[Was schön war] #kw30/17.

Was in der vergangenen Kalenderwoche schön war – immer frisch am Sonntagabend oder Montag auf den Tisch.

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Die familiäre Reisegesellschaft ruckelte sich langsam zusammen. Durch die ständigen neuen Eindrücke, nur kurzen Verschnaufpausen und jede Nacht in einer anderen Stadt zu übernachten wurden wir ohnehin alle hundemüde und hatten wenig Lust auf Diskussionen. Zumal die Temperaturen in Las Vegas mit knapp 43 Grad tagsüber und milden 35 Grad nachts ihren Teil dazu beitrugen.

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Den ersten Todestag des Mannes überstanden. Eigentlich waren die Tage davor schlimmer als der Tag selbst. Ich verfiel in Schweigen und wollte nur alleine sein – ziemlich unpassend, wenn man mit einer sehr redseligen familiären Reisegruppe zusammengespannt ist. Aber die innere Preußin packte auch das und am nächsten Tag kamen gute Nachrichten von einem zukünftigen Auftraggeber. Die Ausschläge des Gefühlsseismographen können sehr stark sein.

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Das Gefühl: ja, ich kann das. Ich bin gut darin. Ich kann vielleicht noch nicht davon leben, aber ich werde es versuchen.

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Mit der Cousine und dem Cousinenfreund in einem der Provinznester Kaliforniens, in dem wir übernachteten, auf eine Bühne gestiegen und Karaoke gesungen. Die „German Girls“ überzeugten mit schrägen Tönen und ausgesucht schlechter Musik. Meine Darbietung von ABBAs „Dancing Queen“ vermochte zumindest einige der Anwesenden zum Tanzen zu bringen. Und nach vielen Jahren tauchte meine innere Rampensau wieder auf!

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Noch einmal mit dem Yosemite-Nationalpark ein bisschen Kalifornien gesehen, das mir insgesamt ganz gut gefiel. Einzig Las Vegas kann mir herzlich gern gestohlen bleiben. Das ist keine Stadt für Menschen. Das ist nur eine Stadt für Geld.

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Am Freitag durchaus erleichtert ins Flugzeug nach Boston gestiegen. Zwei Wochen Familie und diese Art zu reisen waren schon recht anstrengend. Von Boston aus dann wieder mit dem Mietwagen unterwegs, in meinem eigenen Tempo und Rhythmus, meiner inneren Route folgend. Diese führte mich unter anderem in eine ehemalige Shaker-Gemeinde. Canterbury war eine von rund 20 Communities dieser religiösen Gruppe, die nicht nur ein ausgezeichnetes Kunsthandwerk betrieb sondern auch eine recht interessante Einstellung zur Geschlechtergleichheit hatte.

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Am Sonntag in einem der hübschen Küstenferienorte gelandet und am Strand gelegen. Nur knappe sieben Kilometer weiter urlaubte der frühere POTUS George H. W. Bush in Kennebunkport, einem sehr mondänen und schönen Ort. Überhaupt ist New England entlang der Küste ganz bezaubernd und erinnert mich sehr an Nordfrankreichs Marschlandschaften. Auch die Bundesstraße 11 von Laconia aus ist sehr idyllisch und von der Scenic Route tun sich wirklich schöne Ausblicke auf See und Berge auf.

WMDEDGT 08/17

#WMDEDGT bringt einmal monatlich und immer am 5. den Tagesablauf ins Internet. Initiatorin des Ganzen ist Frau Brüllen. 

Der Morgen begann mit meiner offenbar unabhängig von diversen Zeitzonen eingestellten Aufwachzeit um kurz vor sechs Uhr. Ich weiß nicht warum, aber ich wache seit Beginn der Reise immer um irgendwas um die zehn vor sechs auf, ärgere mich dementsprechend – ich müsste ja erst um sieben oder halb acht aufstehen, je nachdem, ob ich im Hotel Frühstückszeiten einhalten muss oder mich auf eine Reise begebe -, und lese ein bisschen im Internet herum, bis ich mich weiter wachgeärgert habe. So auch heute. Daher stand ich schon um sieben auf statt um acht wie geplant, hatte aber meine Reisetasche schnell fertig gepackt und konnte meinen aufgestauten Ärger nach dem Frühstück gleich bei der Autovermietung loswerden. Die hatte mir nämlich gestern am Flughafen Boston, den ich gegen halb zehn abends nach eineinhalbstündiger Verspätung des Fliegers endlich erreichte, ein kaputtes Navi angedreht, das einen hübschen Kabelbruch hatte.

Daher konnte ich schlussendlich doch erst gegen kurz vor halb elf in Richtung Gloucester und Rockport starten, zwei Ziele auf meiner Neuengland-Tour, die hübsche Häuschen und Häfen zum Begucken versprachen. In Gloucester ist auch der sehr packende Roman „Der Sturm: die letzte Fahrt der Andrea Gail“ von Sebastian Junger angesiedelt, der mit George Clooney mehr recht als schlecht verfilmt wurde. Leider regnete es Bindfäden, sodass ich mich um Gloucester herumstahl, um gleich nach Rockport zu fahren. Ein hübsches Städtchen, in dem ich eine kurze Mittagsrast machte, ein sehr schmackhaftes Croissant mit Feta- und Spinatfüllung aß und einen trinkbaren Kaffee fand.

Dann machte ich mich gegen eins langsam auf den Weg nach Manchester (New Hampshire) ins Landesinnere, wo ich eine Nacht gebucht hatte. Denn die Hotels und Pensionen am Meer sind zur Ferienzeit, wenn nicht komplett belegt, einfach nur so schweineteuer, dass selbst ich als „reiche Witwe“ (haha) es mir nicht leisten kann / will. Kurz hinter Gloucester wollte das neue Navi, dass ich auf den Highway fahre. Ich dachte eine Sekunde nach und fuhr nach rechts in Richtung Essex und Ipswich. Ja, die alten Gründerväter, sie nahmen einfach die alten englischen Ortsnamen mit in die neue Welt. Und die hübschen Häuschen sehen mehr oder weniger ebenso aus wie in Irland oder Großbritannien. Also folgte ich meiner inneren Route, fuhr durch grünes Marschland, an dichten Laubwäldern vorbei und durchquerte Städtchen um Städtchen, bis ich in Hampton Beach noch einmal kurz an einem der breiten Atlantikstrände hielt, und meinen Nachmittagskaffee um drei zu genießen. Ich streckte meinen rechten Fuß in die Wellen und bedauerte nicht, meinen Bikini im Koffer gelassen zu haben. Eiskalt! Was keinen der amerikanischen Urlauber davon abhalten konnte, sich in die Fluten zu stürzen. Vielleicht bin ich auch einfach nur eine Memme.

Nach der kleinen Pause ging es auf der 101 in Richtung Manchester. Ich drehte das Autoradio auf und sang lauthals die schlimmsten Rockklassiker mit. So ist das, wenn man mit „Final Countdown“ oder „It’s my life“ großgeworden ist. Gegen vier war ich in Manchester, checkte in meinem Günstig-Motel ein und machte mich noch einmal auf den Weg in die Innenstadt.

Diese enttäuschte mich. Nicht nur, dass zwischen den wenigen älteren Gebäuden lieblose Mehrgeschosser gepflanzt worden waren, nein, es gab auch die in fast allen deutschen Nachkriegsstädten üblichen Waschbetonpflanzkübel mit traurig aussehenden Büschen. Das wollte ich mir nun nicht auch noch in den USA antun. Außerdem hätte ich an einem samstäglichen Spätnachmittag deutlich mehr Leben erwartet. Die meisten Geschäfte hatten schon zu und die wenigen Restaurants waren Ketten-Filialen und lockten mich um diese Uhrzeit noch nicht. Also entschloss ich mich, in den auf der Herfahrt gesehenen Laden- und Dienstleistungskomplex im Außenbezirk Manchesters zu fahren.

Dort angekommen, entschloss ich mich spontan zu einer Mani- und Pediküre und kam so in den Genuss, mich mit Mi-Ra über ihr Geburtsland Vietnam auszutauschen und zu entdecken, dass Pho Bo unser gemeinsames Lieblingsgericht ist, gefolgt von Sommerrollen mit Ente und viel Minze. Nun habe ich wieder auf das Beste gepflegte Füße und ungewöhnlich ordentlich aussehende Hände und freue mich, dass Mi-Ra ihren Beruf auch nach dreißig Jahren immer noch als ihren Traum-Beruf bezeichnet.

Um kurz vor sieben war ich aus dem Salon gekommen und wollte noch in den großen Supermarkt am Rand der Innenstadt fahren, als sich bewahrheitete, was ich beim Nägelmachen im TV gesehen hatte: dicke Unwetterwolken ballten sich zusammen und es begann zu regnen. Nicht nur zu regnen, nein, es goss. Monsunartige Wassermassen stürzten vom Himmel, während ich das Auto vorsichtig durch knöcheltief gefüllte Senken manövrierte, immer eingedenk der Bilder aus Berlin von vor einigen Wochen und dem Merksatz meines Vaters „wenn die Füße nass werden, haste ein Loch im Unterboden oder dein Motor ist gleich kaputt“. Ich schaffte es bis zum Supermarkt, watete mit meinen Flipflops durch tiefe Pfützen und kaufte Schmackhaftes und Gesundes. Nach den letzten beiden Wochen mit wenig Bewegung und viel Essen in Gesellschaft fühle ich mich unwohl und lechze geradezu nach Obst und Gemüse.

Gegen acht kam ich wieder im Hotel an, aß Hummus, gefüllte Weinblätter und Tabouleh, Obst und ein bisschen Salat, bevor ich noch ein wenig die weitere Reise plante. In Portland werde ich bei Mark und seinen beiden Söhnen wohnen. Mark betreibt ein AirBnB, wobei das in seinem Fall wohl eher einer Pension gleichkommt. Jedenfalls plant er auch eine Weltreise und möchte Tipps von mir. Ich meinerseits möchte in Portland zum Friseur gehen und hoffe auf einen Tipp von ihm.

Gegen elf ging ich schlafen, obwohl ich noch nicht müde war – es sind schon wieder drei Stunden Zeitverschiebung von West nach Ost. Immerhin (fast) zeitgleich mit Buenos Aires und Santiago, das macht die Kommunikation mit Verehrer(n) und Freunden leichter. So schrieb ich noch einige Nachrichten, freute mich über den Erfolg, in einem fremden Land einen Beitrag in einer Zeitung platziert zu haben und schlief ein.

[Was schön war] #kw29/17.

Diese Woche bestach vor allem durch Naturschönheiten.

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Das (vorerst) letzte Mal am Pazifik gewesen und in die Ferne geblickt. Er wird mir fehlen, dieser Ozean. Diese Seite der Erde war gut zu mir.

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Immer wieder die Entdeckung, dass alle 50 Kilometer eine neue Landschaft kommt, die noch imposanter, noch größer und noch weiter ist. Über den Grand Canyon geflogen.

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Die Freunde vermissen und warten auf mich.

[Was schön war] #kw28/17.

Was war denn in der vergangenen Kalenderwoche schön?

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Am Montag endlich die verrauchten Rocky Mountains hinter mir gelassen. Dann auf der Fähre nach Vancouver Island die Lungen vollgesogen mit frischer Luft und dem Gefühl, endlich wieder am Wasser, am Meer zu sein. Man kann süchtig werden danach.

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Bei den Hosts mit Lavendelscones und kleinen Leckereien begrüßt worden. Fünf Tage Ruhe und Entspannung in einem kleinen Rentnerparadies mit Waschmaschine, Trockner und einer Joggingstrecke zum Mini-Strand. Die Ruhe tat gut, ich habe etwas fertiggestellt, das mir schon länger im Magen lag. Es geht voran.

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Am Freitag nach San Francisco geflogen. Keine Blumen im Haar getragen, aber mit der Familie vereint. Nach sechs Monaten alleinreisen gehört so viel enger Kontakt schon in den Bereich „Resozialisierungsmaßnahme“. Aber sehr schön.

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Am Sonntag alleine losgezogen. Die Familie lässt mich sein. Gute Familie.

[Was schön war] #kw27/17.

Schon wieder Kanada. Hier gibt es ja bekanntlich viel Schönes zu entdecken, und dann schauen wir mal, was für mich in der vergangenen Woche so besonders schön war.

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Ein paar Tage in einer sehr wohlhabenden Kleinstadt in Michigan beim Stiefvater. Ruhe, mal abgesehen von den gepimpten Auspuffanlagen jeglicher Couleur, nette kleine Geschäfte, viel Grün, eine Joggingstrecke, ein Eisladen, Struktur. In einer Woche sehen wir uns dann in San Francisco wieder, wie so eine Jetsetter-Familie.

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Lange über die Zukunft nachgedacht und besprochen. Was kann ich, was nicht, was muss ich verdienen, damit ich meine Pläne umsetzen kann. Einen groben Businessplan geschrieben. Es läuft wohl auf ein Mischmodell aus Festanstellung in Teilzeit und einer Freiberuflichkeit beziehungsweise eine kleine Firma hinaus. Ich kann und will nicht mehr weitermachen wie bisher. Wenn ich mit meiner Idee scheitere, dann scheitere ich halt. Ist ja sowieso egal. Was habe ich schon zu verlieren.

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Relativ unspektakulär über Denver nach Calgary geflogen und einen Mietwagen genommen. Es war gut, dass ich die Stadt habe links liegen lassen. Ich brauchte Luft und Grün, und das habe ich gleich am ersten Tag in den Rocky Mountains bekommen. Die Luft wurde allerdings am nächsten Tag immer schlechter, denn die Waldbrände ließen den Rauch über den transcanadian Highway wabern und nahmen die Sicht.

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Immer wieder das Gefühl aufleben lassen: ich bin unterwegs, ich durchquere gerade die Rocky Mountains! Ich reise um die Welt. Genauso, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich kann alles schaffen, wenn ich will. Empowerment pur, so ein Roadtrip durch die Berge.

(Eigentlich sollte das doch genügend schön sein, um durch die vielen dunklen Stunden dieser Tage zu tragen. Erinnerungen an den sich am letzten Julitag jährenden Tod des Mannes. Das Gefühl, einsam zu sein und es doch nicht zu schaffen. Das Vermissen lieber und liebgewonnener Menschen, ja, auch des Verehrers, der auch so recht nicht loslassen kann und will. Der Frust über vieles, was in diesem, meinem Leben schief gelaufen ist. Die Liste ist beliebig verlängerbar.)

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Paul und Lance kennengelernt. Mit dem einen Bier und dem anderen Kaffee getrunken. Abgelegt unter Sprachübungen.

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Mich entschieden, ein paar Tage ans Meer zu fahren und Vancouver beiseite zu lassen.

[Was schön war] #kw26/17.

Die Zeit rast nur so dahin, es ist der fünfte Monat seit dem Beginn meiner Reise und es gab so viel Schönes, so viele schöne Momente und Begegnungen, dass ein Wochenrückblick gar nicht alles wiedergeben kann. Aber nun, fokussieren schadet ja nicht.

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Den letzten Tag in Toronto noch ein bisschen in der Nachbarschaft des Hotels herumgebummelt, ausgezeichnete pikante Waffelburger gegessen und mit der chinesischstämmigen Betreiberin eines Waschsalons geplaudert. Alles sehr heimelig.

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Dann wieder ein neues Land. Diesmal die USA. Seit der Schulzeit hatte ich ein zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Land und seinen Bewohnern. Nicht, weil ich jemals dort gewesen wäre und schlechte Erfahrungen gesammelt hätte, nein, ich bin tatsächlich das allererste Mal im „Land of the free“. Es war vielmehr das Leben in einer von der amerikanischen Armee geprägten Stadt, die ein eigenes Viertel für sich beanspruchte, eigene Läden hatte und die ein Stück weit eine Parallelgesellschaft bildete, die nicht unbedingt ein vorteilhaftes Bild der USA abgab. Und dann noch dieser Trump… Wie angenehm wurde ich doch von Chicago überrascht, einer Stadt, über die ich mir keine Gedanken gemacht hatte. Irgendwas mit Blues Brothers, Al Capone und Backdraft – also von Filmen und Gestalten der Zeitgeschichte geprägt. Wie überraschend also die tolle Hochhausarchitektur, der leichte Wind, welcher die Sommerhitze sehr erträglich machte, die freundlichen und sehr entspannten Leute – und der Stadtstrand am Lake Michigan, an dem ich zwei Nachmittage lang vor mich hin dünstete. Einatmen, ausatmen

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Die Zugfahrt quer durch Illinois und Michigan von Chicago nach Troy, wo mich der Stiefvater abholte. Endlich wieder eine Kleinstadt ohne Hochhäuser, mit Gärten und Villen, mit hübschen kleinen Restaurants und Läden. Einatmen, ausatmen.

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Eine Idee für die berufliche Zukunft nimmt Gestalt an. Luft anhalten. Ins kalte Wasser springen. Schwimmen lernen. Untergehen kann ich immer noch.

WMDEDGT 07/17

Ich habe mal eben den Kontinent gewechselt und dokumentiere jetzt aus dem sommerlich warmen Nordamerika für Frau Brüllen, was ich eigentlich am 5. eines Monats den lieben langen Tag so mache.

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Da ich seit zwei Tagen in Chicago bin und hier eine Stunde später die Sonne aufgeht (jedenfalls ist es hier eine Stunde später als im östlichen Teil von Kanada, wo ich die letzten zweieinhalb Wochen war), wachte ich dennoch pünktlich um 7.30 auf, also um 6.30 und konnte nicht mehr einschlafen. Ich las mich ein wenig durch meine sozialen Medien und schlief noch einmal kurz ein. Gegen viertel nach acht stand ich auf, duschte und räumte das Hotelzimmer ein wenig auf. Das Zimmer ist winzig, liegt in aber in Downtown sehr zentral und ist einigermaßen bezahlbar.

Um halb zehn frühstückte ich ein Sandwich und trank dazu einen für amerikanische Verhältnisse sehr trinkbaren und starken Kaffee. Ich hatte mir diesmal vorgenommen, ein reines Touriprogramm am ersten „ganzen“ Tag in Chicago zu machen, nachdem ich gestern Nachmittag angekommen war und mitten in die Feierlichkeiten zum 4. Juli geriet. Daher lief ich zum „Watertower“ und kaufte ein Ticket für einen Hop on-Hop off-Bus, der mehrere Routen auch in etwas abgelegenere Neighbourhoods anbietet. Die erste Route führte durch die Ausgehviertel in Downtown und ich habe selten einen schlechteren Tour Guide erlebt als Barbo, der offenbar noch das ein oder andere Nationalfeiertagsbier im Kopf hatte. Jedenfalls verhaspelte er sich andauernd und erzählte nur von Restaurants und Bars. Daher entschied ich mich auch, bereits am ehemaligen Sears-Tower auszusteigen und bis in die 103. Etage zu fahren, anstatt bis um Navy Pier mitzufahren, um dann am Ohio Beach in die Fluten des Michigan Sees einzutauchen.

Ich genoss die Aussicht von dort oben, fast einen halben Kilometer über der Stadt, verzichtete aber auf die glasbodenen Plattformen, um die sich die Selfiegeilen Jungmädels balgten. Muss ich nicht haben. Ich bin schon froh, dass ich meine extreme Höhenangst soweit im Griff habe, um mir solche Aussichten nicht entgehen zu lassen.

Gegen halb zwei hüpfte ich wieder in einen der Busse und hatte dann einen wirklich guten Fremdenführer, der mit Humor, der routinierten Entertainment-Attitüde eines ehemaligen Disney World-Mitarbeiters und Sachkenntnis die Rundfahrt angenehm machte. Ich stieg in den Nähe des Hotels aus und machte eine Pause im Hotel, wo ich bis fünf herumgammelte und sogar noch eine halbe Stunde schlief. Inzwischen hatte ich einen Bärenhunger bekommen und verließ das Hotel gegen sechs, um zum „Taste of Chicago“-Festival zu wandern, in den Grünanlagen zwischen Lake Shore Drive und der Michigan Avenue. Das Prinzip dort ist recht einfach: man kauft Bons, die man dann an den Fress- und Trinkständen einlöst. Das erspart den Anbietern das Kleingeldgemache. Weil ich aber meine etwas geizig bemessenen Bons bereits an einem Taco-Stand fast aufgebraucht hatte, bekam ich am Eisstand kein Eis mehr, denn ich hatte keine Lust, mich noch einmal in der Schlange für die Bons anzustellen. Das verstand auch der nette Eismann und schenkte mir das Mangoeis, „because you seem to need something sweet“. Woher er das wohl wusste?

Ich wanderte durch den Park, schleckte mein Eis und lauschte ein wenig einer irischen Folkband, die erstaunlicherweise relativ wenig Anklang beim Publikum fand. Dabei hat Chicago doch eine zahlreiche irischstämmige Bevölkerung. Wahrscheinlich deswegen. Aber ich verstehe davon nichts.

Gegen halb neun machte ich mich auf den Weg zum Hotel zurück, kaufte noch Wasser, etwas zu knabbern und beantwortete unterwegs noch einige Nachrichten des Verehrers, der sich von der Fußball-Schlappe seines Landes im Confed-Cup glücklicherweise wieder erholt hat. Das ständige Herumgejaule, wie ungerecht doch das Ergebnis des Spiels sei, war aber auch nicht mehr auszuhalten…

Im Hotel setzte ich mich noch ein wenig an die Bar, trank ein Bier, unterhielt mich mit zwei Norwegerinnen und ging gegen halb elf in mein Zimmer. Ich pflegte ein wenig meine sonnenverbrannte Nase und ging gegen halb zwölf schlafen.

[Was schön war] #kw25/17.

Was in der vergangenen Woche schön war, in der Reiseedition zwischen Moskitos, Rentnern und Großstadtschluchten.

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Zwei schöne, lange, anstrengende Ritte durch den Algonquin-Regionalpark gemacht. Trotz Dauerregens – und hier hat sich mein sonst anlässlich Berliner Wolkenbrüche auf der Vespa zu tragendes „Zelt“, also mein überdimensionierter Regenumhang schon zum zweiten Mal sehr bewährt. Zumal sich die Moskitos an der wenig atmungsaktiven Oberfläche die Saugrüssel eindellten. Jedenfalls: ich glaube, ich kann jetzt langsam reiten. Das Pferd geht in der Regel dahin, wohin ich möchte, es wechselt die Gangarten, wenn ich das möchte und mich an irgendwelchen Sträuchern oder Bäumen abzustreifen hat auch keines mehr versucht. „You’re a horsewoman“, sagte die Tourbegleiterin, „you know what they think.“ Ich mache also weiter mit diesem lang vergessenen Hobby.

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Auf dem Weg zu den Niagarafällen in einer bezaubernden kleinen Rentner-Disneystadt gelandet. In Niagara on the lake ist alles ein bisschen wohlhabender, ein bisschen ruhiger und ein bisschen britischer als im Rest des Landes. Der Landlord meines Hotels erklärte, dass der überwiegende Teil der Bewohner Beamte mit sicherem Pensionsanspruch oder alteingesessene Torontoer seien, die ihre Grundstücke oder Häuser in den vergangenen Boom-Jahren zu Gold gemacht hätten, um sich hier in der Idylle am Ontario-See überdimensionierte georgianische Villen zu kaufen, um dann mit ihren hässlichen kleinen Schoßhunden zweimal am Tag spazieren zu gehen. Ich fand es sehr hübsch dort, ich joggte am See entlang und durch die Villenviertel. Niemand nervte mich, und im Theater war ich auch.

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In Toronto im Hotel ein Upgrade bekommen, ganz ohne Zutun, einfach nur so, weil die Rezeptionistin Berlin mag und die Freiluftkaraoke im Mauerpark ihr so gefallen hat. Im 16. Stock eine Suite zu bewohnen und ein wenig mehr als die engen Hochhausschluchten zu sehen, hat etwas. Toronto ist wie alle kanadischen Städte bisher: Großstadt und für mich ein sicherer Ort, weil schlimmer als Berlin an manchen Orten geht auch kaum. Wohlgefühl, weil alles funktioniert, wie es soll, gepaart mit dem Gedanken, dass es anderswo nicht so toll ist. Und der Sehnsucht nach genau diesen unperfekten Orten wie Buenos Aires und, ja, auch Santiago, wo der Boden immer wieder atmet.

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Immer noch viele Nachrichten mit dem Verehrer ausgetauscht, langsam kommen wir in den Rhythmus, dass wir uns ganz freundschaftlich aneinander erfreuen können und gemeinsam die jeweils gewünschte Fremdsprache lernen (er: Englisch verbessern, ich: Spanisch nicht vergessen). Wir fragen uns abendlich nach den Fortschritten ab und stellen uns kleine Aufgaben. Dass er sich immer noch sehr um mich sorgt, aus der Ferne und doch so ausdauernd, freut. Auch, als ich am Ontario-See entlang fuhr und wie aus heiterem Himmel eine tiefe Traurigkeit ob des Mannes Tod vor fast einem Jahr auf mich fiel und er mir viele kleine aufmunternde Sprachnachrichten sandte. Ich glaube, ich habe einen guten Freund gefunden. Auch nicht alltäglich.

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Mit der Freundin telefoniert und geerdet worden. „Du kommst jetzt erst einmal wieder nach Hause, und dann sehen wir weiter. Mach dir keine Sorgen, du findest Arbeit, da warten Menschen auf dich und helfen dir, wieder in das Leben zurück zu finden. Wir sind für dich da.“

[Was schön war] #kw24/17.

Was in der vergangenen Woche schön war, wird hier und heute ein wenig vorweggenommen, denn am üblichen Montagsberichtstag werde ich im Nirgendwo des Algonquin-Nationalparks sein und keinen Zugang zu Medien haben, welcher Art auch immer. Wenn ich überhaupt den drei Kilometer langen Weg alleine durch den Wald zur Eco-Lodge schaffe, ohne von einem Bären als Mittagssnack verspeist worden zu sein.

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Mir Montreal noch einmal ganz in Ruhe und alleine angesehen. Der Verehrer hatte mir die wichtigsten Ecken und Sehenswürdigkeiten ja schon gezeigt, aber für die Murales, die Wandbilder im Viertel Mont Royal, und einige weitere Ecken der Stadt war die Zeit zu kurz gewesen. Das holte ich dann am Montag und Dienstag nach.

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Im üblichen Reisewetterdauerregen nach Quebec gefahren. Dort erwartete mich eine schöne Überraschung: das sieht ja aus wie eine französische Stadt, fast wie La Rochelle oder Nantes! Also sehr angenehme Heimatgefühle gehabt, zumal ich nicht mehr gefragt wurde, aus welchem Land ich kommen würde, sondern aus welcher Region Frankreichs. Es ist schön, nicht mehr aufzufallen.

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Bei einer wirklich guten Friseurin gewesen, die mir nach dem argentinischen Desaster-Friseur nicht nur eine tiefdunkelbraune und gleichmäßige Färbung verpasste, sondern auch einen Schnitt, der bei richtigem Styling entfernt an Punk erinnert, ansonsten aber durchaus auch Amelie-Poulain-tauglich ist.

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Mehr oder weniger gemeinsam mit dem Verehrer das Fußballspiel Deutschland – Chile geschaut – wir schrieben uns WhatsApp-Messages und sandten uns Sprachnachrichten bissiger Natur über die jeweiligen Qualitäten der Nationalspieler. Was man halt so macht, wenn es draußen regnet, der Verehrer offenbar keine Lust hat zu arbeiten und überhaupt. So ein bisschen Vermissen auf beiden Seiten darf sein. Hört auch schon wieder auf.

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Den Freitag wiederum im Reisewetterdauerregen von Quebec nach Ottawa gereist. Sieben Stunden, ein ewig langer Stau in Montreal, den ich mit angenehmen Erinnerungen an das vergangene Wochenende überbrückte. Und dann war noch nicht einmal Justin Trudeau in Ottawa anwesend, um mich gebührend zu empfangen! Die Stadt an sich war dann auch recht schnell erwandert, so spektakulär ist Kanadas Regierungssitz nicht.

[Was schön war] #kw23/17.

Und wieder ein neues Land, wieder eine neue Reiseedition von Schönem der vergangenen Woche.

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Abschiedsabend mit den Damen in Buenos Aires. Wie wunderbar, diese Frauen kennengelernt zu haben. Und wie wunderbar wäre es, wenn wir uns wiedersehen könnten. Eine Verabredung dazu haben wir jedenfalls, und wir haben uns auf Sommer oder Frühling in Buenos Aires geeinigt. Winter oder Herbst braucht dort keiner.

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In einem halbleeren Jumbo von Buenos Aires nach Houston eine ganze Reihe für mich zum Schlafen gehabt. Gut und tief geschlafen, bis mich der Steward sehr nett weckte, um mir zu sagen, dass ich sonst mein Frühstück verpasse.

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Gut in Toronto gelandet und dort einige ziemlich mitgenommene T-Shirts und Kleinkram gegen Neuware gewechselt. Einen sehr schönen Bikini gefunden. (Sie glauben ja gar nicht, wie schwierig man es hat, wenn man obenrum etwas mehr Holz vor der Hütte besitzt, aber der Unterbrustumfang eher mittelgroß ist.) Von der Mietwagenfirma von Klein- auf Mittelklassewagen geupgradet worden, weil: „der Kleinwagen ist heute früh zu Schrott gefahren worden“. Jetzt bin ich mit einem BMW-Derivat eines japanischen Herstellers unterwegs und mit dem ersten Einschalten des Tempomaten auf dem Highway in Richtung Montreal beginnt die schleichende Rentnerwerdung.

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Der Verehrer wurde ungeduldig, weil er seinen Urlaubsplan ummodeln musste. Wegen mir. Damit wir uns noch einmal sehen können. In Montreal, wo er bei seiner Schwester urlaubte. Ich wurde ungeduldig, weil ich mich nicht drängen lassen mag. Beinahe hätten wir uns schon vor dem Treffen in die Haare bekommen. Aber dann wurde alles doch einfach und klar, und das Schicksal und ein bisschen guter Wille von zwei Seiten schenkten uns zwei Tage und Nächte miteinander. Was auch immer uns verbindet – es war und ist gut so.

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Abschiede sind niemals schön. Auch, wenn der Verehrer fragt: „Und wo treffen wir uns das nächste Mal? Im Kongo?“ Er behauptet ja steif und fest, dass wir uns wiedersehen werden. Aber das hat er schon beim letzten Abschied gesagt.

Oh. Wait.

(Und ich habe auch fast nicht geweint. Er auch nicht.)

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Das AirBnB hat eine Waschmaschine. Ganz großes Glück auf Reisen.