“, sagt der Freund des Mannes und ich denke: nein. Nein, das ist nicht meine Absicht. Es mag kommen, was soll, aber forcieren werde ich es nicht. Das ist auch so eine Aufgabe für diese Reise: alles soll sich fügen, geschehen. Diese Reise ist Schicksal, das war mit dem ersten Gedanken an die Verwirklichung dieses Traums sicher. Alles Weitere ist auch Schicksal und wer weiß: vielleicht komme ich wieder und alles fügt sich, wie es soll und immer sein sollte.

[Was schön war] #kw05/17.

Die fünfte Kalenderwoche des Jahres will in ihren schönen Momenten erfasst werden und wieder bin ich erschrocken, wie schnell die Zeit verrinnt.

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Bei den „Goldenen Bloggern“ gewesen und alte und neue Bekanntschaften getroffen. Eine Einladung für den 22. Dezember bekommen, eine Adresse auf Bali, die mir einen entspannten und interessanten Aufenthalt an einem der schönsten Orte sicherte. Tipps und Tricks von erfahrenen Reisenden, die ich sogleich umsetzte – eine Fast-Profi-Ausstattung zum Drehen und Aufnehmen in Ton und Bild habe ich nun. Danke, Thomas! Überhaupt war es wieder einmal eine hinreißend chaotische aber unterhaltsame Veranstaltung – danke an die Veranstalter und ihre Sponsoren. Das nächste Mal bin ich gern wieder dabei, plädiere aber für Ü40-Sitzplätze mit Reservierung. Für stundenlanges Sitzen in Klappmesserhaltung auf dem Boden bin ich nicht mehr fit genug. (Knie! Hüfte! Überhaupt!)

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Am letzten Tag des Januars so viel zu tun gehabt, dass ich kaum aus den Augen sehen konnte. Auch, weil ich mich in einem absoluten Rechercheflow befand, in dem ich jegliche Zeit vergessen kann. So viele Ideen für Beiträge und Unternehmungen! Darüber vergaß ich ein wenig, dass der Mann seit genau einem halben Jahr nicht mehr an meiner Seite ist. Ich erinnere mich in letzter Zeit nur noch an die frühen Jahre. Die schwere Zeit und der Mann, der er durch die Krankheit wurde, sind ein wenig in den Hintergrund gerückt. Nun ist es fast so, als sei er eine liebe Erinnerung an einen Ex-Freund. Es sticht nicht mehr so oft.

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Der Mittwoch stand unter dem Eindruck eines traurigen Verlusts. Ein Freund, den ich seit bald zwanzig Jahren kannte, ist plötzlich und unerwartet verstorben. Ich erinnerte mich an die schönen Momente, als wir tanzten und tranken und dieses freie Lebensgefühl der späten 90er und um die Jahrtausendwende genießen konnten. Mit ihm geht ein großartiger Mensch. Die Grundtraurigkeit blieb auch in den nächsten Tagen erhalten und wird nicht so schnell vergehen.

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Zum Kaffeetrinken eingeladen gewesen und so viel Input und Ideen bekommen, dass ich alle Beteiligten in Grund und Boden geschwätzt haben muss. Aber: gemeinsames Brainstorming und Informationsaustausch sind mir doch immer meine liebsten Beschäftigungen und öffnen Horizonte. Abends ein, zwei, drei Biere mit einer langjährigen Internetfreundin getrunken und einige Geheimnisse aus der Frühzeit des Bloggens gelüftet erhalten. My goodness, mit einigen Blogger-Damen habe ich doch mehr gemein als gedacht! Außerdem: die Wohnzimmer-Bar am Helmholtzplatz hat einen weiträumigen Nichtraucher-Bereich und katapultiert sich nun wieder ganz nach oben in meine Favoritenausgehlocation.

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Mich von meinen Mitstreiterinnen im Sprachkurs verabschiedet. Wir wünschten uns gegenseitig viel Glück. Eine wird nach Ibiza auswandern, eine andere ihr Studienjahr in Barcelona verbringen, eine andere in Chile und die Jüngste möchte vor ihrem Studium einfach mal nach Peru. So viele Gründe, um eine Fremdsprache zu lernen!

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Die Wohnung wird immer leerer, das Lagerabteil immer voller. Erste Abschiede von liebgewonnenen Dingen. (Mein Teddybär!)

WMDEDGT 02/17.

Frau Brüllen fragt, was wir eigentlich den lieben langen Tag so machen und zwar immer am 5. eines Monats. Dieser 5. Februar wird der letzte 5. für die nächsten sechs oder sieben Monate sein, der nicht in gewohntem Umfeld passiert. Auf Reisen sehen auch die 5. eines jeden Monats anders aus.

Ich stand recht früh auf, um noch zwei Kisten ins Lagerabteil und hinterher die knapp 100 Kilometer zur Schwiegermutter zu fahren – der letzte Besuch vor der großen Reise, daher wappnete ich mich schon gegenüber den zu erwartenden Gefühlsausbrüchen. Mittags angekommen warfen wir erst einmal ein paar Mini-Pizzen in den Ofen, denn üblicherweise hatte sie noch wenig bis gar nichts gegessen und bei einer so schlanken Dame mit notorisch angegriffener Gesundheit sollte ein wenig Gesellschaftsessen nicht schaden können. Dann ging es ans Aufgabenabarbeiten. Sie macht immer gern eine kleine Liste der Dinge, die sie selbst nicht erledigen kann und ich übernehme das dann oder lasse es auch. Wir fanden zum Beispiel heraus, dass die Auswurftaste des DVD-Players gar nicht kaputt ist, aber sie auch nur auswirft, wenn eine DVD oder CD im Laufwerk steckt. Einfache Lösung!

Und auch der Drucker druckt nach dem korrekten Einlegen der Druckerpatronen wieder schöne Druckwerke! Man soll bei alten Leutchen immer ein gerüttelt Maß an Verständnis in der Tasche mitbringen, denn wer weiß schon, wie tüdelig wir eines Tages sein werden?

Nach der Reparatur des elektronischen Fieberthermometers – eine kleine, frische Batterie hilft mitunter Wunder – musste ich den eigens frisch aufgetauten Apfelkuchen kosten. Ich hasse Apfelkuchen, wenn er frisch aufgetaut ist und bissfeste kleine Eiskristalle beinhaltet. Aber nun ja, man kann es sich nicht aussuchen, aber ich umschiffte das zweite Stück elegant mit dem Hinweis auf das zu erwartende Hüftgold. Danach kamen wir zu dem Ordnen und Klären von Papieren, Ansprechpartnern und Informationen. Immerhin bin ich etliche Monate weg und es ist schon ganz gut, wenn auch meine Freunde und Bevollmächtigten wissen, dass sich meine Schwiegermutter bei ihnen melden könnte.

Wir plauderten dann noch ein wenig über den Mann, über die Notwendigkeit, die Eheringe für unterwegs mitzunehmen, auch, wenn ich sie schon seit November nicht mehr ständig tragen mag. Und wir sprachen über seine Ex-Freundinnen, von denen doch nur zwei Gnade unter Schwiegermutters Augen gefunden hatten. Ich erzählte ihr von meinen Ex-Freunden, mit denen ich doch überwiegend noch sporadischen bis guten Kontakt habe und gegen die ich keinerlei Groll hege, denn sie sind und waren doch sehr freundliche, wenn auch unpassende Partner. Sehr nebenbei fragte sie mich nach aktuellen Lieben oder dem, was ich mir so vorstelle für mich. Was sagt man da? Dass alles offen ist, was das Leben noch für mich bereit hält, in jeglicher Hinsicht? Verletzt man sie, wenn man klarstellt, dass der Mann, ihr Sohn, nicht der letzte Mann an meiner Seite gewesen sein wird? Manche Dinge sind gut, wenn sie nicht weiter ausgeführt werden und so nahm ich das Lenkrad wieder in die Hand und fuhr das Auto zum Mechaniker des Vertrauens, der es über den TÜV hieven wird, sodass ich es am Mittwoch wieder in der kleinen Stadt am Rande des Universums abholen kann.

Eine knappe Stunde Regionalexpressfahrt später saß ich auf dem Sofa und baute die neuen elektronischen Superdupergeräte zusammen: Mikro, Adapter, Stativ – die komplette Ausrüstung zum Filmedrehen für unterwegs. Man muss ja was zum Üben haben. Den Rest des Abends las ich noch ein wenig.

Der kleine M.

Als ich dich das erste Mal sah, warst du der mittlere Turm inmitten einer Mauer von großen Menschen. Es muss in irgendeinem dieser Underground-Clubs in den 90er Jahren gewesen sein, stampfende Rhythmen, von Minimal Techno bis hin zu dem, was man heute Deeskalationsmusik nennt, damals aber Easy Listening. Die Luft war stickig, eine leichte Biernote inklusive und wenn man aufs Klo musste, ging der Weg über einen zugemüllten Innenhof, vorbei an den ganzen Gestalten, die lässig ihre Becks-Flasche in der Hand hielten und auch mitternachts noch Sonnenbrillen trugen.

Du warst der große Mittelpunkt einer Clique, die sich gerade erst zu formieren begann, und zu der ich dann später auch gehörte, qua Beziehung, und nach deren Ende immer mal wieder lose. Mit deiner schieren Körpergröße – ich glaube, nur mein Ex-Freund M. reichte mit seinen 2 Metern an dich heran -, den langen, zu einem Zopf gebundenen Haaren, den Schnürstiefeln und dem coolen Hoodie warst du ebenso eindrucksvoll wie einschüchternd. Dazu noch deine Erzählungen von irgendwelchen Autonomen-Events, vortragen in einem minimalen Münchner Singsang, deine klaren Überzeugungen für das, was die Welt ausmachen sollte. Deine Dissertation über irgendein physikalisch-technisches Thema, das ich nicht auch nur annähernd begreifen würde, war für dich der Anker in der wilden Partyzeit, in der wir uns trafen, aus den Augen verloren, und uns wieder trafen.

Irgendwann einmal hast du dir den Fuß gebrochen und wurdest genagelt und geschient. Wir wohnten nicht weit auseinander, und so habe ich dich ein paar Mal zum Orthopäden zur Nachsorge abgeholt, hingefahren und wieder zurück gebracht. Ich hatte Zeit dafür, damals, es machte mir nichts aus, aber du hast mir noch Jahre später dafür gedankt. Wir unterhielten uns in den Wartezimmern oft über unsere Rolle in der Welt. Ich hatte die meine noch nicht gefunden, habe es bis heute nicht, aber du schienst so sicher, ich war wie immer beeindruckt von deiner Größe. Kurioserweise nannten dich immer alle den „kleinen M.“, aber nett gemeint.

Irgendwann hast du dann A. kennengelernt, eine große, eine starke Frau, klug und warmherzig, denke ich, denn ich habe sie nur ein, zweimal gesehen, aber sie war wie du und das war schön. Dein Mittelpunkt wurde die Familie und obwohl die wilden Partyzeiten ein- für allemal vorbei waren, erzählten wir uns bei den seltenen Treffen von der mumifizierten Katze im Brauerei-Gewölbe unter dem Prenzlauer Berg, den Unisex-Toiletten im Cookie’s oder den halb illegalen Bars, damals.

Letzte Woche sagtest du ein Treffen ab, weil du dich wirklich nicht fit fühltest, eine blöde Entzündung, Antibiotika-Gaben. Alt werden sei kein Spaß, schriebst du mir per Mail, mit Smiley natürlich, Jahrgang 65 ist doch kein Alter. Ich dachte, schade, da haben wir uns so lange nicht gesehen und am Wochenende zuvor hatte eure Teilnahme an einem Abend im Freundeskreis irgendwie auch nicht geklappt. Du wünschtest mir viel Glück für die Reise und gabst mir den Auftrag, Neuseeland von dir zu grüßen, dein großes Sehnsuchtsziel.

Das werde ich nun machen, kleiner, großer M. Ich bin traurig, dass du nicht mehr da bist. Du warst ein wirklich Großer.

ReisePlan.

Gestern wurde ich darauf hingewiesen, wie weit ich doch die Reise schon
vorausgeplant habe. (Ich hatte eine Unterkunft auf Bali gebucht, also einen
Ort, den ich erst in knapp einem Monat bereisen werde.) Abgesehen davon,
dass mir einen ganz kurzen Moment eine Rechtfertigung auf der Zunge bzw. in
den Fingern lag, denn diese „Traveller“, also die Langzeitreisenden, die
dürfen doch gar nicht so lange im Voraus planen und organisieren! also
abgesehen davon, dass ich überhaupt nicht mehr zu diesen Travellern gehören
möchte, verloren in ihrem ganz persönlichen Reisetempo, stimmt es ja.

Ich habe in etwas mehr als vier Wochen eine Reise geplant, die mich um die
Welt führen wird, mitsamt Wohnungen und Unterkünften für einige der Ziele
und den meisten Flügen. Ich habe in Grundzügen die spanische Sprache gelernt
und hoffe, mich nicht vollständig zu blamieren, sollte ich in Südamerika
meine Volunteer-Arbeit aufnehmen. Zu meiner eigenen Erbauung habe ich für
die mir von Freunden und Bekannten gestellten Aufgaben recherchiert und bin
darüber auf Menschen und Geschichten gestoßen, die ich unbedingt näher
kennen lernen möchte. Da scheine ich schon wieder eine Struktur geschaffen
zu haben, die mir entspricht und in der ich mich wohlfühle: reisend
beobachten und beschreiben, mit Aufgaben und Publikationsanspruch.

Dafür plane ich sehr gern vor und klopfe mir ein wenig stolz auf die
Schulter.

[Was schön war] #kw04/17.

Die Sonne schien nach einigen sehr, sehr trüben Tagen endlich wieder – pünktlich zu meinem Geburtstag. (46 – es ist kaum zu glauben!) Ich bekam wunderbare Post, Versprechungen für Geschenke, die noch nicht angekommen waren, bereits angekommene Geschenke und das nun schon berühmte Indiana-Jones-Gedächtnisnotizbuch. Außerdem beschenkte ich mich selbst mit einem nur 1,2 Kilogramm schweren Ultrabook für die Reise.

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Bis auf ganz wenige Papiere ist alles abgearbeitet und in den entsprechenden Ordnern abgeheftet. Die wichtigsten Papiere und Dokumente liegen in der Dropbox und an anderen Orten mit schnellem Zugriff. Bevollmächtigungen sind ausgestellt und verteilt.

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Geimpft bin ich jetzt auch und bis auf einen kleinen Fieberanfall am Abend und Tag darauf habe ich es auch gut vertragen. Nun noch Gelbfieber und die Reise kann losgehen.

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Wunderbare und spannende Aufträge erhalten, deren Erfüllung mir nicht nur Freude machen wird sondern mich auch fordert.

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Viel gelacht und für Freunde gekocht. Sogar der Ex-Freund ließ es sich nicht nehmen und schaute noch einmal kurz vorbei. Sein Berlin-Vermissen-Buch solle ich auf jeden Fall mit auf die Reise nehmen. Wenn das so weiter geht, brauche ich doch einen Extrakoffer für alle Bücher, die ich noch schnell geschenkt bekam.

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Den Ort meines Wirkens in Santiago de Chile per Google-Earth erkundet. Sehr hübsch und ordentlich da. Überhaupt gibt mir Google-Earth oder -Maps so viel Sicherheitsvorschuss – ich kann mir vieles ansehen, ein Bild machen von dem, was mich erwartet. Es schmälert vielleicht die Abenteuerkomponente, aber mei!: in meinem Alter brauche ich nun auch keine Dschungeltour mit einem halbnackten Hippie wie vor zwölf Jahren. Es gibt so viel altersgerechtes zu sehen!

Gefühlskater.

Den ganzen Tag schon sitzen die Tränen locker, ganz kurz vorm Rauspurzeln. Allein der Wille hält sie im Auge. Was ist nur los? Es gab so viel Lachen gestern, vielleicht ist das der Kater, ein Gefühlskater, den es nun zu überwinden gilt. Ich mag Katzen, aber geh mir weg mit Katzenjammer, das muss ich jetzt wirklich nicht haben. Ich bin so empfindlich gerade, alles wird dreimal durchdacht, hin- und hergewendet zwischen dem Möglichen und dem Tatsächlichen. Ein falsches Wort und die Dämme brechen, naturgemäß wischt die Flut alles weg. Dann wieder bin ich furchtbar wütend. Warum ich, warum so und warum nicht anders, warum muss das denn sein? Ich spreche im Präsens, gleiches gilt für die Vergangenheit. Nur die Zukunft, die bekommt noch ein Fragezeichen und kein Warum, wir befinden uns hier schließlich auf dem Jahrmarkt der Möglichkeiten, von dem der Eitelkeiten ganz zu schweigen.

Was fehlt: einer, der mich hält, der mich liebt und dem Gefühlskater einen mächtigen Tritt in den Allerwertesten versetzt.

[Was schön war] #kw03/17.

Zuerst zum Gaumenschmaus der vergangenen Kalenderwoche: Am Montag im A Mano ausgezeichnetes Lammfilet in einer Rotweinreduktion genossen. Am Dienstag dann Kalbfleischfrikadellen im Shan’s, die leider weniger gut gewürzt waren als bei meinem letzten Besuch dort. Den Samstagabend probierte ich einige Cocktails mit interessanten Namen in der Sky Bar des Hotel Andel’s, und ich muss sagen: Rote Beete im Cocktail muss nicht.

„Sex on the Landsberger“ wird stilecht und den Grundgeschmack aufnehmend mit Ahoj-Brause und Gummibärchen serviert.

Aber der Gimlet war ein ordentlicher und die Aussicht auf das nächtliche Berlin wirklich so, wie man sich diese unordentliche, kalte und ruppige Stadt wünscht: Lichterglanz und Metropolenflair.

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Dass ich inmitten aller Reisevorbereitungen einen furchtbaren, vorweggenommenen Heimwehanfall bekommen würde, war so nicht vorgesehen und nach drei Stunden ununterbrochener Heulerei und Panikanfällen (Weltreise! Allein! Keiner liebt mich!) ging auch das vorüber. Dafür bekam ich am Freitagabend eine Untermieterin für den gesamten Zeitraum geschenkt. Nett, freundlich und ehrlich begeistert von der Aussicht, meine Kräuter und Pflanzen zu hegen und zu pflegen.

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Mit einem alten Freund getroffen, den ich schon seit 1993 kenne. Wir wohnten damals nur eine Straße voneinander entfernt in irgendwelchen schlecht beheizbaren Hinterhofstudentenwohnungen und hüteten jeweils die Wohnung des Anderen in Urlaubszeiten und dessen Geheimnisse. Ich habe seiner Fernbeziehungsfreundin niemals etwas von den anderen Frauen verraten. Und er niemals, dass… – Aber das geht Sie ja auch überhaupt nichts an. Auf jeden Fall erinnerte er mich an einige Schoten meiner und unserer Jugend, die ich geflissentlich vergessen hatte.

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Seinen Auftrag an mich für die Reise werde ich sehr gern erfüllen. Es hat etwas mit meinem lang vergessenen Lebenstraum zu tun, Geschichten zu erzählen, von Menschen, von Dingen und den Menschen dahinter. Von Bildern, die Geschichten erzählen. Und vielleicht wird daraus eine sehr schöne Sache für einen guten Zweck. Ich werde daran arbeiten.

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So langsam spreche ich spanisch. Das rollende R lerne ich auch noch.

 

Trumpet.

Um eines vorweg zu nehmen: The Lady is a Tramp, not a Trump. Vokale können so wichtig sein. Der gestrige Tag stand unter dem Eindruck einer düsteren Vorahnung, dass diese Welt nie mehr die gleiche sein wird, sondern mit der Übernahme der Macht durch Donald Trump ins Chaos gestürzt wird. Wo ich nur hinsah: deprimierte Kommentare, Vergleiche von Obama zu Trump, die Suche nach Anzeichen, dass die Apokalypse über uns hereinbricht.

Ich bin grundsätzlich Optimistin, aber ich ließ mich nicht nur anstecken, sondern es bestätigte sich schon nach den ersten Worten und Augenblicken der neuen Präsidentschaft, dass hier jeglicher Optimismus fehl am Platz sein würde. Dieser Mann ist nicht nur gefährlich, sondern irrsinnig. Er wird die Welt in Brand setzen und dazu sein Lied singen. Ein Nero in Washington. Der Cäsarenwahn hat Einzug gehalten.

Wie immer, wenn ich keinen Einfluss auf äußere Ereignisse habe, überlege ich, was das denn für Auswirkungen auf mich und meine persönliche Umwelt haben wird. Im Sommer reise ich durch die USA und Kanada – werde ich so frei reisen können wie gewohnt? Werden meine „nicht der Norm“ entsprechenden Freunde und Familienmitglieder Probleme bekommen, überhaupt einzureisen? Die vehemente Ablehnung der lesbian-gay rights durch Trump spricht für sich. Wird die aus China anreisende Frau meines Stiefvaters ein Visum bekommen? Freiheiten, die möglicherweise bald verloren gehen.

Muss ich mein Geld, mein Erspartes, in andere Anlagen umschichten, weil man nicht wissen kann, in welche Krisen uns dieser Tollhäusler stürzen wird? Doch noch ein bisschen was in Gold investieren? Oder in Betongold? Luxusprobleme, ich bin mir dessen gewahr.

Es macht Angst, sich die Welt von Morgen vorzustellen. Es bedarf schon einer sehr lauten Trompete, um die von Trump aufgebauten Denkmauern wieder einstürzen zu lassen.