Publik.

Religionsunterricht, und hier insbesondere der katholische meiner Kindheit, ist ja so eine Sache. Neben der Vermittlung von vermeintlich urchristlichen Werten hängt es sehr von der pädagogischen Lehrkraft ab, ob ein über die korrekte Kenntnis von Bibel und Heiligen hinaus etwaiger Mehrwert zu ziehen ist. Der Unterricht, dem ich mich bis zum 14. Lebensjahr unterwerfen musste, hatte davon leider recht wenig zu bieten. Es sei denn, die vom Pfarrer abgefragte, in Zeichnungen verpackte Standortbestimmung. „Ich möchte, dass Ihr malt, was Ihr werden wollt“, war der Auftrag des Herrn und so entstanden in meinem Schulbuch Berge, Kühe, Tannen und etwas, das ich für Gemsen hielt. Oder Steinböcke. Man hätte auch Yetis hinein deuten können. Darüber schrieb ich: Ich möchte in der Schweiz leben, viele Tiere haben und Schriftstellerin sein.

Tja.

Hat nicht ganz geklappt.

Ich lebe in Berlin. Ich habe einen Mann mit Tierhaarallergie. Weiterlesen

Jahresendzeitfragebogen 2014.

Ich hatte eigentlich gedacht, dass 2013 das schlimmste Jahr war, das ich je erlebt habe. Nun. Es geht offenbar noch übler, auch wenn sich die erste Jahreshälfte im wichtigsten Part – der Gesundheit des Gentleman und im Privaten –  doch durchaus positiv entwickelte. Aber man soll ja den Tag nie vor dem Abend loben. Und zusammengefasst, war 2014 noch übler als 2013, weil vieles von dem, was kam, so unfassbar belastend und entmutigend war. Ich gehe davon aus, dass 2015 das wieder gut machen wird.

Zum Vergleich können Sie sich gern die Jahresrückblicke der letzten elf Jahre durchlesen. Und Sie bekommen gleich einen Eindruck, wie ich älter werde. Voilà: 2013, 2012, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004 und 2003, so auch dieses.*

*2011 habe ich ausfallen lassen. Aus Gründen.

Zugenommen oder abgenommen?
Ich befinde mich in einem nachweihnachtlichen Gewichtszustand, den ich nicht weiter diskutieren möchte. Ansonsten: leider wohl eher ein bis zwei Kilo zu. Kummerspeck, würde ich sagen.

Haare länger oder kürzer?
Gleich lang. Zwischenzeitlich habe ich wie alle Jahre wieder das Ponyexperiment gemacht. Einen Betty Page-Schnitt wollte ich. Einen Deppenpony bekam ich. Nun wächst er wieder raus. Bis zum nächsten Mal.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Blind wie eh und je.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger. Nachdem ich ab September nur noch 30 Stunden arbeite, verdiene ich zwar immer noch gut, aber große Ausgaben spare ich mir derzeit lieber.

Der hirnrissigste Plan?
Eigentlich schien es ein schönes Projekt zu sein, eines, das zu einem Herzensprojekt im Job werden könnte. Leider wurde nichts daraus, weil die wichtigste Unterstützung meines Arbeitgebers fehlte. Aber immerhin: Ich habe die Entdeckung gemacht, dass ich Investoren und Fachleute mit meinen Konzepten überzeugen kann. Und dass ich ganz gut bin in dem, was ich gelernt habe. Vielleicht mache ich doch noch mal was mit Kultur.

Die gefährlichste Unternehmung?
Gefährlich war gestern.

Das beeindruckenste Buch?
2014 ernenne ich hiermit zum Leseärmsten Jahr meines Lebens. Ich habe, glaube ich, noch nie so wenige Bücher gelesen. „Blackout“ von Marc Elsberg fand ich sehr interessant, ich mag Dystopien und Thriller, und der Mann und ich diskutierten, wie wir uns im Katastrophenfall am Leben erhalten können würden. (Note to myself: Unbedingt Wasservorräte anlegen.)

Der ergreifendste Film?
Mir ist kein Film als besonders ergreifend im Gedächtnis geblieben.

Das beste Theaterstück
Unterhaltsam auf jeden Fall: Carmen in der Inszenierung der Komischen Oper.

Die beste CD? Das beste Lied?
Wenn mich 2014 eines bestimmt hat, dann war es die Flucht vor der Beschallung. Da meine Bürokollegin gern Radio hört (und hier leider überwiegend schlechte Musiksender) und wir uns darauf einigen konnten, dass sie es ausmacht, wenn es mich stört, habe ich mir eine erstaunliche Akustikignoranz antrainiert. Allerdings genieße ich Stille nun umso mehr. Vielleicht ist mir deshalb keine CD oder kein Song ins Ohr gegangen, das mich die Stille gern verlassen ließe.

Das schönste Konzert?
Leider keines.

2014 zum ersten Mal getan?
Botox spritzen lassen.

2014 nach langer Zeit wieder getan?
Am Rande einer Depression herumgekrepelt.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Wie schon 2013: Sorgen machen um den Gentleman.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Dem liebsten Gentleman.

Vorherrschendes Gefühl 2014?
Traurigkeit.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Auch wieder wie 2013. Da bleibt nur ein Ding übrig, hinter dem alle anderen zurückstehen: Die lebensbedrohliche Krankheit des Gentleman.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass das berufliche Herzensprojekt sowohl in finanzieller als auch konzeptioneller Sicht bei mir in den richtigen Händen wäre.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich bin leider eine sehr schlechte Schenkerin. Ich hoffe aber, dass die Arbeitszeitreduktion auf 30 Stunden kein Danaer-Geschenk für den an die Wohnung gefesselten Gentleman war.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Ich freue mich normalerweise über alle Geschenke. 2014 fiel mir das Freuen sehr schwer. Aber der Gentleman macht mir sowieso immer die schönsten Geschenke..

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ich möchte, dass du glücklich bist.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich bin da, egal, was kommt.

2014 war mit 1 Wort…?
Belastend.

Gärtnerinnenlatein.

Ich hab’s ja nicht so mit dem Grünen. Sie beachten aber schon bitte das „dem“, ja? Danke. Das gibt’s schließlich Unterschiede. Meine Pflanzen sind allesamt Darwinerprobt und stehen teilweise schon seit Jahren in meinen Diensten. Wer aber einmal ganz ausgezeichnete Unterhaltung aus Nachbars Garten – oder hier eher: aus Nachbarinnen-Garten – lesen möchte, dem lege ich sehr das Gärtnerinnenblog ans Herz. Wenn Sie auch insbesondere bitte tief in die rheinpfälzische Dialektik eintauchen würden? Besonders die Handwerker von Pia sind ganz beredte Mannsbilder, nachzulesen in der Handwerker-Soap in 5 Akten. Alla.

Scheitern.

Gern reichere ich meine Texte/Lebensanschauungen und Welterklärversuche mit Zitaten anderer Leute an. Meine Fans mögen das. Selbstredend vergesse ich nie, die Urheber zu nennen.

Zurzeit bewegt mich das Thema Scheitern. Berufliches, privates, allgemeines und technisches Scheitern. Überhaupt: einen Tag ohne Scheitern, den gibt es in meinem Leben eigentlich nicht. Das fängt schon damit an, dass ich es sehr selten schaffe, genügend Schlaf zu generieren. Ich gehe immer zu spät ins Bett oder scheitere am Einschlafen. Meine Tage enden oft gegen halb zwei Uhr und beginnen dann um viertel vor sieben. Und das ganz ohne Kinder, stellen Sie sich das mal vor! Dergestalt bin ich von kosmetischen Wundermitteln wie Concealer und pastös-langhaftendem Make Up abhängig. Aber das sind ja alles nur Peanuts.

Berufliches Scheitern ist ja viel schlimmer als Augenringe bis zu den Knien. Berufliches Scheitern knabbert an den Rändern der Existenz, stellt in unserer Leistungsgesellschaft den Menschen in Frage. Ich bin in meinem Berufsleben schon das ein oder andere Mal gescheitert. Es nagt und bohrt auch Jahre danach immer noch, dass ich es nicht geschafft habe, mein erstes Studium abzuschließen oder doch zumindest deutlich früher zu schmeißen, dass ich meinen Traum, Journalistin zu werden, nicht mit allem Elan weiter verfolgt habe, dass ich mich in manchen Situationen nicht härter, klarer, fordernder ausgedrückt habe und in anderen wiederum zu sehr. Wer weiß, wo ich heute wäre. Ich streue ein Zitat ein:

„Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter.“ (Ralph Waldo Emerson)

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Hauptgewinn.

Ich bin ja eher nicht so der Gewinnertyp. Das kann natürlich in erster Linie daran liegen, dass ich ungern an Gewinnspielen, Tombolas oder sonstigen Wettbewerben teilnehme. Mir liegt das nicht, dieses unwägbare Element. Auch, wenn ich natürlich alle Jubeljahre mal Lotto spiele, wenn der Jackpot groß genug erscheint. Dann träume ich wie alle anderen davon, was ich mit meinen Milliönchen anfange. Auf jeden Fall nicht mehr arbeiten. Oder nur noch arbeiten, was Spaß macht. Vielleicht das Vermögen verwalten. Oder reisen. Ja, reisen auf jeden Fall. Und einen Personaltrainer, der mich in Schwung bringt. Menschen, die sich um mich und nur um mich kümmern. Gegen Bezahlung, selbstverständlich. Aber mein Großvater sagte mir schon frühzeitig, dass ich nie etwas gewinnen würde, es läge mir nicht im Blut, und er wollte von mir auch keine Lottozahlen mehr für seinen Schein hören.

Tweet

Als letztens das Hashtag #ichgewannmal auf Twitter auftauchte, erinnerte ich mich, dass ich doch ein, zwei Mal auf der Gewinnerseite auftauchte. Aber ich habe mich wirklich nicht darum gerissen. Einmal gewann ich bei der Tombola einer Kleintierleistungsschau in Weiden in der Oberpfalz ein Zwergkaninchen. Meine Tante, die ich in den Sommerferien dort besuchte, versicherte mir jedenfalls, dass das ein Zwergkaninchen sei und packte mich samt Tier vereinbarungsgemäß in den Zug nach Frankfurt/Main. Dort wurde ich von meinen Eltern abgeholt, die das neue Familienmitglied leicht genervt aufnahmen. (Am selben Abend wurde noch mit der Tante telefoniert. Ich durfte sie nicht mehr besuchen. Aber das hatte sicher andere Gründe.) Das Zwergkaninchen lebte sich ein und zwei Jahre später war es ebenso groß wie unser Dackel, mit dem es leidenschaftlich gern Fangeles spielte. Mehr bekommen als gedacht, also, fast ein großer Gewinn. Gute zehn Jahre später gewann ich ein bisschen mehr als ein Haustier, fiel aber durch ein Kaninchen in Ungunst. Weiterlesen

Wir@Mauerfall.

Der Mann.
Am Abend sind die Kumpels und ich in die Wohnheimdisco in der Coppistraße gegangen, wie eigentlich immer. Feiern und was trinken, wie immer. Irgendwann kam der R. an: „Die Mauer ist übrigens auf, Jungs!“ Nee, ist klar. „R., du bist doch besoffen!“ Wir lachten, feierten noch ein bisschen und gingen dann schlafen, um für die Seminare am nächsten Tag fit zu sein.

Spannend wurde es erst am nächsten Tag. Die Nachrichten klangen irgendwie unglaubwürdig. Das kann doch nicht sein. Mauer offen, Grenzverkehr. Mit dem S. auf dem Weg zur Uni, in meinem von einem Verwandten geerbten, knallroten Trabi mit mattschwarzem Dach, auf den ich so stolz war. Kurze, schnelle Entscheidung, doch noch einem Umweg zum Checkpoint Charlie zu machen. Mal gucken, was da wirklich los ist. Wir sahen eine ziemlich lange Autoschlange. Als gelernter Ossi stellt man sich an Schlangen natürlich an. Außerdem wollten wir nur mal gucken. Zurück zur Uni können wir immer noch schnell, ist alles keine Entfernung in Ostberlin.

Die Zolltante: „Wollen Sie denn wieder zurückkommen aus Westberlin?“ Blöde Frage. „Ja, wollen wir!“ Und zack, waren wir im Westen.

Mit einem schnell geschenkten Stadtplan und dem Telefonbuch habe ich dann meinen Onkel ausfindig gemacht, der um diese Uhrzeit in seiner Kanzlei sein musste. Der fiel aus allen Wolken: „Bist du denn total verrückt, du kannst doch deine Eltern nicht im Stich lassen!“ Er hatte noch keine Nachrichten gehört und war völlig von der Rolle. Er, der ehemalige Fluchthelfer, der meine Tante mit einem Diplomatenwagen in den Westen geschmuggelt hatte, war fassungslos. Wir verabredeten uns für den Abend bei seinem Lieblingsitaliener und gingen noch mal auf den Kudamm. Dort trafen wir unseren Pharmakologie-Professor, bei dem wir jetzt eigentlich im Seminar sitzen sollten.

Wir haben dann noch Fotos gemacht, unter dem Straßenschild und gelacht: „Wir auf dem Kurfürstendamm.“ Und als Autoverrückte Studenten haben wir uns bei BMW die Modelle angeschaut und Probe gesessen.

Wir waren wie Touristen.

Die Frau.
17 Uhr. Donnerstag, mein Schwimmtag. Meine Mutter bringt D. und mich in den Nachbarort, wo im Schwimmbad Warmbadetag ist. Wir schwimmen unsere Stunde, quatschen noch ein bisschen am Beckenrand bis uns kalt wird. D. wird nach dem Abi erst einmal eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin machen, weil die Noten nicht für den Direkteinstieg ins Studium reichen werden. Das weiß sie schon. Ich weiß noch gar nichts. Meine Noten sind okay, aber ich habe keine Ahnung, was ich will. Nach dem Abi weiß ich es vielleicht, aber bis dahin ist noch ein halbes, dreiviertel Jahr. Und ich muss mich heute noch mal hinsetzen, um für die Halbjahresklausur in Bio, meinem ersten Leistungskurs zu lernen. Geschichte und Französisch, da geht auch noch ein bisschen was, obwohl ich nicht das Gefühl habe, dass unsere Lehrer sehr viel erwarten. In Kunst, meinem zweiten Leistungskurs*, ist ohnehin alles offen, da fragt keiner nach Orientierung und wirklichen Ergebnissen. Zeichnen kann ich, Kunstgeschichte und Interpretation, naja, geht irgendwie alles.

19.30 Uhr. Ich setze mich nach dem Abendessen an den Schreibtisch. Im Hintergrund laufen Nachrichten im alten Schwarzweiß-Fernseher, von Oma geerbt. Zwischen Texten zu Genetik und Nuklein-Basen horche ich auf. „Grenzöffnung“, höre ich. Ich setze mich vor den Fernseher. Wahnsinn, denke ich. Was ist das denn? Meine Eltern kommen rein. „Hast du auch…?“ „Ja. Komisch, gell?“ „Wir gehen jetzt trotzdem zum Tanzabend, bis später, ja?“ „Ja, bis dann.“

22.30 Uhr. Mein Freund ruft an. Eigentlich darf er das nicht. Er sitzt in seiner Kaserne im nordhessischen Schwarzenborn, ist zum Wehrdienst bei den Panzegrenadieren gelandet, bekommt aber häufig die Funk- und Fernmeldedienste, mit Telefonzugang. „Die Mauer ist offen“, sage ich, „Hast du das schon mitbekommen?“ Nein, sagt er, wir haben hier heute noch keine Nachrichten gesehen, da war eine Manöverübung, aber bist du sicher? „Ja“, sage ich, „Sie zeigen das im Fernsehen, da stehen Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor. Wahnsinn.“

23 Uhr. Ich gehe schlafen, nachdem meine Eltern gute Nacht gesagt haben. Ich denke ans Abi. Danach weiß ich vielleicht, was ich will.

*Ja, liebe Kinder, damals im Hessen der 80er Jahre war das noch möglich – Kunst Leistungskurs, unglaublich, nicht?

Erstaunen.

Wer hätte das gedacht.

Dass die Mauer fallen könnte. Dass sich auf einmal das Tor weit öffnet, von Ost nach West, von West nach Ost. Dass sich Menschen treffen, Familien finden. Dass Schicksale nicht mehr parteigemacht sein müssen, sondern auch von Marktregeln abhängen. Dass Auto nicht gleich Auto ist, sondern Menschen in Klassen einteilt. Dass Jammern und Besserwissen zwei Seiten ein und derselben Medaille, dass Medaillen nur ein Haufen Blech sein können. Dass Papierschnipsel manchmal Beweis und Fluch zugleich sein können. Dass blühende Landschaften nicht vom Himmel fallen sondern vieler Hände Arbeit sind. Dass Seilschaften stark und dauerhaft sind und Toleranz sehr gering sein kann.

Dass Freundschaft unabhängig von Sozialisation ist.

Dass Reisen bis ans Ende der Welt geht.

Dass das Glück einer großen Liebe geschenkt wurde.

Wer hätte das gedacht.

Glätteisen.

Das erste Mal habe ich an Botox gedacht, nachdem mir ein Surfbrett auf den Kopf gefallen war. (In einer Dachwohnung eines Talkshow-Moderators. Ganz ohne Wasser. Mit Gehirnerschütterung. Fragen Sie nicht.)

Denn unangenehme (eine Woche lang eine fette Beule auf der Stirn) und angenehme (die beiden dicken Stirnfalten waren erst unsichtbar und dann längere Zeit gemildert) Folgen hielten sich in meiner Wahrnehmung die Waage. Das Surfbrett-Erlebnis spielte sich in meinen frühen Dreißigern ab und seitdem hat die Zeit, haben die Lebenserfahrungen in meinem Gesicht und an meinem Körper durchaus ihre Spuren hinterlassen.

Mit meinen Fältchen und Falten, mit den kleinen und großen Polstern kann ich ziemlich gut leben, daran leide ich jedenfalls nicht. Aber diese beiden horizontalen Stirnfalten, die wurden mit der Zeit immer ein bisschen tiefer. Denkerstirn trifft es nicht ganz, eher afrikanischer Grabenbruch, und das gefiel mir nicht mehr. Darum habe ich mich im befreundeten Ärztekreis kundig gemacht und ließ mich nach eingehender Beratung durch die Medizinerin und Prüfung meines Kontostandes botoxen.

Vier kleine Minimaldosen wurden in den oberen Bereich meiner Stirn gespritzt. „Dann haben Sie auch weiterhin Mimik und Ihre Augenbrauen fangen nicht an zu hängen“, erklärte die Ärztin, denn ich wollte nur eine kleine Faltenminderung und nicht aussehen wie Renée Zellweger. Es piekste ein winziges bisschen, war aber sehr erträglich. „Wundern Sie sich nicht, der erste Effekt zeigt sich in drei Tagen“, gab mir die Ärztin zusätzlich zum Kühlkissen mit auf den Weg. „Und rechnen Sie mit Kopfschmerzen!“

Also wartete ich. Die Kopfschmerzen kamen verlässlich, gingen aber am Tag 2 vorbei. Tag 3 kam und nichts passierte. Meine Runzelstirn war weiterhin beweglich wie die von Stan Laurel, die Falten deutlich und präsent. Ein wunderschöner Herbstnachmittag, wir fuhren über Land, und die Sonne schien in einem letzten Aufbäumen warm vom Himmel. Hinterher hatte ich einen leichten Sonnenbrand, so fühlte es sich jedenfalls an. Bewegen ließ sich der Musculus frontalis immer noch. Ich ging zu Bett. Um am Tag 4 mit einer Betonstirn zu erwachen. Das Augenbrauenheben ging, war aber deutlich mühsamer als sonst. Ein unsichtbares Band lag um meine Stirne.

Am Tag 5 war irgendwas mit meinem Lachen passiert. Ich lachte, aber mit angezogener Handbremse, so jedenfalls mein Empfinden. Nun habe ich derzeit nicht so viel zu lachen, aber irgendwas ist ja immer und dann lache ich sehr breit und laut und mit allen Muskeln. Es schien aber niemandem aufzufallen, was mir deutlich mehr Sorgen machen sollte. An Tag 6 sprach mich dann doch Kollegin I an, die ihre – wenig erfolgreiche – Botox-Erfahrung bereits gemacht hatte. Ich sähe entspannter aus, ob sich denn daheim wieder alles ein wenig zum Besseren wenden würde?

Nun haben wir Tag 7 und ich beginne, mich an meine fast glatte Stirn zu gewöhnen. Das Lachen geht wieder, wie mit dem Glätteisen gezogen sehe ich zum Glück nicht aus. Ich bin gespannt, wie das Experiment weitergeht und ob ich es dabei belasse.

Im Zweifelsfall: Kann mir einer von Ihnen ein Surfbrett leihen?

Strumpfig.

Des Nachts fliegen die Wildgänse und draußen wehen die ersten gelben und braunen Blätter über das Kopfsteinpflaster. Tagsüber gaukeln frühherbstlich warme 20 Grad einen letzten Sommertag vor. Lassen wir uns nicht einlullen, machen wir uns nichts vor – es ist wieder Strumpfhosenzeit!

Und so gerne ich Röcke und Kleider trage, sobald Strumpfhosen ins Spiel kommen, bin ich spätestens nach einer halben Stunde höchst angenervt. Denn egal, ob teure Markenware oder Billigstrümpfe im Doppelpack von Charles & Anthony, Hyper & Munter etc.: sie beginnen im Schritt zu rutschen.

Damenstrümpfe_weites FeldWas auf Twitter mit einem das thematisierenden Frusttweet begann, entspann innerhalb kürzester Zeit einen Thread zum Thema Strümpfe und Strumpfhosen. Die schönste Entdeckung, und dafür ist die Filterbubble da: ICH BIN NICHT ALLEIN MIT MEINEM PROBLEM!

Wofür mich meine Filterbubble übrigens noch liebe: Die Damen und Herren haben immer sehr gute, unklugscheißerische Tipps parat, die das Leben erleichtern und mitunter zur allgemeinen Erheiterung beitragen – ein nicht zu unterschätzendes Talent.

Ein paar Tipps zum richtigen Umgang mit Strumpf- und Feinstrumpfhosen habe ich daraus gesammelt und mit etwas Recherche angereichert. Über das Thema Kompressions- und Stützstrümpfe hat Signora e la moda Wissenswertes geschrieben. Schauen Sie mal dort rein, und das lohnt sich nicht nur, wenn es um dieses Thema geht!

Zum Thema „im Schritt rutschende Strumpfhose“ hatte Frau Mutti aka Dilemma Deluxe einen sehr probaten Vorschlag: Miederhöschen! Warum bin ich bloß nicht längst vorher darauf gekommen? Ich besitze noch eines von meiner Hochzeit, das ich seitdem nie wieder getragen habe. Ausprobiert und für gut befunden! Wahrscheinlich geht auch jedes stramm sitzende andere Höschen, aber damit kaschiere ich auch den kleinen Wohlstandsbauch, wenn nötig.

Ein anderer Tipp ist sicherlich auch sehr vernünftig: Im Strumpfgeschäft anhand der Beinlänge die richtigen Strumpfhosen heraussuchen lassen. Ich bin allerdings eher die Spontankäuferin und selten in derlei Fachgeschäften zu finden. Vielleicht lasse ich es demnächst auf einen Versuch ankommen.

Ein weiteres Thema ist die mangelnde Haltbarkeit – ich kriege auch teure und vermeintlich qualitativ bessere Strumpfhosen verlässlich schnell kaputt. Daher kaufe ich gern günstiger und habe bei Wichtig-wichtig-Terminen immer eine Ersatzstrumpfhose dabei. Hierzu fand ich folgenden Tipp:

Strumpfhosen vor dem ersten Tragen in der Packung ein paar Stunden ins Eisfach legen.

Nun wüsste ich ehrlich gesagt nicht, wo zwischen Tiefkühlgemüse, Eis und Fertigpizza ich noch Strumpfhosen unterbringen kann, aber ich teste das demnächst trotzdem einmal aus, da dieser Tipp im Internet von vielen NutzerInnen bestätigt wurde.

Möglicherweise liegt meine Abrissbirnenartige Zerstörwut feiner Beingewebe aber auch einfach nur an meinen Bauarbeiterhänden. Hierzu hat ein Qualitätsanbieter Rat:

Für ganz besonders feine und teure Exemplare gibt es Anziehhilfen – Wolford nennt sie Hosiery Gloves – in Form von Handschuhen. Ich meine: überflüssig und teuer (handelsübliche Baumwollhandschuhe täten es auch). Es sei denn, in den Handschuhen steckt ein gutaussehender Butler…

Meistens komme ich ja nicht in die Verlegenheit, denn s.o. unter Haltbarkeit, aber: Waschen sollte man Feinstrümpfe von Hand in handwarmem (sic!) Wasser. Hinterher ausdrücken, leicht in Form ziehen und liegend trocknen. Oder nass anziehen und trocken föhnen. Letzteres stelle ich mir überaus unangenehm vor (obwohl ich auch schon ab und an noch nicht komplett durchgetrocknete Jeans getragen habe).

Eine etwas skurrile, aber sparsame Idee las ich irgendwo in den Tiefen des Internets: Hat man zufällig zwei Strumpfhosen der gleichen Farbe und Art parat, die auf der jeweils anderen Seite eine Laufmasche haben, einfach das kaputte Bein abschneiden und die beiden Höschenteile übereinander ziehen. Schon hat man eine neue Strumpfhose! Mal abgesehen davon, dass ich sehr selten zwei Strumpfhosen der gleichen Farbe und Art habe, die GLEICHZEITIG eine Laufmasche am jeweils anderen Bein entwickeln – ich habe dann ZWEI rutschende Höschenteile an, die sicherlich in ihrer Überlagerung ein überaus fruchtbares Mikroklima im Schritt fördern.

Dieser Tipp hingegen hilft vielleicht weiter, wenn keine Pumps getragen werden: Füßlinge unter der Strumpfhose sollen vor Laufmaschen ab Zehen schützen. Hm. Ich trage Feinstrumpfhosen überwiegend dann, wenn ich mal so richtig „richichi“ aussehen muss oder will und dazu gehören Pumps und durchbrochene Schuhe, in denen man Füßlinge sehen würde. Und sind gute Strumpfhosen nicht per se an den Zehen und Fersen verstärkt?

Sie sehen, es ist ein weites Feld. Das man noch bis zum Horizont erweitern könnte, schriebe ich über Strümpfe, Strapse und Strumpfbänder. Ich mache es kurz: ich habe eine Abneigung gegen Rutschen. Und gerade diese Halterlosen stürzen mich in tiefste Verwirrung. Daher zum Abschluss die Dokumentation eines seltenen Ereignisses: Wortschnittchen in Strumpf und Spitze, sitzend und sehr lange her.

StarschnittchenII