Über den Wolken.

Oft, wenn ich in den vergangenen dreieinhalb Jahren geflogen bin, ging es bei Start oder Landung kurz durch eine Wolkendecke. Ich liebe es, wenn diese Wattebäusche aus Wassermolekülen am Himmel stehen und stelle mir gern vor, dass der Mann da drauf sitzt. Ich grüße dann kurz in Gedanken eine der Wolken, die mir besonders hübsch erscheint.

Letzten Donnerstag flog ich wieder einmal und ich hatte den Mann in Frankfurt auf einer Wolke gegrüßt, eher virtuell, weil es bereits dunkel war. Der Flug verlief ereignislos, ich schlief sogar einige Stunden, nachdem ich den wirklich außergewöhnlichen Film „Joker“ mit Joaquin Phoenix gesehen hatte. Wir waren noch über dem Atlantik, als über das Bordmikro die Bitte nach einem Arzt ausgesprochen wurde, es gäbe einen medizinischen Notfall. Ein junger Mann und eine Frau meldeten sich und eilten, begleitet vom Chefpurser, nach hinten. Die meisten Passagiere bekamen nicht viel davon mit, weil sie schliefen. Es war Viertel vor fünf morgens, als die Wiederbelebungsmaßnahmen begannen. Der alte Herr wurde von seinem Sitz gehoben und nach hinten in eine der letzten – nicht besetzten – Reihen gebracht. Nicht lange danach kam eine erneute Durchsage, das Licht ging an. Man würde wegen eines medizinischen Notfalls in Fortaleza (Brasilien) zwischenlanden müssen.

Gleich nach der Ankunft auf dem mit einer nicht allzu langen Landebahn ausgestatteten Flughafen – wir bremsten sehr heftig – versehenen Flughafen, eilte ein Ärzteteam nach hinten. Kurz danach betraten zwei offiziell aussehende Herren das Flugzeug, Klemmbretter, Dokumentenmappen und eine Tasche unter dem Arm. Der Chefpurser seinerseits kam ebenfalls wieder nach hinten und hielt ein Protokolldokument in der Hand. Spätestens da wurde mir klar, dass wir einen Toten an Bord hatten. Nachdem  die Offiziellen sowie das Ärzteteam das Flugzeug rund eineinhalb Stunden später wieder verlassen hatten, gingen der Chefpurser sowie die Ärztin, die erste Hilfe geleistet hatte, zu einer alten Dame, die in der gleichen Reihe saß wie ich. Sie fing laut an zu weinen. Die Passagiere saßen schweigend auf ihren Sitzen.

Die Durchsage kam kurz danach: Man würde jetzt wieder starten, leider habe man eine traurige Information zum medizinischen Notfall und müsse nun weiterfliegen nach Sao Paulo, da die Crew durch den langen Zwischenstopp von mehr als 2,5 Stunden ihre Arbeitszeit bei einem Direktflug nach Santiago in nicht zulässigem Maß überschreiten würde. In Sao Paulo würden die Crew gewechselt und wir Passagiere weitergeleitet nach Santiago. Ich dachte an den alten Herrn. Wo war er? Wie war die Crew mit seinem Leichnam umgegangen? Und hatte sie Passagiere umgesetzt? Wie ist eigentlich das Prozedere in solchen Fällen?

Diese Fragen bewegten auch andere Passagiere, die beim Verlassen des Flugzeugs einen der Flugbegleiter dazu befragten. Seine Antwort: Es gibt ein international gültiges Reglement, das mehr oder weniger besagt, dass kein Fluggast im Flugzeug versterben kann, sondern immer am Landeort von offizieller Seite der Tod bestätigt werden muss. Die Crew oder Ärzte an Bord seinen mehr oder weniger verpflichtet, so lange Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen, bis man am Boden sei. Da das absurd ist, gibt es die Todesbestätigung dann erst am Boden, obwohl der Tod schon über den Wolken eingetreten ist.

Ich las nach, dass einige Airlines Leichensäcke mit sich führen, es gibt sogar Flugzeugmodelle mit einem Schubfach im Passagierbereich, in das ein Leichnam gebracht werden kann. Aus Sicherheitsgründen darf der tote Passagier nicht in einer Toilette oder im Servicebereich liegen. In vollbesetzten Flugzeugen lassen die Airlines den Toten auf dem Sitz, bedecken ihn aber mit einer Decke. Oder sie bringen ihn in die erste Klasse, wo sie ihn ebenfalls mit einer Decke verhüllen. Der alte Herr hatte immerhin eine ganze Reihe für sich.

Mein Gruß in die Wolken, ein letzter, ging bei der Landung in Santiago nach bald 30 Stunden Reise an den alten Herrn in der Economy, fünf Reihen hinter mir. Ich hoffe, ihm geht es gut auf seiner Wolke.

 

 

WMDEDGT 02/20.

Wie immer gehen die Dankesreden an Frau Brüllen, die den 5. eines jeden Monats als Tagebuchblog-Tag ausgerufen hat.

Ich wachte um 7.25 Uhr auf, fünf Minuten vor Weckerklingeln, und hatte den Eindruck überhaupt nicht geschlafen zu haben. Das kann einerseits daran liegen, dass ich zurzeit wirklich schlecht schlafe. Das heißt: schlecht ein, schlecht durch und tief. Woran das liegt? Keine Ahnung. Der Jetlag kann’s jedenfalls nicht sein, denn die Zeitverschiebung beträgt zurzeit nur 4 Stunden und auch in Chile schlafe ich seit ungefähr drei Monaten schlecht. Vielleicht sind es ja schon die Wechseljahre, von den Schlafstörungen habe ich gehört. Nun denn, es half ja nichts: aufstehen, anziehen, frühstücken. Um kurz vor neun war ich mit allem fertig und räumte die Wohnung noch ein wenig auf, denn ab 10 Uhr wollte der potenzielle Untermieter vorbeikommen. In der Wartezeit stellte ich noch einige Artikel für die Wochenzeitung ins Web. Nix mit Ferien, ich hatte mich verpflichtet, die ausgewählten Printartikel auch während meiner zweiwöchigen Urlaubszeit vor den eigentlichen dreiwöchigen Redaktionsferien (ja, sowas gibt’s!) zu arbeiten und dafür eben – plus Abgeltung gesammelte Überstunden – keinen Lohnabzug für unbezahlten Urlaub zu erhalten. Ein Deal, der nicht überall in Chile möglich wäre.

Der potenzielle Untermieter informierte mich, dass er es erst gegen 12 schaffen würde. Immer noch im angegebenen Zeitfenster, aber ich wurde ein wenig unruhig, denn ich wollte unbedingt  noch vor 13 Uhr aus dem Haus. Der nächste Termin im Oderkaff stand nämlich an, wie bereits an den Tagen zuvor. Da für die Erbangelegenheiten noch einige Papiere fehlten, musste ich diese entweder nachliefern oder vom Anwalt beantragen lassen. Plus die Schlüsselrückübergabe für das Haus. Ich hatte eigentlich gehofft, diese bereits in der kommenden Woche an die neuen Eigentümer übergeben zu können, aber da hatte mir das Grundbuchamt mit der Anforderung eines Erbscheins einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ohne Erbschein keine Grundbuchberichtigung zu meinen Gunsten, ohne letztere keine Auflassung für die neuen Eigentümer, ohne Auflassungseintragung kein Geld. Nun ja. Rechtspfleger sind unterschiedlich streng, aber nachdem bereits vom Nachlassgericht eine Information der Rechtmäßigkeit (aber eben kein Erbschein) an jenen geschickt worden war, fragt man sich halt doch: warum? Wie dem auch sei, ich wartete, er kam und wir verbrachten einen Kaffee miteinander und stellten fest, dass es ja eigentlich die Ideallösung für beide sei, wenn er einziehen würde.

Als dieser Termin um 13.30 Uhr vorbei war, sputete ich zur Tram, um den Regionalexpress zu erwischen. Mittagessen hatte ich vergessen, nur um eine knappe Stunde später am dortigen Bahnhof Hunger zu schieben. Aber es half nichts, denn ich war ohnehin schon knapp in der Zeit und ich musste sowohl zum Notar als auch zum Anwalt, beide in weit auseinanderliegenden Vierteln ansässig. Nach Erledigung der Termine gönnte ich mir beim ehemaligen Bäcker des Vertrauens ein saftiges belegtes Brötchen und machte mich auf den Weg zurück nach Berlin. Leider verpasste ich den ersten der halbstündig fahrenden Regionalexpresse, sodass ich doch erst um halb acht abends in Berlin ankam. Die gesamte Rückfahrt schwebte vor meinem inneren Auge ein Döner „mit alles“ und diesen holte ich mir, bevor ich samt Beute nach Hause trabte. Ich aß mit großem Genuss und schaffte es auch, kein einziges Fitzelchen Füllung noch Sauce auf mir oder dem Sofa zu verteilen. Schon allein deshalb küre ich diesen Tag zu einem der erfolgreichsten der Woche.

Ich telefonierte noch mit der Freundin, mit der ich am nächsten Morgen um 9 Uhr in Richtung Wellnesstage an die Ostsee abfahren wollte und sah mir auf Netflix noch eine Folge von „Peaky Blinders“ an. Nett.

Um halb zwölf wurde ich hundemüde, aber der Caballero rief noch an und hatte Redebedarf. Sein Projekt läuft gerade – gelinde gesagt – Scheiße und es sieht aus, als würde auch er von der Krise in Chile erfasst werden. Nicht nur kleine und mittlere Unternehmen entlassen Mitarbeiter oder dünnen die mittleren Führungsetagen aus. Für jemanden, der sowieso kurz vor dem Rentenalter steht wie der Caballero und der zwei studierende Kinder sein eigen nennt, wird es langsam prekär. Ich lieh ihm mein Ohr und versprach, ihn nach meiner Rückkehr bei seinem Kulturfestival, auf dem er Einsatz haben wird, zu besuchen.

Um viertel nach zwölf schlief ich wie ein Stein ein.

WMDEDGT 01/20.

Sie wissen ja vermutlich alle schon, was WMDEDGT ist? Wenn nein: Frau Brüllen erfand vor einigen Jahren diese schöne Tradition des monatlichen Tagebuchbloggens, in der – mehr oder weniger – minutiös der Ablauf eines jeden 5. eines Monats festgehalten werden solle.

Seit einer Woche bestimmt meinen Tagesablauf noch jemand mit. Max ist ein Straßenhund, der recht unverhofft in mein Leben trat, aber um so mehr bereichert. Ich wollte eigentlich jemanden in einem ganz anderen Viertel in ganz anderen Lebensumständen besuchen und fand auf einer Seite für Adoptionshunde zufällig das Bild eines Fiffis, der ganz in der Nähe sein temporäres Zuhause hatte. Kurz entschlossen rief ich dort an und vereinbarte einen Termin, um den Kleinen kennenzulernen. Gesagt, getan und wie das so ist, es gab auf beiden Seiten eine Spontanverliebtheit. Max ist seitdem bei mir und lernt jeden Tag dazu. Einen acht Monate alten Hundejungen zu erziehen ist nicht eben leicht, aber erstens bin ich mit Hunden und anderen Haustieren aufgewachsen und zweitens gibt es auch für Hundeprägung ganz gute Youtube-Tutorials. Aber ich schweife ab.

Um viertel vor acht wachte ich auf, neben mir schnarchte – nicht der Hund – der Caballero, der vorerst wieder dann und wann mein Sozial- und Sexleben bereichert. Ich überlegte, ob ich gleich den Hund auswringen gehen sollte oder lieber noch ein bisschen warten und entschied mich für letzteres. Ich schlief noch eine knappe Dreiviertelstunde und stand dann auf. Nach einer Katzenwäsche sammelte ich den freudig fiependen Max im Wohnzimmer ein (er hat Schlafzimmerverbot, wenn ich meine Ruhe will und schläft auch dort auf seinem Kissen). Wir gingen zwanzig Minuten seinen nunmehr schon gewohnten Morgengang. Ich kann mittlerweile ganz gut abschätzen, wann er sein Geschäft machen muss und halte die Tüte parat. Liebe deutsche Hundebesitzer, insbesondere die Berlins: es geht. Man kann einen Hund haben und trotzdem dafür sorgen, dass kein Häufchen liegenbleibt, weder auf noch neben dem Gehweg. Ich halte diese Minitüten für eine zivilisatorische Errungenschaft und rate zu deren Anwendung.

Danach fütterte ich Max mit der üblichen dreiviertel Tasse Trockenfutter, knuddelte ihn kurz durch und machte die Schlafzimmertür wieder hinter mir, um noch ein wenig die männliche Gegenwart zu genießen. Bis um zwölf Uhr mittags der Caballero außer Haus ging, um seine beiden halb- und erwachsenen Söhne endlich im neuen Jahr begrüßen zu können. Die Knilche hatten ihren Vater am Neujahrstag nämlich erst vertröstet und ihm dann ganz abgesagt – wegen Kater. Ich hatte Hunger und machte mir mein Sonntagmittagfrühstück: Speck, Rührei, Avocado und Toast. Während ich aß und im Internet las, lag Max neben mir auf seinem Handtuch und träumte mit zuckenden Pfoten vor sich hin.

Um halb drei mussten wir los. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, für einen Artikel über Tourismus in der Krise ein paar Fotos in der Innenstadt zu machen. Ich war ja schon einige Male vor Ort, auch bei Demonstrationen und als ich mich mit einer Freundin in einem Café traf. Aber an einem Sonntagnachmittag ist die Innenstadt Santiagos menschenleer, der Parque Forestal, vormals dicht mit Familien, Liebespaaren und Radlern sowie etlichen Straßenhunden besetzt, zeigte sich karg, verwüstet und traurig. Ich hatte in der Nähe in einem Parkhaus geparkt, was sich auch als gut erwies. Mit Max an meiner Seite wurde ich nicht blöd angemacht, sondern sogar von den üblichen Verdächtigen (Obdachlose, Aggroanarchisten und Drogis) wenn nicht mit einem Lächeln bedacht so doch wenigstens ignoriert. Anders als die Gruppe Touristen, die vor der Fuente Alemana, einem Denkmal, finanziert von deutschstämmigen Chilenen, stand und sich von einigen der üblichen Verdächtigen bepöbeln lassen mussten. Auch eine englische Familie, die mich nach dem Weg fragte, wurde blöd angemacht. Ich empfahl ihnen einen anderen Weg als angedacht. Man muss Dinge nicht provozieren. Überhaupt: es herrschte generell ein ungutes Gefühl und da verlasse ich mich auch gern auf meinen Bauch. Ich lief die Route ab, machte meine Fotos von aufgerissenen Gehwegen, Graffitis an Kulturerbedenkmälern und mich schnellstmöglich wieder von dannen, als die ersten Rauchbomben auf der Plaza Baquedano gezündet wurden. So schnell kann eine sehr ansehnliche, belebte Innenstadt ausbluten.

Gegen zwanzig nach vier waren wir glücklich wieder Zuhause angekommen und Max bekam erst einmal einen Minikauknochen, den er unter dem Teppichvorleger versteckte und erst nach etwas hilflosem Suchen wiederfand. Ein intelligentes Kerlchen, aber manchmal etwas konfus… Ich setzte mich ans Laptop, um die Fotos herunterzuladen und an die Redaktion zu schicken. Morgen geht es an die Finalfassung des Artikels, eine komplette Seite (halbrheinisches Format) ist zu füllen, aber ich bin so gut wie fertig, es fehlen noch Bildunterschriften und ein Insert. Gegen sechs Uhr wechselte ich auf die online verfügbare Zusammenfassung der wöchentlichen Klatschsendung bei einem Boulevardsender und wurde wieder einmal nicht enttäuscht – das Dschungelcamp dräut und ich gestehe, dass Sonja Kirchberger tatsächlich der einzige „Promi“ ist, den ich kenne. Alle anderen: Fehlanzeige. Ich bin jetzt wohl eine andere Generation.

Um viertel vor acht machte ich die Abendrunde mit Max, der diesmal die erste Lektion „Acht um die Beine“ laufen lernte. Das scheint ihm Spaß zu machen und der Tennisball, den ihm eine Freundin gestern mitgebracht hatte, wurde erstmals als Spielobjekt ausgetestet. Danach gab es die zweite Runde Futter und eine Kuschelrunde. Dieser  Hund ist komplett verschmust! Am liebsten liegt er auf dem Rücken ausgestreckt und lässt sich den Brustkorb kraulen. Danach war ich müde und zog mich mit einem Netflix-Film ins Schlafzimmer zurück. Gute Nacht.

 

Kompass.

Der innere Kompass, er hat mich bis ans Ende der Welt geführt, nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich. Vor bald drei Jahren bin ich aufgebrochen auf eine Reise, die für mich nicht nur ein langgehegter Traum war, sondern auch ein Traum an sich. Nach drei Jahren fremdbestimmten Lebens an der Seite des kranken Mannes hatte ich nur noch für mich zu denken, planen und entscheiden. Ganz entsprechend meiner Natur, lieber allein zu sein als in einer Partnerschaft oder Familie und nicht allzuviel Nähe zuzulassen.

Ich wollte immer ein Tattoo haben, es wurde ein Gecko, mein kleiner Glücksbringer auf allen meinen Reisen bislang. Und eigentlich sollte es bei diesem Tattoo bleiben. Aber schlussendlich wird ein Kompass dazukommen. Einer, der mir nicht nur innerer ist sondern Ausdruck dessen, was möglich war und was ich möglich gemacht habe.

Jahresendzeitfragebogen 2019.

Kommt es eigentlich nur mir so vor, dass die Zeit ab irgendeinem Zeitpunkt im Leben schneller zu vergehen scheint? Das ist jedenfalls mein Eindruck dieses Jahres 2019. Ob da in den vergangenen Jahren auch so war, können sich ja hier in den vergangenen 16 Jahren Jahresbilanz lesen: 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004 und 2003.*
*2011 habe ich ausfallen lassen. Aus Gründen.

Kommen wir zu 2019. Die 20er werden anders sein.

Zugenommen oder abgenommen?
Im hiesigen Winter zugenommen, ziemlich viel Schwabbelmasse. Ab Mitte 40 ist das alles nicht so richtig toll, es scheint immer mehr, dass sich das Fleisch vom Knochen löse wie bei so einem garen Brathendl. Immerhin gegen Ende des Jahres wieder erheblich abgenommen und durch die Aufnahme von Fahrradfahren als Transportmittel in meinen Alltag auch an Muskelmasse zugelegt. Ich sage nur: Knallwaden!

Haare länger oder kürzer?
Gleich lang, knapp über Schulter, mehr wird das bei mir nicht ohne erhebliche Hilfsmittel (und Geduld, die ich nicht habe). Wieder ein wenig dunkler, blond war ich jetzt über ein Jahr, aber es wurde irgendwann goldgelbblond und das mochte ich nicht. Jetzt bin ich wieder im Aschbereich, wo ich mich ganz wohlfühle. Die weißen Haare dürfen immer noch ein wenig warten.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Blind wie eh und je. Samt dreimonatigem Kontrolltrermin bei einem Spezialisten wegen der Gefahr der Makuladegeneration und Glaukom. Nicht schön.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Ich musste zweimal nach Deutschland fliegen. Einmal wollte ich dem hiesigen Winter entfliehen. Und einmal musste ich meine Schwiegermutter beerdigen und ihren Nachlass regeln. Meine CO2-Bilanz fällt ebenso grässlich aus.

Der hirnrissigste Plan?
Äh ja. Man kann ja darüber geteilter Meinung sein, ob so ein Fallschirmsprung über einem aktiven Vulkan sein muss. Aber ich wollte Abenteuer. Und ich bekam Abenteuer.

Die gefährlichste Unternehmung?
Ja, da fällt mir spontan dieses Dasein in einem am Bürgerkrieg lavierenden Land ein. Samt Ausgangssperre, brennender Barrikaden, mit Gummigeschossen gezielt auf Gesichter und Genitalien schießender Armee und Polizei, bekloppter Demonstranten, die einen aus dem Auto zwingen wollen, um für sie zu tanzen. Alles erlebt und ich kann immer noch nicht so recht darüber schreiben. Damit ist zum Thema Gefahr und individuellem Sicherheitserleben alles gesagt.

Das beeindruckenste Buch?
Ich habe nach langer Zeit mal wieder Elias Canettis „Masse und Macht“ durchgeblättert. Passend auf Ort, Zeit und Ereignisse.

Der ergreifendste Film?
Ich kann mich an keinen Film erinnern, obwohl ich mit Freunden und dem Caballero in einigen war. Ich war wohl zu beschäftigt mit dem Leben.

Das beste Theaterstück?
Da kommen wir dann zu dem, das auch als hirnrissiger Plan durchgehen könnte. Als ich im Mai von einer Kollegin gefragt wurde, ob ich denn nicht an einem Theaterprojekt des einzigen deutschsprachigen Theaters in Südamerika teilnehmen wolle, sagte ich spontan zu. Man soll ja immer auf den Bauch hören. Es wurde dann Don Carlos von Schiller, in einer gekürzten Zweistundenversion. Mit mir in einer Hauptrolle, der Königin. Das letzte Mal hatte ich in der 12. Klasse in einem Sketch eine Dienstmagd ohne viel Text gespielt. Und dann das. Es hat mir drei Monate lang jedes Wochenende geraubt, viel Nerven gekostet, mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich mit Künstlern nach wie vor nicht und dass ich tatsächlich ziemlich gut Schauspielen kann. Dankegerne, aber nicht wieder. (Es sei denn, ich bin die Regisseurin. Stay tuned.)

Das beste Lied?
Muse: Starlight.

Das schönste Konzert?
Das Konzert von Muse, kurz vor den Unruhen und der Krise in Chile, gemeinsam mit dem guten Freund C.. Wir haben die ganze Zeit wild getanzt und hinterher dafür gemeinsam gelitten. Er Knie, ich Hüfte. Gut, dass er Orthopäde ist.

2019 zum ersten Mal getan?
Aus einem Flugzeug gesprungen und dabei gedacht: Fliegen ist wunderschön und wenn ich jetzt sterbe, hatte ich alles. Einen eigenen Hund adoptiert. Ein Haus geerbt. Ein Haus verkauft. 2020 dann: ein Haus kaufen. Ich arbeite weiter an meiner Bucket-List.

2019 nach langer Zeit wieder getan?
Theater gespielt.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Arbeiten. Theaterproben. Ganz allgemein mit der Organisation und dem Aufbau meines Soziallebens.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Den neuen Freunden. Sowieso: unbezahlbar. Partner und Lebensgefährten kommen und gehen. Freunde, die wahren, kommen und bleiben. Und auch mit Salsa-Tanzen. Ganz entgegen des Vorurteils des Ex-Verehrers, ich würde es nie lernen: Ich habe es gelernt. Und ich bin verdammt gut darin. Take this, asshole.

Vorherrschendes Gefühl 2019?
Ich würde gerne wieder lieben. Vielleicht hilft mir der kleine Hund dabei.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Chile in der Krise, ein nachträglich festgestellter Vertrauensbruch allererster Qualität, Erbstreitigkeiten.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass ich ich bin und mich nicht mehr grundlegend ändern werde. Der Caballero hat es leider nicht begriffen. Aber wir bleiben dabei: mein Stall von Ex-Freunden, mit denen ich nach wie vor ein gutes Verhältnis habe, ist gut unterhalten und sie sind alle von gutem Blut.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Der Geburtstagsbesuch am anderen Ende der Stadt, unter Überwindung von brennenden Straßenbarrikaden, vielerlei Umwegen und drohender Ausgangssperre.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Freundschaft. Und einen Beutel voll mit Avocados und Zitronen vom Land.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Ich danke dir für deine Sturheit. Das hätte nicht jeder gewagt.“

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
„Du bist unter den Top 3.“

2019 war mit 1 Wort…?
Herausfordernd.

2020, ich wünsche mir von dir: einen Ort, an dem ich in eigener Erde meine Wurzeln eingraben kann, wo meine mühsam aus einem Avocadokern gezogene Pflanze, mein Hund und ich eine Heimat finden, einen Menschen und Begleiter in allen Lebenslagen, der mich liebt und den ich liebe und ansonsten weiterhin gute Gesundheit. Ist nicht zu viel verlangt, oder? 2020, sei der neuen Dekade würdig. Es werden meine 50er sein und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt. Mach das Beste draus, dann mach ich es auch.

Lieferschwierigkeiten zum Weihnachtsfest

Dies ist eine kleine Weihnachtsgeschichte, die ich schrieb, nachdem mir alle anderen Weihnachtsgeschichten für Kinder zu plüschig erschienen.

Der Weihnachtsmann setzte seine Unterschrift unter die Kündigung, steckte den Brief in den Umschlag und klebte eine Briefmarke darauf. Seine Frau brachte ihm eine Tasse Tee und einen Teller mit Keksen, stellte diese auf den Schreibtisch und sah ihn prüfend an. «Hast du dir das wirklich gut überlegt», fragte sie. «Die Kinder zählen auf dich. Wer bringt ihnen dann an Weihnachten die Geschenke, wenn du das nicht mehr machst?» Der Weihnachtsmann strich über seinen Bart und schaute nachdenklich auf den großen Berg Geschenke, der sich in der Ecke des Wohnzimmers stapelte. «Weißt du, meine Liebe, das tut mir ja auch leid. Aber ich kann nicht mehr. Es wird immer anstrengender, zu jedem einzelnen Kind zu reisen und die Geschenke pünktlich am Weihnachtsabend auszuliefern. Erinnerst du dich an letztes Jahr? Ich hatte eine schlimme Erkältung, der Schlitten war kaputt und die Rentiere haben kurz vor dem Fest für mehr Heu gestreikt. Wer soll denn unter diesen Bedingungen arbeiten?» Er schüttelte traurig den Kopf und in seinen Augen schimmerten Tränen.

Frau Weihnachtsmann stibitzte sich einen Keks und steckte ihn in den Mund. Noch kauend sagte sie: «Mein Schatz, vielleicht habe ich eine Lösung, die alle zufriedenstellt.» Der Weihnachtsmann drehte sich ruckartig zu seiner Liebsten um. Alle Traurigkeit war aus seinem Gesicht gewichen. «Sag schnell! Wir haben nicht mehr viel Zeit, Weihnachten ist schon bald.»

Seine Frau holte sich einen Stuhl und setzte sich neben ihn. «Ich habe mir letztens ein Paar Schuhe gekauft. Aber weil das Schuhgeschäft nicht die richtige Größe hatte, hat mir die Verkäuferin die Schuhe bestellt und zu uns nach Hause liefern lassen», erklärte sie. «Die Lieferfirma war richtig prima, pünktlich, schnell und der junge Mann, der die Schuhe vorbeibrachte, sehr höflich.»

Der Weihnachtsmann sprang auf: «Das ist wirklich eine Lösung! Keine verfressenen Rentiere mehr, ich muss mich nicht mehr um alle Kinder alleine kümmern und die Geschenke liegen am Weihnachtsabend zur richtigen Uhrzeit unter dem Baum – das ist es!» Dann hielt er zweifelnd inne: «Aber die Mitarbeiter des Lieferdienstes sehen ja nicht aus wie ich! Wie machen wir das denn? Die Kinder werden sich wundern!»

Auch dafür hatte Frau Weihnachtsmann einen Vorschlag. «Wir schenken ihnen allen einen schönen grauen Bart, genau wie deinen, und einen roten Mantel. Den Kindern ist das doch eigentlich egal, wer ihnen die Geschenke bringt.» Doch da hatte sie nicht mit des Weihnachtsmannes Stolz gerechnet! Ihr Gatte schnaufte ärgerlich und sagte sehr laut: «Das ist den Kindern nicht egal! Ich bin der Weihnachtsmann, ich! Und niemand sonst soll die Geschenke bringen! Nur ich!»

Die kluge Frau Weihnachtsmann lächelte in sich hinein. Sie kannte ihren Mann und hatte die Geschichte mit dem Lieferdienst aus genau diesem Grund erzählt.

Und so kam es, dass der Weihnachtsmann den Brief mit seiner Kündigung zerriss, ein ernsthaftes Wörtchen mit seinen gefräßigen Rentieren sprach, einen Ersatzschlitten besorgte und nun doch wie gewohnt jedes Jahr am Weihnachtsabend unterwegs zu den Kindern ist. Also, Kinder: Lasst euch nichts einreden! Es ist der Weihnachtsmann und kein Lieferdienst, der die Geschenke bringt.

WMDEDGT 12/19.

Die Kudos für diese Institution gehen wie immer an Frau Brüllen.

Gegen viertel vor sieben mit dem Gefühl aufgewacht, unter einem Dampfhammer geschlafen zu haben. Was vermutlich auch stimmt, denn ich war relativ früh im Bett gestern und schlief sogar recht schnell ein. Warum also Kopf- und Gliederschmerzen, Körper? Hm? Glücklicherweise schlief ich noch einmal eine halbe Stunde, bis der Wecker mich endgültig aus dem Schlaf riss. Nach Dusche und etwas unwilligem Vor-dem-Schrank-stehen-und-nicht-wissen-was-anziehen fand ich dann doch ein Sommerkleid, in dem mein aktueller Minibauch weniger zu sehen ist.

Ich machte mir Kaffee und Frühstück (Toast mit Käse und scharfer Salami) und setzte mich noch einmal eine halbe Stunde bis um neun an den Computer. Gestern hat endlich die unglaublich besch… agierende Bank das Dokument mit einer kompletten Kontoübersicht und Zuordnung der Eigentümer geschickt. Nach nur zwei Monaten, fünf schriftlichen Anträgen, gefühlt 100 transkontinentalen Telefonaten, einer Rechtsanwaltsintervention und etlichen Nerven haben sie es geschafft. Danke für nichts, ich war die längste Zeit Kundin.

Um kurz nach neun schnappte ich mir mein Fahrrad und fuhr das erste Mal damit zur Arbeit. Die Stadt hat einen sehr unsicheren Radweg in einen halbwegs sicheren Radweg umgebaut. Seit Beginn der sozialen Krise und dem temporären Ausfall der öffentlichen Verkehrssysteme sind übrigens viele aufs Rad umgestiegen. Eine Verkehrszählung in meiner Straße ergab, dass sich die Zahl der Radfahrer in der Peak hour verdreifacht hat! Ob das eine dauerhafte Entwicklung ist, wird sich zeigen. Einige meiner Freunde fahren jedenfalls weiterhin Rad, obwohl ihre U-Bahnverbindung wieder funktioniert. Ja, so kann man die Verkehrswende auch herbeiführen…

Der Vermieter der Redaktionsräume hatte mir gestern den Schlüssel zu seiner Garage gegeben, sodass ich mein Fahrrad in einem Luxusschuppen unterbringen kann. Dafür habe ich ein bisschen mit den Augen geblinkert und die Gringa ausgepackt. Solange das noch geht, kann’s mit dem Alter noch nicht so schlimm sein. Körper, hörst du mich?

Dann um halb elf Redaktionssitzung mit allen, um in einem Kreativworkshop Ideen für die Features, Do’s and Dont’s der neuen Website zu sammeln. Eigentlich könnte man ja eine Kommunikationsagentur… Aber nun ja, wir sind in Chile, das Geld ist knapper und der Anspruch der Wochenzeitung nicht der einer Tagespostille. Danach erledigte ich bis um 14 Uhr das Einstellen der Online-Artikel und schrieb einen eigenen Text zu Ende. Gegen halb drei war ich wieder Zuhause und fummelte mir aus Couscous, Thunfisch und Tomatensauce eine Magenfüllung zusammen. Bevor ich einen Mini-Mittagsschlaf hielt, reservierte ich noch schnell per Telefon einen Tisch für die Mädelsrunde heute Abend. Online war schon alles ausgebucht, aber die nette Dame am Telefon machte es möglich. Ich habe mittlerweile überhaupt keine Angst mehr auf Spanisch zu telefonieren. Meistens sind meine Gesprächspartner so nett und drosseln ihr Sprechtempo, dann klappt es auch.

Nach dem Mittagsschlaf setzte ich mich um halb vier wieder an den Schreibtisch und erledigte noch einige Korrespondenz für Schul- und andere Projekte und hielt Rücksprache mit dem Chef.

Um viertel nach sieben schwang ich mich auf mein Fahrrad und stürzte mich in den gar nicht mal so schlimmen Feierabendverkehr. Vor dem Lokal stand bereits die A. und wartete. Sie war aus dem Homeoffice gekommen und erklärte sogleich, dass sie den ganzen Tag nichts zustande gebracht habe und dies mit einem kühlen Espumante schön trinken wolle. Gesagt, getan. Wir bekamen unseren reservierten Tisch im ersten Stock, direkt am Fenster, was bei abendlichen 26 Grad immer Gold wert ist. Nach und nach trudelten die anderen Mädels ein, es wurde ausgiebig über einen gemeinsamen Freund gelästert, der sich in gewohnter Manier zum Horst gemacht hatte. Hier wird wirklich gerne über andere Leute gesprochen, das muss man wissen und ist Schlüssel zur Seele der Latinos. An die direkten Fragen nach meinem Privatleben habe ich mich mittlerweile übrigens gewöhnt und habe bei zu indiskretem Nachbohren die ein oder andere Replik parat. (Es geht in der Regel um Kinderlosigkeit und aktuelle Lover.)

Nach ein, zwei Bierchen, Cocktails oder Espumante kamen wir zu den wirklich wichtigen Dingen: wohin fahren wir an den Strand und wohin fahren wir danach an den Strand. Wir hatten für Anfang Januar einen Tag am Meer vorgesehen, den wir aber nur dann durchführen können, wenn alle eine Mitfahrgelegenheit haben. Als das dann geklärt war, ging es um die Wünsche für 2020. X. (Kolumbianerin) will einen neuen Job, einen mit mehr Verantwortung und Fortbildungsmöglichkeiten. Ihr langfristiges Ziel: aus ihrem Buchhalterinnendasein eine Wirtschaftsprüferkarriere machen. C. (aus Bolivien) findet, dass sie immer noch zu wenig reist und wünscht sich eine Gehaltserhöhung an ihrer Uni, damit sie nächstes Jahr unbeschwert nach Portugal, Spanien und Marokko fliegen kann. A. (Peru) will mit ihrem Freund zusammen ziehen, aber nichts überstürzen. Sie wünscht sich, dass ihr neuer Chef genauso super ist wie der alte. Und F. aus Chile hat mit 45 Jahren dann doch endlich den Wunsch, in einer eigenen Wohnung zu leben. Und ein Motorrad will sie sich kaufen. Wir hatten schon überlegt, gemeinsam auf Tour zu gehen. Dafür müsste ich 2020 aber das machen, was ich schon seit 2018 vor mir herschiebe: den chilenischen Führerschein. Derzeit fahre ich hier immer noch mit meinem internationalen herum, was ich aber nicht mehr dürfte…

Tja, und nach meinem Wunsch für 2020 gefragt, antwortete ich: meine Wurzeln einpflanzen, in die eigene Erde, einen Hund adoptieren und den Mann finden, der mir ebenbürtig und mindestens genauso bekloppt wie ich ist. Sie können sich ja vorstellen, wie das mit den Wünschen ist. Vielleicht fange ich mit dem Hund an. Oder dem Haus. Naja, wer braucht schon einen Bekloppten an seiner Seite!

Um viertel nach elf verabschiedeten wir uns voneinander und ich schob mein Fahrrad an der Seite von C., die nur knapp 200 Meter von mir entfernt wohnt, nach Hause, wo ich um Mitternacht einschlief.

WMDEDGT 11/19.

Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich den 5. eines Monats verbloggen konnte. Danke an Frau Brüllen, dass es diese schöne Tradition immer noch gibt.

Der Wecker klingelte um 7.20 Uhr. Anders als sonst war ich heute nicht schon zwanzig Minuten vor dem Klingeln wach, sondern sehr erschrocken über das Wachwerden. Mir steckte wohl noch der fehlende Schlaf von gestern Nacht in den Knochen. Ich hüpfte unter die Dusche, froh, dass ich keine Haare waschen musste, denn ich würde heute noch einen Friseurtermin haben.

Um viertel nach neun und einen leichten Stau später traf ich in der Schule ein und konnte sogar noch kurz vor Unterrichtsbeginn die Anwesenheitsliste vervollständigen. Man kommt ja zu nichts. Um halb zehn pfiff ich die pausierenden SchülerInnen in den Klassenraum. Es ist immer wieder erstaunlich, wie flott alles mit akustischen Signalen geht. Mir ist es völlig wurscht, ob das pädagogisch wertvoll ist oder nicht. Wir haben ein Pensum durchzuziehen und das setzt Pünktlichkeit voraus. (Ich schicke voraus: es sind volljährige, aber immer noch nicht wirklich erwachsene SchülerInnen. Und es sind Chilenen.) Das Projekt, an dem sie schon ein halbes Jahr arbeiten, ist auf dem Weg der Fertigstellung und nach den anstrengenden letzten zwei Wochen musste ich einigermaßen Motivation versprühen, wenn sie schon die Klasse nicht mehr hat. Viele von meinen SchülerInnen haben mitdemonstriert und hautnah erlebt, wie Tränengas brennt und Erstickungspanik hervorrufen kann. Eine Schülerin hat sich im Erste-Hilfe-Team betätigt und Gummigeschossopfer versorgt. Ein anderer Schüler ist bei der freiwilligen Feuerwehr und wir sind alle sehr stolz und dankbar, dass es Menschen wie ihn gibt. Seine Fehlzeiten werden ihm nicht angerechnet, das ist eine Ausnahmesituation hier. Die Dokumentationsgruppe unter meiner Leitung bekam ein Mini-Briefing zur Nutzung von Hashtags und Metainformationen und machte sich einigermaßen eifrig an die Umsetzung. Danach hatte ich zwei Stunden Pause, die ich mit der Vorbereitung des C1-Kurses verbrachte. Das Thema: Werbung und Marketing sowie Weiterführung eines Projektes zum Thema „Merchandising und Give Aways in Bildungsinstitutionen“. Um kurz nach zwölf staunte ich nicht schlecht, als die Klasse vollzählig erschien und die in der vergangenen Woche mit zwei (!) Schülern begonnene Kreativarbeit mit viel Eifer vorantrieb. So macht fächerübergreifender Sprachunterricht Spaß!

Das Mittagessen musste ausfallen, weil ich besagten Friseurtermin hatte. Gottseidank ist der Salon nur fünf Minuten von der Schule entfernt. Ich hatte mich gestern Abend spontan mit der WhatsApp-Nachricht „Ich brauche neue Haare“ bei ihr gemeldet und sie hatte doch tatsächlich noch einen Termin frei. Neue Haare bekam ich nicht, aber dafür Farbe auf die weißen Schläfen und geschnittene Spitzen. Wir ratschten ein wenig und stellten erleichtert fest, dass wir nicht alleine sind mit dem Gefühl, dass wir ein wenig das Vertrauen in das Land verloren haben.

Um vier war ich Zuhause, wo ein Telefontermin mit der in Deutschland weilenden Chefin* wartete. Wir sprachen kurz die Themen der kommenden Ausgabe der kleinen Wochenzeitung und meine erste Dienstreise durch. Nächste Woche geht es für mich zwei Tage in den Norden zu einer Tagung. Ans Meer, was mich jetzt nicht ganz unfroh macht. La Serena besitzt einen sehr langen, breiten Strand und ist ein beliebtes Urlaubsziel. Ich bin ja nicht zum Spaß dort, aber… es geht schlimmer.

Ich schlang in aller Eile einen Käsetoast herunter, schnappte mein plattes Fahrrad und lief zum Bike-Bruder, der gegen ein Mini-Trinkgeld nicht nur die Schläuche flickte sondern auch die Bremsen überprüfte. Guter Laden, der. Da hatte ich Glück. Danach wollte ich unbedingt noch in einen Laden, der mir letztens aufgefallen war. Im Schaufenster hingen nämlich hübsche Sommerkleider, die nicht so furchtbar supersexy wie hier üblich aussahen, sondern tragbar. Ich probierte einige Oberteile und Kleidchen an und entschied mich schließlich für FARBE! Ja, Sie haben richtig gelesen. Die schwarze Witwe trägt auf einmal Rot, Türkis und ein Musterkleid! Letzteres ist mir im Nachhinein etwas kurz, daher bringe ich das am Freitag zur Schneiderin und lasse mir einen fünf Zentimeter längeren Saum in Schwarz annähen. Dann geht das auch fürs Büro oder in die Schule und nicht nur an den Strand.

Ich koordinierte noch ein wenig mit dem Chef** herum. Die Hongkong-Reise musste in den August kommenden Jahres verschoben werden. Anders geht es gerade nicht mit den Protesten hier und den Protesten dort. Wer weiß, was bis dahin ist, aber aktuell wollen die Ausbildungsunternehmen nichts dazusponsoren. Da bleibt also noch ein Gutteil  Überzeugungsarbeit.

Gegen 18 Uhr erreichte mich die Nachricht, dass der Hausberg von Santiago, der Cerro San Cristobal, in Flammen stehe. Bereits letztes Jahr war die Trockenheit Grund für einen Waldbrand. Die Dürre fordert immer wieder Opfer: der Besitzer der Hacienda, wo wir für das Theaterstück proben, musste bereits Rinder notschlachten, weil sie nichts mehr zu fressen fanden. Und wir stehen erst am Anfang der Klimakatastrophe.

Ich machte mir schließlich etwas zu essen, was ich schon immer mal probieren wollte: gebratenen Salat. Mit Sojasauce ist das ganz genießbar, aber das nächste Mal „verbrate“ ich den Salat dann doch lieber wieder klassisch. Um 20 Uhr machte ich mich an die restliche Buchhaltung für den Nachlass. Rechnungen mussten bezahlt werden und der Nachlassverwalter über neue Post (dankenswerterweise von der wirklich tollen Nachbarin aus dem Postkasten geholt und gescannt) informiert werden. Danach sah ich eine Dokumentation über historische Königinnen und mächtige Herrscherinnen in England an, bevor ich gegen zehn ins Bett ging.

 

*Chefin: Redaktion
**Chef: Berufsschule

 

Knock out.

Und am späten Sonntagabend hatte es mich dann erwischt. Ich lag schon sehr, sehr müde von einem anstrengenden und frustrierenden Theaterprobenwochenende, einer sehr anstrengenden Arbeits- und Ereigniswoche und allgemeiner Befindlichkeit (ich wäre dann doch langsam dankbar für die Menopause) im Bett und sah eine Netflix-Doku. Bis, ja, bis urplötzlich der Brechreiz anfing. Und nicht mehr aufhörte. Gefolgt von ebensolchem Durchfall. Die ganze Nacht rannte ich abwechselnd für die eine oder andere entleibungsfähige Aktivität ins Bad. Um halb sieben Uhr morgens entschied ich mich: Nein, es geht heute nicht. Ich sprach der Chefin eine Nachricht auf WA, dass ich zumindest am Vormittag nicht in die Redaktion kommen könne. Im Verlauf des Morgens und Vormittags wurde klar: es geht nicht mal am Nachmittag. ich war völlig ausgeknockt. Kein Hungergefühl, kein Durst, kein Wachwerden. Ich schlief immer wieder ein und war schlicht zu schwach für etwas anderes. Ich glaube, das letzte Mal war ich in einer derartigen Verfassung, als ich eine Grippe hatte und das muss so ungefähr 20 Jahre her sein. Erst gegen Abend hatte ich langsam wieder Hunger und Durst. Einen halben Teller Spaghetti mit Spinatsauce und viel Wasser und Kamillentee (igitt) sorgten zumindest dafür, dass ich an den kommenden Tag denken konnte. Auch, wenn gegen halb acht Uhr abends das Fieber begann: ich wusste, dass es jetzt vorüber war. Fieber ist bei mir immer kurz und hoch und so glühte ich ein, zwei Stündchen vor mich hin, schwitzte noch ein wenig mehr Wasser aus, als hätte sein müssen und schlief bis zur gewohnten Aufwachzeit um zwanzig nach sieben durch.

Den Tag dann wie gewohnt arbeitend und mit vielen Dingen beschäftigt verbracht. Immer noch leichtes Kopfweh im Hintergrund, aber handhabbar. Von der Kollegin gehört, dass es ein Rotavirus sei, der da gerade umginge. Aha, dann hätten wir das wohl auch geklärt. Das nächste Mal suche ich mir aber was aus, das einen hübscheren Namen trägt.

Abgrund.

Ein Land bewegt sich am Abgrund. Solch eine Metapher wollte man sicherlich immer mal schreiben, wenn man Überschriften texten muss. Nur, wenn man mittendrin ist, dann macht es deutlich weniger Spaß nach schönen Worten zu suchen. Dann möchte man die Wahrheit schreiben oder vielmehr schreien. Dass die Tränengaswolken bis an die Straßenecke reichen, an der dein Büro liegt. Dass Gummigeschosse auf den Straßen zu finden sind, während ihre Empfänger sich nicht behandeln lassen können, weil es keine Versorgung mehr nach Beginn der Ausgangssperre gibt. Dass Ausgangssperre sich viel harmloser anhört als sie ist. Ein Land in Geiselhaft. Dass diese Gesellschaft tief gespalten ist. In jene, denen es (noch) gut geht und jene, denen es nie gut ging. Dass die öffentlichen Schulen eine Katastrophe sind. Dass die Viertel, in denen ich unterrichte, mit der Realität des Landes so viel zu tun haben wie eine Bockwurst mit einer Kanone. Dass sich Kollegen, Freunde und Bekannte verschanzen und anfangen einander aufzulauern. Dass die Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe, sehr wenig von der Realität in diesem Land wissen (wollen). Dass ich froh bin, andere Freunde zu haben. Dass ich mich durchbeißen werde.

Über viele Dinge könnte ich schreiben. Aber ich vergrabe das alles erst einmal in mir. Und hole es wieder heraus, wenn ich sehe, dass der Abgrund nicht mehr ganz so nah ist.