Alltagsmarginalien (4).

So eine erzwungene Auszeit hat mitunter seltsame Auswirkungen. Zum Beispiel mein Tagesrhythmus. Ich bin ja eher eine „Eule“. Ein Morgen ohne Kaffee ist ein verschenkter (und für meine direkte Umwelt schwieriger) Morgen, ich komme am späten Vormittag in meine sozialkompatible Phase und nachmittags zwischen 15 und 17 Uhr bin ich unglaublich gut im Texte schreiben. Dafür halte ich abends länger durch. Meine Schlafenszeit ist zwischen halb 12 und halb eins.

(Sie merken: wir haben keine Kinder.)

Ich zwinge mich aber mit preußischer Disziplin zum frühen Aufstehen, Miteinanderreden und arbeiten, mit ganz unterschiedlichen Qualitäten und Ergebnissen.

Aber zurück zur Eule. Seit Beginn meiner Bänderriss-Auszeit verschiebt sich mein Tagesrhythmus eindeutig in Richtung meiner chronobiologisch angelegten Eulen-Gene. Vor halb neun bin ich nicht wach, ich lege gern nochmal ein Mittagsschläfchen auf dem Sofa ein und komme ansonsten definitiv noch später ins Bett als vorher.

Ich verlottere. Oder mein Körper will es so. Nein, meine GENE wollen es so! Und wer kann schon gegen seine Anlagen? Ich muss da wohl dringend was an meinem Tagesrhythmus ändern, wenn ich wieder arbeitsfähig bin.

 

Gelee.

An manchen Tagen kommt es mir vor, als müsste ich durch Gelee schwimmen. Jeder Schlag, jede Bewegung kostet mehr Kraft als nötig. Der Weg zur Straßenbahn scheint sich zu biegen, als ob er mir noch andere Richtungen in meinem Leben aufzeigen wollte. Angekommen im Büro, scheint das Ziel nicht näher zu kommen, die Gedanken zerrinnen zu einem zähen Brei.

Gelee-Tage.

Alltagsmarginalien (2).

Der 8. März ist internationaler Frauentag. Bis zur Wende und auch noch eingie Jahre danach bin ich damit überhaupt nicht in Berührung gekommen. Erst, als ich – noch Studentin – bei einer Hausverwaltung im Osten der Stadt arbeitete, bekam ich am 8. März von meiner Chefin eine Rose mit den Worten „Herzlichen Glückwunsch zum Frauentag!“ Ich fragte nach und bekam als Antwort, das sei so üblich und früher hätte man dann an diesem Tag freigemacht und sei Tanzen gegangen. Schöner Brauch, dachte ich und vergaß den Tag über der Arbeit sofort wieder.

Im vergangenen Jahr war ich dann selbst die Chefin, die ihren Mitarbeiterinnen Rosen zum Frauentag schenkte. Ebenfalls ohne weitere Gedanken an den Hintergrund dieses Tages. Wertschätzung für ihre Arbeit an diesem Tag war mein Grund, ihnen eine Blume zu schenken. An anderen Tagen aber waren es mal Donuts oder Pizza oder Pralinen, ganz ohne Prädikat eines internationalen (Feier-)Tages. Ich weiß auch nicht, warum ich mich dabei unwohl fühle, nur an einem ganz bestimmten Tag meine Wertschätzung auszudrücken. Geschlechterungerechtigkeit wird davon nicht besser, gekämpft werden muss um gleichen Lohn, gleiche Rechte und gleiche Pflichten jeden einzelnen Tag des Jahres. Ich verweigere mich dem Postulat Feminismus wie allen anderen -ismen, die ich nicht für mich und meine Umwelt als wichtig erachte. Kämpfen und aufstehen heißt: Laut sein, keine Kompromisse eingehen, knallhart um seinen Lohn feilschen und vor allem heißt es „immer“.

Heute fühlte ich mich nicht unwohl, als ich die Blumen schenkte. Ich mag meine Kolleginnen und würde ihnen gern mehr Verantwortung, mehr Perspektiven und Entwicklungssprünge ermöglichen. Da ich das derzeit nicht kann, schenkte ich Rosen.

Besser macht es diesen Tag für mich nicht. Aber auch nicht schlechter.

Alltagsmarginalien (1).

Meine tägliche Tramfahrt dauert in der Regel sieben Minuten und beinhaltet alles, was man morgens noch vor neun Uhr nicht haben möchte. Ungewaschene, Schlechtgelaunte, Drängler, Müde, Wache, … – kurz: Menschen. Was mich besonders auf zwei, mir in meiner morgendlichen Soziopathie besonders ungeliebte Exemplare bringt: die Ungewaschenen und die Wachen/Wachtelefonierer.

Bei den Ungewaschenen bin ich mir nicht so sicher: allgemein mangelndes Hygieneempfinden oder Abendduscher? Abendduscher sind mir ohnehin ein Rätsel. Ich kann es riechen, ob jemand morgens nicht geduscht hat oder sich (in meiner Kindheit war das ja üblich) nur die entsprechenden duftrelevanten Stellen gewaschen hat. Das ist so ein Grundgeruch, nichts schlimmes, aber es riecht eben nach einem ganz leichten Nachtschweißfilm mit einer käsigen Note. Ganz selten mischt sich noch eine Liliennoten hinein. Halten Sie mich ruhig für bekloppt, aber das ist nun mal meine Nase, die das so riecht.

Die Wachen indes hasse ich. Besonders die Wachtelefonierer. Was morgens so an Betriebsinterna und Absprachen ins Handy geplaudert wird! Wahre Gleichberechtigung haben wir übrigens erst erreicht, wenn die telefonierenden Businesskasper eine 50:50 Quote haben. Eine kleine Umfrage auf Twitter gab dem weiblichen Pendant übrigens den sehr schönen Namen „Businessgretel“. Ich verweigere berufliche Gespräche, bevor ich im Büro angekommen bin, auch als Führungskraft. (Ach, das wäre ja auch ein hübsches Thema der Alltagsminimalien: Work-Life-Balance und Wichtigkeitspostulate. Na, vielleicht beim nächsten Mal.)

Raumreisen.

„Raus hier. Ich gehe jetzt in meinen Gedächtnispalast.“
(Sherlock Holmes, BBC-Produktion)

Im etwas schwülstig eingerichteten Boudoir mit den goldbrokatenen Sitzkissen auf dem Samtdiwan sitze ich und schnuppere mit leicht tropfender Nase an einem Räucherstäbchen. Indien, denke ich, Indien könnte es sein. Aber Indien ist es nicht. Das Indien, durch das ich vor elf Jahren reiste, gibt es nicht mehr und wie der Mann immer sagt: keine Wiederholungen.

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Also laufe ich ein paar Schritte nach nebenan und genieße die Kühle der blauornamentenen Wandkacheln, streiche über ihre blanke Oberlfäche und horche dem Zwitschern der kleinen Vögel nach, die im Atrium aus den Wasserschalen trinken. Marokko. Diesmal aber Essaouira, am besten zum Musikfestival, auch wenn dann die Hotelpreise explodieren. Gnaoua-Musik entdecken, sich verlieren in sich wiederholenden Melodien. Dazu eine kleine Taubenpastete oder eine saftige Tajine. Am Strand entlang wandern. Nein, Marokko ist es nicht.

Meine Erinnerungsräume, eingerichtet ganz nach meinem Geschmack, angefüllt mit Reisen, Gerüchen, Gefühlen, Menschen. Es gibt noch so viele leere Räume.

Iran. Warum eigentlich nicht? Iran wird es sein.

 

Fass! Ein Stöckchen!

Blogger-Stöckchen haben ja eine lange Tradition. Damals™, als Blogs noch diese unbekannte Social Media- Form waren und als jeder auf einmal ins Internet reinschreiben konnte, wurden die ersten Stöckchen geworfen, aufgenommen und weitergereicht. Das hat sich ein bisschen mit kurzlebigeren und kürzer gefassten Interaktionsmedien wie Twitter, Instagram und Co. geändert (erinnert sich noch jemand an ello oder formspring?). Fast habe ich die Nabelschau vermisst. Und die FAZ hat sich auch nicht gemeldet. Dabei bin ich fast so wichtig wie Proust.

Umso dankbarer war ich, dass die großherzige cucinacasalinga mir auf vielfaches Betteln hin  ein Blogger-Stöckchen zuwarf, das ich gern beantworte.

Wie findest Du Deine Hände?
Mäßig schön. Sie sind eher kompakt und im Alter werden sie auch nicht schöner. Aber sie können zupacken, ziemlich schnell tippen und sehen mit einem breiten Silberring mit einem schönen großen Edelstein nach mehr aus. Was ich indes nie lernen werde: mir die Fingernägel zu lackieren. Ich habe recht stabile Nägel, die lang wachsen können. Aber jeder Versuch sie mit Farbe zu veredeln, scheitert an meiner motorischen Unfähigkeit.

Idealer Urlaubsort – im Westen, Osten, Norden oder Süden?
Alles eine Frage des Standpunkts. Hauptsache, über den Tellerrand schauen.

Handtaschen oder Hosentaschen?
Ich bin eine Frau. Hosentaschen reichen nicht.

Allerdings sind meine Handtaschen diese stabilen Lederdinger mit Schulterriemen. Ich besitze noch die ein oder andere Zwecktasche („für schön“, „für Bälle“, „zum Beeindrucken“, usw.). Und dann die Fehlkäufe und -geschenke, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte – voilà:

20160116_123905Links das Geschenk – eine Issey Miyake Tasche (ich bin mir nicht sicher, ob es eine Fälschung ist), rechts der Fehlkauf (zu silber, zu klein, zu chichi).

Wie sieht Dein idealer Abend nach einem Arbeitstag aus?
Es kommt darauf an, wie hart der Arbeitstag war. An manchen Tagen verfalle ich auf dem Sofa in katatonische Starre, nur noch in der Lage, sinnlose Serien oder Natur- und Tierdokus aufzunehmen. Aber es war ja nach dem idealen Abend gefragt. Den verbringe ich mit dem Mann und Freunden in einem Straßencafé, es ist warm, aber nicht zu warm, wir trinken Wein oder Kaltgetränke und es riecht blütenschwer nach der Verheißung eines wunderbaren Sommers ohne Sorgen.

Hypochonder oder „wird schon alles wieder von selbst weggehen“?
Ganz klar: innere Preußin. Männerschnupfen ist was für Männer.

Ehrenurkunde, Siegerurkunde oder nie irgendetwas?
Ich habe immer irgendeine Urkunde bei den Bundesjugendspielen bekommen, aber habe auch Leistungssport in der Leichtathletik betrieben. Das ist dann wohl auch keine Kunst.

Gibt es einen ruhenden Pol in Deinem Leben?
Den Mann. Ohne ihn würde ich mich weniger ganz fühlen, weniger zentriert. Ich würde vermutlich ruheloser und getriebener durch das Leben gehen und deutlich mehr verlieren.

Stricken, Häkeln oder Nähen?
Häkeln. Eine Nadel muss groß genug sein, damit ich mit ihr umgehen kann. Zwei Nadeln überfordern mich.

Tanzt Du? Wenn ja, was und wie?
Ich könnte ja jetzt aus dem Nähkästchen plaudern und von meinen Tanzkursen damals erzählen, den Tanzpartnern und diversen pubertären Verwicklungen…

Ich habe tanzen gelernt und tanze gern. Besonders Jive, Rock ’n Roll und auch englischen Walzer. Aber ich kann es definitiv nicht mehr gut genug, um gesellschafts- oder balltauglich zu sein. Der Mann ist außerdem passionierter Nichttänzer.

Können echte Freundschaften über Twitter entstehen?
Da bemühe ich gern den Vergleich zum Bloggen. Ja. Es können. Es können sogar Beziehungen und Ehen daraus entstehen, Kinder, Trennungen, Jobs, Trauer, Liebe, Empathie. Twitter ist eine Plattform für Menschen, die etwas zu sagen haben (nicht immer angelegt auf gegenseitige Kommunikation, aber ab und zu). Viele Twitterer kenne ich schon lange aus ihren Blogs, mit einigen bin ich befreundet. Und ich hoffe, dass ich einige weitere Twitterer – darunter die Stöckchen-Werferin – in naher Zukunft einmal persönlich kennenlernen kann.

Hörst Du nach einem hohen Lottogewinn zu arbeiten auf?
Nein. Ich suche mir meine Arbeit nur besser aus, ohne Zwang zum Geldverdienen und ohne den Anspruch, „noch etwas erreichen“ zu müssen. Wie die Arbeit aussehen wird, weiß ich noch nicht. Ich vermute mich im Augenblick sowieso in einer dieser Midlife-Krisen, in denen die eigene berufliche Orientierung noch einmal auf den Prüfstand gestellt wird – Lottogewinn hin oder her. Vorher werde ich aber erst einmal eine lange, lange Reise zu all den Zielen machen, die ich immer schon gern sehen wollte: Argentinien, Chile, Peru, Kanada, Grönland, Birma, Iran, Jordanien, den Norden Indiens, Sansibar, Südafrika, Madagaskar, Neuseeland, mehr von China, Kambodscha, Teile von Russland – ja, da gibt’s noch so einiges.

Ich muss unbedingt im Lotto gewinnen.

Merci, Madame cucinacasalinga, für das Blogstöckchen. Hier meine zehn Fragen an Lucky, an Croco und an Charming Liisa – falls die Angeworfenen schon anderweitig beworfen wurden, mag sich den Stock holen, wer möchte. Viel Spaß!

  1. Was hat dich zum Bloggen und/oder Twittern gebracht?

  2. Wie und warum hat deine erste große Liebe geendet?

  3. Hand aufs Herz: Hast du schon einmal etwas geklaut?

  4. In welcher Situation hast du dich einmal körperlich schutzlos gefühlt? Und wie hat sich die Situation aufgelöst?

  5. Hast du schon einmal eine Diät gemacht?

  6. Deine Lieblingskünstlerin/dein Lieblingskünstler?

  7. Was war dein schönstes Ferienerlebnis?

  8. Dein Lieblingskleidungsstück?

  9. Dein größter Fehlkauf?

  10. Was würdest du gern in einem Nachruf auf dich lesen?

  11. Deine Einstellung zur Jagd?

#EineArmlaengeAbstand.

Es ist viel geschrieben worden, viel vermutet, viel gesprochen und geschrieen zum Thema sexuelle Übergriffe an Silvester in Köln und anderswo. Der unsägliche Ansatz von Kölns Oberbürgermeisterin Reker, Frauen sollten doch bitte „eine Armlänge Abstand“ von Männern halten, hat in den sozialen Medien ein bitteres Echo hervorgerufen, voll Unverständnis ob dieses menschen- und weltfremden Ratschlags.

Wie, bitte, soll man in einer Menschenmenge eine Armlänge Abstand hinbekommen? Wie in einer eskalierenden Situation, egal wo und mit wie vielen Protagonisten, einer gewalttätigen und/oder sexuell übergriffigen Situation agieren? Abstand nehmen, Stopp sagen und den oder die potenziellen Täter zurückweisen, ist eine der schwersten Aufgaben und immer einzelfallbedingt. Wie schnell so etwas gehen kann, erlebte ich im Sommer 1996.

Mit 15 Jahren ist man sich seiner selbst entweder sehr sicher oder sehr unsicher. Mir war meine Wirkung auf das andere Geschlecht nicht ganz klar. Anerkannte Schönheiten der Schule hatten das deutlich besser drauf als ich, die eher unter der Rubrik „niedlich, aber auch spitzzüngig“ auf Distanz ging. Nur in den Ferien in Frankreich, weit weg von möglichen Schwätzereien und Lästereien des Schulhofs, da war ich mutiger. Zog kurze Röcke an, Fußballerwaden hin oder her. Tuschte die Wimpern mit blauer Mascara (und unterließ das nach dem dezenten Hinweis meiner französischen Ferienfreundin, ich sähe aus „wie eine schlechte Schlagersängerin“). Flirtete mit Jean-Sé, Laurent und fand mich insgesamt zwar nicht so attraktiv wie Vic aus La Boum, aber es gab meinem Ego doch den ein oder anderen Schub.

So sehr, dass ich mich an einem Abend in einer größeren, gemischten Gruppe französischer, niederländischer und deutscher Jugendlicher wiederfand und wild vor mich hin flirtete. Weiterlesen

Jahresendzeitfragebogen 2015.

Es gibt so Jahre. Mehr kann ich zu 2015 nicht sagen. Womit mich dieses bald ausgehende Jahr wenigstens positiv überraschte: viele Menschen halfen, packten an, fühlten mit. Flüchtlinge, also Menschen wie du und ich, wurden im Wesentlichen gut aufgenommen. Was mich nicht überraschte: das Aufflammen fremdenfeindlicher und hirnrissiger Tendenzen. Es scheint so viele Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen und – verzeihen Sie mir die vulgäre Ausdrucksweise – zu klein geratenen Schwänzen und Gehirnen zu geben. Ich kann sie noch nicht einmal verächtlich „Pack“ nennen und Verständnis aufbringen. Wer Unterkünfte anzündet (bewohnt oder nicht), Menschen mit Hassparolen beschreit und Kinder zur Verbreitung des eigenen Dumpfbackenweltbildes anstachelt, ist einfach nur kriminell und ein schlechter Mensch. Ich wünsche mir für 2016 nur eine konsequente Anwendung der bestehenden Gesetze von Staatsorganen und Institutionen in jeglicher Hinsicht, ganz ohne Sehschwäche auf dem rechten Auge. Aber nun. Eine Demokratie muss auch einen gewissen Bodensatz an menschlichem Abschaum wegatmen können.

Was mich persönlich betrifft: ja, es gibt so Jahre. Da geht es nur um das Durchstehen in der stillen Hoffnung, das kommende Jahr möge wenigstens besser oder leichter erträglich sein.

Dass nicht jedes Jahr so negativ war, können Sie anhand der Jahresrückblicke der letzten zwölf Jahre durchlesen. Genau so lange blogge ich nämlich. Voilà: 2014, 2013, 2012, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004 und 2003.*

*2011 habe ich ausfallen lassen. Aus Gründen.

Zugenommen oder abgenommen?
Erst abgenommen wegen viel, viel, viel Arbeit. Und jetzt vor Weihnachten und darüber hinaus wieder zugenommen. Es ist aber auch anstrengend mit diesem ganzen Süßkram.

Haare länger oder kürzer?
Gleich lang. Ich würde ja so gerne die weißen Haare rauswachsen lassen, aber weder der Zauberfriseur, noch der Mann noch die beste Freundin stehen diesem Plan positiv gegenüber. Also warte ich noch ein bisschen.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Blind wie eh und je. Seit September tropfe ich täglich vor dem Schlafengehen ein Mittelchen gegen den durch die hohe Fehlsichtigkeit drohenden hohen Augeninnendruck. Ich hoffe, es hilft. Einen grauen Star sehe ich lieber im Kirschbaum.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger. Nach dem Jobwechsel verdiene ich tatsächlich sehr viel mehr, aber meine Gesamtausgaben haben sich erheblich reduziert: ich fahre kaum noch Auto, hatte keine Zeit zum Klamottenkauf, mache keine großen Reisen (mehr) und die Miete geht durch Zwei. Wenn ich es wollte, könnte ich mir eine Wohnung kaufen. Ich will aber nicht mehr. Das Leben ist mir zu kurz für Kredite.

Der hirnrissigste Plan?
Ich zweifele immer noch, ob ich zu diesem Arbeitgeber wechseln hätte sollen. Es war so viel operative Aufbau-Arbeit, so viel „In-der-Luft-hängen-lassen“ und so wenig wirklich geistige und kreative Auslastung, dass ich mich langsam frage, ob sich der Aufwand für das Mehr an Geld und Verantwortung gelohnt hat. Nun denn. Mit der neuesten Entwicklung zur Zukunft meines Arbeitgebers ist mir die Entscheidung ohnehin mehr oder weniger abgenommen worden, ob ich wechseln soll.

Zum zweiten fällt mir der Plan ein, nach Radebeul ans Theater zu gehen. Ich hatte den Vertrag schon im E-Mail-Eingang und die Zusage des Intendanten in der Tasche. Eine Wohnung hätte ich schnell in der Dresdner Neustadt finden können. Aber ich hätte dem damals noch im Rollstuhl sitzenden Mann keinen Gefallen damit getan. Und mir wohl auch nicht. Also habe ich mich zum Vollhorst gemacht und dem Intendanten abgesagt. Kein feiner Stil und ein erstklassig hirnrissiger Plan.

Der dritte, schon vorhersehbar zum Scheitern verurteilte, Plan: ein Buch schreiben zu wollen. Ich habe sogar einen Schreibkurs angefangen, einen Plot entwickelt, etliche „Karteikarten“ zur Figurenentwicklung angelegt. Jo. Und dann ging es diesem Plan wie der Mitgliedschaft im Fitnessstudio, der Ukulele samt Lernheft und dem Ausmisten des Kleiderschranks. Liegt. Setzt Staub an. Wird vergessen.

Die gefährlichste Unternehmung?
Gefahr ist mein zweiter Vorname. Nee, im Ernst: alles ungefährlich.

Das beeindruckenste Buch?
Irgendwelche leicht zu lesenden Krimis angefangen, beiseite gelegt, aufgegeben.

Der ergreifendste Film?
Ich bin nicht mehr so tränenfest wie ehedem. Die nervlichen Belastungen des Jahres lassen mir schon bei den langweiligsten Schmonzetten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens die Tränen in die Augen schießen. Könnte sein, dass ich demnächst sogar bei den Börsennachrichten weinen werde.

Das beste Theaterstück
Kein Theater. Leben reichte dieses Jahr aus. Vorhang zu. Geht ab.

Die beste CD? Das beste Lied?
Was ich ganz gern im Auto gehört habe: Kadebostany und Maximo Park.

Das schönste Konzert?
Maximo Park im Kesselhaus der Kulturbrauerei.

2015 zum ersten Mal getan?
Ein Kind eingeschult (nicht das eigene, war aber sehr aufregend). Eine Firmen- und Familiengeschichte abgeschlossen.

2015 nach langer Zeit wieder getan?
Kündigungen ausgesprochen. Meine Schulkameraden auf einem Klassentreffen wiedergesehen (immer noch das Gefühl gehabt, nicht dazu zu gehören).

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Wie schon 2014: Sorgen machen um den Gentleman. Im zweiten Halbjahr noch mehr.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Dem liebsten Gentleman.

Vorherrschendes Gefühl 2015?
Angestrengtsein.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Auch wieder wie 2013 und 2014. Die lebensbedrohliche Krankheit des Gentleman. Naja, und diese 11 bis 14-Stundentage zu Beginn meines neuen Jobs.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich wollte dieses Jahr niemanden mehr überzeugen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ein gemeinsames Weihnachten – erst das zweite in unserer Beziehung.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Der Gentleman macht mir immer die schönsten Geschenke. Aber die limitierte DVD-Sonderedition von „Ausgerechnet Alaska“ war schon was Besonderes.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
.

2015 war mit 1 Wort…?
Arbeitsreich.

Fuck you, 2015.

Ach, ARD.

Ich bin verwundert. Da hat die ARD doch den maximalen Supersänger einfach so für den ESC (Eurovision Song Contest) nominiert. Ganz ohne uns, das GEZ-Gebührenzahlende Zuschauervolk, zu fragen, ob wir das wollen. Laut Reichweiten-Statistik haben 2015 8,1 Millionen den ESC gesehen. Das sind 10% der Bevölkerung. Ich finde, darüber sollte die ARD nicht hinwegsehen, wenn sie eine Unterhaltungsshow in die Vorbereitung schickt.

Apropos Unterhaltung: Bessere Unterhaltung als bei der Kür zum deutschen ESC-Teilnehmer im vergangenen Jahr hatte ich übrigens selten. Denn da passierte doch tatsächlich etwas völlig Unvorhergesehenes! Der Gewinner nahm den Gewinn nicht an, die Zweitplatzierte wurde von einer sehr geistesgegenwärtig agierenden Barbara Schöneberger zur Erstplatzierten erkoren. Das Publikum reagierte verdattert, nahm die Wahl aber an. (Was blieb ihm auch sonst übrig.) In meinen Augen war das beste Unterhaltung, die ein Sender bieten konnte. Keine „Musikprofi-Jury“, die im Hintergrund die Fäden zog, sondern schlicht einmal der freie Fall von Planbarkeiten, die den ARD-Koordinatoren im Nachhinein offenbar so schlaflose Nächte bereitete, dass sie das 2016 unbedingt vermeiden wollten.

Nur so kann ich mir die Entscheidung erklären, einen zwar guten, aber dennoch nicht überragenden und in seinen verqueren Weltansichtsäußerungen schon gar nicht unumstrittenen Sänger für den ESC zu wählen. Das Wahlvolk hat nur noch den Song zu bestimmen. Das wäre, als würde nur noch eine Partei zur Wahl stehen, aber immerhin das Parteiprogramm dürfte einen hübschen Titel vom Volk verliehen bekommen. Hatten wir das nicht schon einmal?

Wie schade, denn Unterhaltung gehört doch neben der Meinungsbildung durch Information zur Kernaufgabe der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Das ZDF – vor einigen Jahren in meiner Wahrnehmung ein Mainzer Schnarchnasenverein – hat das deutlich besser drauf. Neben den üblichen Ü60-Programmen wie „Rosenheim Cops“ oder „Rosamunde Pilcher“ oder Klippschuledutainment von Dirk „Terra X-Man“ Steffens gibt es durchaus sehenswerte Vielfalt – mehr jedenfalls als in der ARD. Von den ZDF-Digital-Kanälen mit einigen innovativen Sendeformaten und ihrer Moderatorennachwuchsförderung mal ganz zu schweigen.

In ihrer Satzung… Weiterlesen