WMDEDGT 09/2018.

Nachdem ich in den vergangenen zwei Monaten schlicht und einfach verpasst habe, den Tagesablauf des 5. Tages eines Monats zu beschreiben, nehme ich den beginnenden Frühling auf der Südhalbkugel zum Anlass neu zu beginnen. Also alles neu macht der September (also das Äquivalent zum März auf der Nordhalbkugel). Und wie immer gehören die Kudos für dieses Projekt Frau Brüllen. 

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Gegen sieben wachte ich vom Duschgeräusch nebenan auf, denn der brasilianische Student steht immer recht früh auf der Matte, um ja rechtzeitig zu seinen BWL-Vorlesungen zu kommen. Außerdem brandet der Lärm des Autoverkehrs um diese Uhrzeit das erste Mal mit voller Wucht in die Wohnungen. In meiner temporären Unterkunft leben die Vermieterin Gladys, ihr Sohn samt gelegentlichem Besuchskind, an drei Tagen pro Woche ihre Tochter, der brasilianische Student, ein chilenischer Student und ich. Sie fragen sich sicherlich: wie groß muss die Wohnung sein, damit alle unterkommen? Sie ist groß, keine Frage. Aber anders als wir es in Deutschland gewohnt sind, schläft Gladys mit ihren (längst erwachsenen) Kindern in einem Zimmer. Es ist Teil dieser Kultur, dass Familienmitglieder sehr eng aufeinander glucken und die Kinder auch in erwachsenem Alter noch oder wieder bei ihren Eltern wohnen. Ich habe übrigens mein eigenes Zimmer.

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Ich döste noch ein wenig, setzte mich aber um acht an den Schreibtisch und las die ersten Mails. Der Chef wollte wissen, ob denn der Arbeitsvertrag endlich angekommen sei. Nun ja, ist er nicht, nach drei Anläufen und diversen Verhandlungen waren wir uns endlich einig geworden, aber die Schulverwaltung ist seeehr langsam und nun muss der Chef Druck machen.

Nach Badbesuch, Frühstück und Kaffee setzte ich mich wieder an den Schreibtisch. Es waren zwei Klausuren und zwei Unterrichtseinheiten vorzubereiten. Bei den Klausuren ist es etwas kniffelig, denn die eine Deutschklasse ist erschreckend schwach. Der vorherige Lehrer hat sie mehr oder minder „durchgeschleift“, aber am Ende müssen sie ja den offiziellen DSD-Test bestehen und das werden sie mit dem bisherigen Stand mit Sicherheit nicht. Da wartet noch viel Arbeit auf mich…

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Gegen Mittag rief ich in Deutschland an, um meine Zugangsvoraussetzungen zur Prüfer- und Bewerterbefähigung zu erfragen. Aha, man ist wohl etwas lockerer gegenüber Nichtpädagogen, aber sie wollen eine Bescheinigung der Schule, dass ich den Wirtschaftsunterricht auf Deutsch halte. Kriegen sie. Ich machte mir zur Belohnung etwas Undefinierbares aus dem Grillhähnchen von gestern, Tomatensauce und Ziegenkäse. Gemeinsam mit dem brasilianischen Studenten und Gladys aßen wir zu Mittag.

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Um 14 Uhr saß ich wieder am Schreibtisch, wo ich mich um eine Mitnahmegelegenheit für einen Brief aus Deutschland bemühte. Ich halte wenig von internationalem Postverkehr, nachdem einige Päckchen, Briefe und auch Postkarten aus Deutschland satte zwei bis drei Monate unterwegs waren – Priorityaufkleber hin oder her! Ich fand über die Facebook-Gruppe „Deutsche in Santiago“ jemanden, der Ende September von Berlin nach Santiago fliegt und mir meine Dokumente mitbringen kann. Ich bin jedes Mal wieder sehr erfreut, wie gut die sozialen Medien funktionieren können. Ich stellte die erste Klausur vollständig fertig, adaptierte die zweite für die stärkere Klasse auf ein höheres Schwierigkeitsniveau und schrieb an einem Artikel herum. Bis um kurz nach 17 Uhr ein heftiger Stoß meinen Schreibtisch wackeln ließ. Luna, der Hund von Gladys, fing an zu bellen und Gladys selbst klopfte an meine Zimmertüre, deren Knauf ich bereits in der Hand hatte. Erster Grundsatz bei Erdbeben: Türen öffnen und Fluchtwege freihalten. Wir warteten einen Moment im Wohnzimmer, ob der Erdstoß nur der Auftakt zu etwas Stärkerem sein würde. Aber da auch nach zehn Minuten nichts wackelte, ginge ich wieder in mein Zimmer. Im Nachhinein konnte ich auf meiner bevorzugten Erdbebenseite lesen, dass das Epizentrum rund 100 Kilometer südlich von Santiago lag und der Erdstoß mit 5,1 auf der Skala nach hiesiger Meinung kein Erdbeben („Terremoto“) sondern nur ein „Temblor“. Alles gut, also.

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Nicht alles gut, also, erfährt man auch, wenn man die Tagesabläufe anderer Menschen liest. Frau ReadOns Bericht machte mein Herz schwer. Ich erinnerte mich an meine Krankenhausbesuche und dachte daran, was es bedeutet, loslassen zu müssen. Den anderen gehen zu lassen, obwohl man doch so gerne weiter gemeinsam durch diese Welt gewandert wäre. Dabei ist der andere schon längst einen Schritt voraus, beinahe hat er die Eingangspforte zum Hades erreicht. Und nichts kann ihn zurückholen, kein Gesang, kein Verhandeln mit dem Tod. Nichts. Lesen Sie bitte alles von Frau ReadOn, sie hat so viel zu geben, jeder einzelne ihrer Buchstaben erzählt von Leben und Tod, von Vergangenheit und Zukunft. Ich wünsche ihr mehr vom Guten.

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Gegen sechs Uhr ging ich zum Supermarkt um die Ecke, um Wasser zu kaufen. Ich hasse Flaschenwasser, Deutschland hat es gut. Fast überall kann man das Wasser aus der Leitung trinken und es schmeckt. Hier kann man das auch, aber in meinem Bezirk ist so viel Chlor im Wasser, dass man es an den Zähnen merkt und die Haut nach dem Duschen unangenehm nach Schwimmbad riecht. Dass da noch eine kleine Seelentrostschokolade mit im Beutel war, musste sein.

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Gegen viertel vor acht hatte ich Hunger und machte mir ein Brot. Marraqueta heißt das hier genießbare Brot, ähnlich dem italienischen Ciabatta. Man kann es auch als Vollkornversion kaufen, das schmeckt dann zwar besser, ist aber auch schneller – Achtung! Kalauer! – brottrocken. Ich verbrauchte die letzten Reste der Leberwurst, die es hier glücklicherweise in jedem gutsortierten Supermarkt gibt. Überhaupt: der chilenische Geschmack ist dem deutschen recht ähnlich. Alles mit viel Fleisch, deftig, es darf gern fett sein. Einzig der Mangel an Pfeffer und Knoblauch an vielen Gerichten fällt auf. Dafür wird gern Koriander verwendet. Koriander ist meine Katzenminze!

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Nach dem Essen sah ich mir noch Nachrichten im Netz und eine Folge einer Serie auf Netflix an, las ein wenig im Internet und ging dann früh weil erledigt schlafen.

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(Nein, es gibt keine neuen Nachrichten vom Verehrer. Weder von ihm noch vom Caballero. Manchmal ist es gut, wenn die Telenovela eine kleine Pause einlegt und die Heldin ihre Gedanken und Gefühle neu sortiert. Aber es kommen ja auch wieder andere Zeiten.)

Verrat.

Kennen Sie das auch? Dieses dumme Bauchgefühl, nicht zu deuten, das einem etwas sagen möchte, aber das Ohr, das Hirn und das Herz sind taub dafür? Genau das. Während der langen Reise rund um die Welt ging diese Taubheit verloren, aber nun ist sie wieder da. Wiedergekommen mit dem Alltag, den Zwängen, den Anforderungen, die es eben genauso am Ende der Welt gibt wie in der alten Heimat. „Lesson learned“ würde ich gern häufiger sagen, aber es gelingt nicht. Ich bin gut im Wiederholen von Fehlern. Da mag das Bauchgefühl so laut schreien wie es kann – ich bin und bleibe gefühlstaub.

Gezwitscher.

Sie wollten doch wissen, wie es mir gerade geht. Das wollten Sie doch, oder? Na, es ist ja auch nicht relevant, schließlich schreibe ich schon seit 15 Jahren meine Befindlichkeiten im Internet auf. Und es hat noch niemandem geschadet. Also.

So ein Leben im Ausland, auf einem anderen Kontinent, in einer anderen Kultur und Sprache ist eine Herausforderung. Täglich. Stündlich. Minütlich. Das fängt an mit der Planung, wann und wo und wie ich mit welchem Verkehrsmittel an den gewünschten Ort gelange. In Santiago ist das noch relativ simpel, hier funktionieren Busse wie U-Bahnen in der Regel ohne größere Probleme, jedenfalls, wenn man die Berliner Verkehrsbetriebe und ihre diversen Unzulänglichkeiten gewohnt ist. Alles sehr ähnlich, nur die Massen, mit denen man in den Verkehrsmitteln zu tun hat, sind andere. Ich bin mit meinen 1,65 m nicht eben groß, aber in Südamerika rage ich über den Durchschnitt der Köpfe hinaus, zumal mich meistens mit High Heels unterwegs bin. Das gibt einem eine ganz neue Sicht auf die Welt. Und dann ist es auch nicht mehr so schlimm, dass ich nur eine Sardine unter vielen Sardinen in der Peak Hour der U-Bahn bin.

Schulstunden beginnen pünktlich, also muss ich meine Wege eben besser planen und größere Pufferzeiten einbauen. Nicht nur deshalb habe ich mir letzte Woche ein Auto gekauft. Ich kaufe quasi gerade das Leben meiner Vermieterin auf, die im September für sehr lange Zeit nach Spanien gehen wird und Dinge loswerden möchte. Also auch ihr Auto samt Tiefgaragenplatz. Wir haben gehandelt und festgestellt, dass wir uns sehr ähnlich sind, sowohl was Charakter als auch die aktuelle Umbruchssituation betrifft, und waren uns recht schnell einig. Das Auto also wird mich in Zukunft unabhängiger von diversen öffentlichen Verkehrsmitteln machen und mir den ein oder anderen Eskapismus ermöglichen.

Die Arbeit an der Schule ist nach wie vor eine Herausforderung. Projekte lassen sich manchmal schlicht aufgrund zu vieler Feiertage oder einer Woche Austauschschülerbespaßung nicht so umsetzen wie gewünscht. Dann muss ich neu denken, neu organisieren und den ursprünglichen Plan eben einfach fallen lassen. Lehrinhalte orientieren sich eben nicht nur am Plansoll und fixen Themen. Nichtsdestotrotz hatte ich mich vor den „Winter“ferien bei einer anderen deutsch-chilenischen Institution beworben und habe nun in der kommenden Woche ein Vorstellungsgespräch. Beruflich läuft also alles mehr oder weniger so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Die private Telenovela muss ebenfalls umgeschrieben werden. Es gibt wie immer neue Protagonisten, Verhältnisse müssen neu definiert werden, andere Drehorte, Dramen und Damen-Wahl inklusive. Die Damen-Wahl ist die wohl größte Annehmlichkeit meines hiesigen Daseins. Man(n) steht auf mich. Und zwar nicht, weil ich leidlich gut aussehe, nett und unterhaltsam bin, sondern weil ich hier EXOTISCH bin. Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich bin eine Exotin, auch wenn ich mit meinen dunklen Haaren eher weniger auffalle als eine blonde Europäerin. Mir wird der rote Teppich ausgerollt, wo ich nur hinkomme. Sei es von den Herren, die mich gern ausführen möchten, sei es von den Damen, deren Interesse sehr herzlich daherkommt, sei es von Institutionen, die mir die Tore öffnen, von deren Durchschreiten ich in Deutschland nur träumen konnte. Es ist eine Art positiver Rassismus, der mir hier begegnet. Alles Deutsche ist  (mehr oder weniger) gut, also muss ich auch gut sein. Es befremdet mich mitunter, aber ich genieße es eben auch. Weil es die Dinge, die Planung, das Bewältigen der Herausforderung „Leben und Arbeiten im Ausland Ü45“ so viel einfacher macht.

Nichtsdestotrotz sind Herzensdinge ganz unabhängig von Herkunft und Sprache eine diffizile Sache und so leiden der Verehrer und ich unter einer veränderten emotionalen Großwetterlage, die wir so nicht wollten, die sich aber nun nicht mehr ändern lässt. Gut, dass er für einige Tage außer Landes ist. Das wird uns die nötige Distanz bescheren, um wieder aufeinanderzugehen zu können. Denn was einem das Einleben in einer fremden Kultur am meisten erleichtert, sind Freunde. Richtige, gute Freunde. Und das wollen wir beide bleiben. Dafür sind wir gemacht.

Heißkalt.

Die Luft steht zwischen den Häuserschluchten, einzig der Weg am Friedhof entlang ist kühler. Die Toten ziehen die stille Kühle vor, unter ihren schattenspendenden Bäumen weht ein leiser Hauch und flüstert mir ins Ohr: „Sei dir nicht zu sicher.“

Immer, wenn der Tod zu mir spricht, werde ich still. Man sollte auf ihn hören, ihm gut zuhören. Denn er ist derjenige, der die Wahrheit kennt. Das Leben lügt, der Tod ist ehrlich.

Langsam gehen die Menschen in der Sommerglut, immer gemächlicher, immer mediterraner wird das Leben in der Großstadt. Man gefällt sich in der neuen Lässigkeit. Nach Wochen und Wochen immerblauen Himmels wäre ein Jammern über die Hitze auch langsam lächerlich.

Ich lege einen kleinen Strauß Rosen auf das Grab. Sie werden binnen einer Stunde verwelken. Vor zwei Jahren fast. Damals, als die Mauersegler ein letztes Mal am Fenster vorbeiflogen, in der Ferne ein Falke rief und das stetige Geräusch der Sauerstoffversorgung eine konstante Note im Abschiedskonzert war. Den letzten Ton hat der Tod gesungen. Ich habe ihm gut zugehört und weiß, wann er wieder singen wird.

Morgen geht es aus der Hitze in die Kälte zurück. Dort, wo das Leben ist. Dort, wo das Leben lügt, wo die Illusionen wohnen. Tod, hörst du mich? Bleib, wo du bist. Dein Konzert steht noch nicht auf dem Programm.

WMDEDGT 06/18.

Was macht der gemeine Internetmensch eigentlich so den lieben langen Tag? Diese Frage stellt Frau Brüllen einmal pro Monat, und zwar immer am 5. Seit 2013 läuft dieses Projekt (kann man das dazu sagen? Eigentlich nicht, Projekte haben ja meistens ein Ende und das wollen wir ja bei diesem hier nicht) schon und immer mehr BloggerInnen lassen monatlich in ihren Tagesablauf blicken.

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Mein Dienstag begann mit dem Handyklingeln um 6 Uhr. Ich duschte schnell, fror ein wenig nach dem Aussteigen aus der Wanne vor mich hin (hier in Santiago de Chile sind es nachts knapp um Null Grad, aber dafür meistens ohne Heizung in den Wohnungen) und beeilte mich nicht nur deswegen. Ein kurzes Frühstück mit Flakes und Milch später, aber noch ohne Kaffee, war ich bereits um zehn vor sieben auf dem Weg zur Bushaltestelle. Diese liegt nur vier Blöcke entfernt, aber es ist doch ein Fußweg von fast einem Kilometer und diesen legte ich wie üblich möglichst schnell zurück. Denn trotz beherztem Ausschreitens, einer Daunenjacke und eines flauschigweichen Schals war mir hundekalt.

Und natürlich wie immer, wenn ich es eilig habe, kommt der Bus mit der Nummer 411 entweder unregelmäßig oder gar nicht. Der Unterricht fängt um 7.50 an, also wäre genug Zeitpuffer gewesen, um noch fehlende Kopien zu machen oder entspannt alle Lehrmaterialien vorzubereiten. Wäre, hätte, Fahrradkette.

Der Bus kam zwanzig Minuten später, und ich entsprechend drei Minuten vor Unterrichtsbeginn und immer noch ohne Kaffee in Magen und Hirn in der Schule an. Keine Zeit, also. Für gar nichts. Wenigstens hatte ich alle Kopien gestern vorbereitet und die Übungen zusammengestellt. Heute stand die Wiederholung von Form und Stil bei Geschäftsbriefen und Satzbau auf dem Programm. Um von der Stellung des Verbs im Satz auf die Erweiterung um den Nebensatz zu kommen, hatte ich mir Star Wars ausgesucht. Yoda spricht übrigens nicht nur im Deutschen in verquerer Satzbauweise, wie mir die SchülerInnen bestätigten. Wir sahen eine kurze Sequenz mit Luke Skywalker an und ich ließ die SchülerInnen typische Yoda-Weisheiten umbauen und korrigieren. Danach wiederholte ich noch einmal die Stellung des Verbs im Haupt- und Nebensatz und übte Konnektoren. (Wie grauenhaft, ich bin tatsächlich zur Lehrerin mit Grammatikfetisch mutiert!)

Immerhin waren wir dann gegen zehn gemeinsam wach. Ich ging ins Lehrerzimmer, sprach mit dem Direktor kurz die Notengebung durch – meine Gewichtung hatten wir beschlossen rückgängig zu machen, um die SchülerInnen nicht zu sehr zu frustrieren -, und dann setzte ich mich an die Vorbereitung der stärkeren Gruppe. Um 12 ging es mit eben jener weiter. Wir wiederholten einige zweiteilige Konnektoren, gingen den Wortschatz zum Thema Transportwege und -wesen durch. Dann ließ ich sie ihre Texte vortragen, die sie über ihren Berufsalltag innerhalb ihrer Lehrunternehmen geschrieben hatten. Teilweise ist es sehr überraschend, wie viel Verantwortung sie übernehmen dürfen und was sie alles schultern müssen. Da kam die Hausaufgabe genau richtig: einen Podcast auf Basis des Textes zu erstellen, egal, ob visuell oder Audio. Die Gruppe im 2. Ausbildungsjahr hatte ihre bereits in der vergangenen Woche präsentiert. Es waren wirklich echte Perlen darunter, unter anderem ein Video, das absolute Stand Up-Comedy-Qualitäten hatte, samt gutgelaunter Chefs, die ihrem Lehrling bereitwillig Rede und Antwort standen. Sehr charmant und professionell aufbereitet und nach dem Abschlussschnitt auf jeden Fall ein heißer Anwärter auf Veröffentlichung auf der Homepage sowie auf einen Zeitungsartikel!

Um 14 Uhr hatte ich Schluss, aber wieder kam der 411er mit Verspätung, sodass ich erst um kurz vor drei in meinem Viertel ankam. Dort entschied ich mich spontan, im kolumbianischen Beauty-Salon um einen Maniküre-Termin anzufragen. Man hatte Zeit und ich freute ich über Bonita, die meine Füße sehr professionell und schweigsam versorgte. Schweigsam ist hier eher unüblich und bei meinem heutigen Müdigkeitslevel wäre jede Unterhaltung zur Qual geworden. Der Verehrer schrieb mir aus etlichen Meetings, dass er sich ebenfalls im müdigkeitsbedingten Zombie-Modus befände, hatte er doch von Mitternacht bis um kurz nach vier gearbeitet. Was Informatiker halt so machen, wenn andere nicht an die Computer können (und dürfen). Man wird sehen, ob er das Angebot für einen neuen Job ohne Nachtarbeit aber dafür mit spannenden Projekten in anderen Ländern annehmen wird. Es ist immer schwer, nach langer Zeit bei einem Arbeitgeber neue Horizonte zu erkennen.

Gegen vier kam ich Zuhause an und freute mich über eine saubere und wohlriechende Wohnung, denn „Nana Rosa“ hatte gewirbelt. Ich war zwar hundemüde, aber ich hatte noch einiges an Korrespondenz zu erledigen und setzte mich noch an den Esstisch.

Um sechs machte ich mir ein Brot, legte mich ins Bett und sah mir zwei Folgen Trivialfernsehen an. Zwischendurch schlief ich ein, bekam um zehn einen Anruf vom Verehrer, der mittlerweile auch wieder aufgewacht war und entschied, einfach wieder einzuschlafen.

 

„Frau!“

Die erste Unterrichtsstunde. Auf dem Plan steht Kommunikation im Beruf, schließlich müssen die angehenden Groß- und Außenhandels-, Schifffahrts- und Logistikkaufleute wissen, wie sie zukünftig einem (deutschen) Kollegen stilvoll erklären, dass er Bullshit erzählt.

Der Direktor stellt mich vor, ich gebe einen kurzen Überblick darüber, was ich bisher so gemacht habe und einzig bei der Information, ich käme aus Berlin, blitzt kurz ein wenig Interesse in den müden Gesichtern auf. Morgens um 8 in Santiago de Chile.

Mein Gesicht wird nicht eben wacher aussehen als das meiner SchülerInnen. Ich stehe um 6 Uhr auf, um den Bus um 7 erwischen zu können. Wenn er denn kommt. Die Linie 411 fährt nämlich eine Teilstrecke auf der Stadtautobahn und das kann durchaus Stau bedeuten. Wenn ich in der Buschecker-App der städtischen Verkehrsbetriebe Transantiago sehe, dass die Nummer 411 farblich blass unterlegt ist, heißt das: umdenken und mich flugs in eine der beiden Linien werfen, die wenigstens in Richtung der Berufsschule fahren. Weiter heißt das aber auch, dass ich ein tüchtiges Stück Weg mehr zu laufen habe und mich wahrscheinlich verspäten werde. Ich hoffe auf einen für mich attraktiveren Stundenplan im nächsten Semester.

Der Unterricht läuft nach Plan, wir gehen die Aufgaben durch, es gibt eine Wortschatzklärung und -Wiederholung. Ein bisschen Grammatik streue ich ein, weil trotz oder wegen sechs Jahren Deutschunterricht in der Schule das Sprachniveau erschreckend niedrig ist. Mit dem Direktor habe ich besprochen, dass wir bei den Aufgaben bleiben, ich aber versuchen soll, die SchülerInnen ein bisschen zu motivieren, sich aktiver mit der Sprache auseinander zu setzen. 90 Minuten gehen erstaunlich schnell herum, wenn man Lehrer ist und die SchülerInnen viel selbst machen müssen, aber immer wieder Fragen haben. Fragen, die mit einem für mich sehr ungewohnten und lauten „Frau!“ beginnen.

Der Lehrer/die Lehrerin wird nicht wie in Deutschland mit Frau Sowieso/Herr Sowieso angesprochen, sondern klassisch mit einem respektvollen Senora/Senor. Das ist erst einmal irritierend, weil es mir so allgemein und geradezu unhöflich vorkommt. Ist es zwar nicht, aber ich werde es den SchülerInnen erklären, dass sie zukünftig mit dem Nachnamen ansprechen müssen. Schließlich können sie auch keine E-Mail mit der – bereits gelesenen – Phrase „Sehr geehrte Frau“ (ohne Nachnamen) beginnen.

Ich stehe in vielerlei Hinsicht noch ganz am Anfang. Schließlich bin ich keine studierte Pädagogin, sondern nur DaF-Lehrerin nach einer Crash-Ausbildung. Aber ich bin eigentlich ganz zuversichtlich und einen Sympathiepunkt habe ich bei den SchülerInnen zumindest: sie müssen mir ihre Sprache beibringen. Das weckt ein bisschen mehr Verständnis auf beiden Seiten. Nicht wahr, „Frau“?

WMDEDGT 05/18.

Was macht der gemeine Internetmensch eigentlich so den lieben langen Tag? Diese Frage stellt Frau Brüllen einmal pro Monat, und zwar immer am 5. Fleißige BloggerInnen wie ich (haha) antworten dann brav. Seit diesem Mai mit Zeitverschiebung nun auch aus Chile.

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Der erste Samstag in Santiago begann um 7 Uhr früh, als eine WhatsApp-Nachricht meiner Untermieterin in Berlin eintrudelt. Für heute war der Techniker des Telco-Unternehmens angesagt, um nachzuforschen, warum es seit einer Woche kein Internet mehr gibt. Simple Erklärung: das zum neuen Router mitgelieferte Kabel hat einen Knacks. Und dafür musste sie ein Regal abbauen, von der Wand abrücken und alles wieder zurück. Ich wünschte, ich hätte das noch vor meiner Abreise regeln können, aber so ist das eben: Techniker ist informiert. (Kommt dann aber eben erst eine Woche später.)

Mein Hals kratzte ganz erheblich und ich befürchtete, dass dies die bereits dritte Erkältung dieses Jahres bedeuten würde. Aber ich schlief noch einmal ein, bis mich um kurz nach neun endgültig das quäkende Kind der Nachbarn aufweckte. Santiago ist nicht eben eine leise Stadt, aber bis auf meine direkten Nachbarn hört man hier im 7. Stock im Stadtteil Providencia alles ein bisschen gedämpfter. Ich las noch ein bisschen das Internet leer und chattete ein wenig mit dem (gewesenen) Verehrer, gammelte vor mich hin und war gegen 11 Uhr endlich frühstücksfertig. Zur Feier des Tages verbrannte ich den Toast – hier muss ich mangels Toaster in der Pfanne braten -, aber ein Pfund Nutella verdeckt auch die schwärzeste Oberfläche…

Danach setzte ich mich an den Schreibtisch. Es war noch ein Artikel zu kürzen, sich in die Materie für den Arbeitsbeginn am kommenden Montag einzulesen und allgemein Dinge zu recherchieren.

Gegen viertel vor drei machte ich mir Möhren mit Ziegenkäse überbacken – sehr lecker! Zum Nachtisch gab es eine von der Freundin geschenkte Pipeno dulce, besser bekannt unter dem Namen Melonenbirne. Ich hatte diese Frucht noch nie vorher gegessen und war überrascht, wie fein das Fruchtfleisch schmeckt: ein Hauch Vanille, Birne, Melone (aha, daher der Name) und ein bisschen Papaya. Kaufe ich mir sofort wieder, wenn ich irgendwo auf dem Markt eine entdecken kann.

Nach dem Essen kratzte mein Hals stärker, ich fing an zu husten und zu niesen. Sehr unangenehm, denn obwohl ich mich wirklich bemüht hatte, meine Füße warm zu bekommen, waren sie wie Eisklötze. Auch ein Aufenthalt auf dem Balkon in milder Nachmittagssonne konnte nicht wirklich helfen. Ich legte mich aufs Sofa, wo ich kurz einschlief. Einige wirre Träume später wachte ich auf und überlegte, ob ich mich noch an das Kürzen der letzten 122 Zeichen machen und mich vielleicht doch noch um ein Abendprogramm bemühen sollte. Aber mir steckte die vergangene, sehr anstrengende Woche in den Knochen und ich entschied mich, in Klausur zu bleiben. Am morgigen Tag hatte ich immerhin noch einiges vor.

Ich sah ein wenig in den Mediatheken nach netten Beiträgen und machte mir gegen sieben ein Brot (diesmal nicht angebrannt) und zwei Spiegeleier. Die Küche meiner Wohnung ist zwar gut ausgestattet, so dass ich mir auch etwas Ausgefalleneres hätte kochen können. Bislang ist mir hier in der Nähe – eine reine Wohn- und Geschäftsgegend mit einigen Botschaften – kein kleiner Lebensmittelladen aufgefallen, in dem ich gern Obst und Gemüse kaufen würde. Es gibt einen klassischen „Lider-Express“ bei der U-Bahn (1 km entfernt) ums Eck, aber der führt ein Sortiment an Frischwaren, das eher der Kategorie „geschmacklos, könnte auch aus Holland stammen“ zuzuordnen ist.

Um acht schickte mir eine Bekannte eine Nachricht, sie sei  jetzt wieder aus dem Urlaub zurück und würde sich sehr freuen, mich in den nächsten Tagen zu sehen. Ich bin sehr froh, über diverse Online-Netzwerke für Expats neue Kontakte zu finden und bereits gefunden zu haben. Ohne Internet hätte ich das Abenteuer niemals angehen können (wie auch alle anderen…). So werde ich mich am morgigen Sonntag mit der Gruppe „Lecker Essen“ (Arbeitstitel) in einem peruanischen Restaurant zum Mittagessen treffen. Zwei Leute kenne ich schon von meiner Zeit hier Anfang des Jahres und ich bin gespannt auf neue Bekanntschaften.

Ich sah noch einen Film auf dem Laptop und ging gegen Mitternacht sehr müde und sehr erkältet (und nur ein klitzekleines Bisschen frustriert) ins Bett.

 

WMDEDGT 04/18.

Frau Brüllen fragt an jedem 5. eines Monats: „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ Und das Internet antwortet, ganz in bester Tagebuch-Manier.

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Der Wecker klingelte um halb acht. Ich hörte noch ein wenig Radio, bevor ich mich um kurz vor acht duschte und in tagesübliche Form brachte. Danach trank ich meine erste Tasse Kaffee aus der neuen Packung. Ich hatte mir vor einiger Zeit drei kleine Päckchen aus verschiedenen Kaffeeanbauländern gekauft und dieses war die letzte davon. Der kenianische Kaffee ist erstaunlich mild und nicht so bitter wie die äthiopische Variante. Kaffee aus Kolumbien ist eher mittelspannend. Jedenfalls machte mich der Kaffee sehr, sehr wach. So wach, dass ich mich schnell an den Schreibtisch setzte, um die in den vergangenen Tagen zusammengetackerten 10.000 Zeichen plus Erklärkästen und Statistiken noch einmal gegenzulesen und diverse kreative Satzbaukonstrukte in ihre grammatikalische Handelsüblichkeit zu ändern. Manchmal frage ich mich ja schon, ob die drei Sprachen, in denen ich derzeit zuhause bin, einen schlechten Einfluss auf meine Muttersprache haben.

Gegen zehn schickte ich den Artikel samt Fotos an die Redaktion und hoffe, er gefällt. Ich habe mir eine Menge Arbeit damit gemacht, aber viel Spaß gehabt. Danach schrieb ich ein wenig ins Internet und ärgerte mich über Genderdiskussionen, die sich derzeit in polemischem Aufeinanderdraufhauen erschöpfen anstatt wirklich produktive Änderungen herbeizuführen. Mittendrin begann ich mich auch noch über eine emotionale Verwicklung zu ärgern, die ich mit der puren Lust an der Zerstörung herbeigeführt hatte und die mir in der derzeitigen Form weher tut als ich möchte. Aber diese Suppe muss ich selbst auslöffeln.

Um viertel nach elf rief mein Stiefvater vom Flughafen aus an. Er ist auf dem Weg nach China, diesmal als frischer Neu-Rentner, aber bis Ende des Jahres noch als Nutznießer der Lounge-Berechtigung des bisherigen Executive-Arbeitslebens. Wir plauderten ein wenig und ich berichtete ihm von meinem derzeitigen Zustand des In-der-Luft-Hängens und der damit verbundenen Panikattacken. Ihm als globalem Bürger ist diese Situation nicht ganz unbekannt, obwohl für ihn immer alles die Firma in die Wege leitete, während ich alles alleine stemmen muss. Bislang gelingt es mir noch, aber ich merke, wie viel Energie ich aufwende, um mich zu organisieren und alles fristgemäß fertig zu bekommen.

Um zwölf aß ich einen Käsetoast, eingedenk der Tatsache, dass ich abends noch essen gehen würde. Damit brauchte ich auch den letzten Rest meiner Vorräte auf und ging einkaufen. Im Supermarkt waren überwiegend sendungsbewusste Menschen unterwegs, was mir die Aussicht auf eine später dräuende Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel überaus unangenehm scheinen ließ.

Wieder zuhause verstaute ich das Eingekaufte und machte mich an einen fertig zu stellenden Text. Gegen vier wollte ich eigentlich eine kleine Joggingrunde einlegen, aber es find an wie aus Strömen zu regnen. Also verzichtete ich darauf und setzte mich noch einmal an den Text. Um viertel vor sechs warf ich mir ein Kleidchen über und machte mich auf den Weg zu meiner Abendessenverabredung. Wir aßen vorzüglich chilenisch, tranken Austral-Bier und Pisco Sour dazu und plauderten über Gott und die Welt oder doch eher über die Welt, denn mein Begleiter war ein weitgereister und gebildeter Mensch mit skurrilen Hobbies und einem überaus angenehmen Humor. Wie schade, dass wir uns sehr lange nicht mehr sehen werden.

Gegen elf war ich zuhause, schrieb diesen Text zu Ende und ging ins Bett.

[Was schön war] #kw12+13/18.

Was in den vergangenen zwei Kalenderwochen schön war, diesmal in der ostermontäglichen Kontemplationsverfassung.*

*familienmüde

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Die nachgeforderten Unterlagen der Botschaft von den Unternehmen bekommen. Unbürokratisch, obwohl sie sich so zu etwas verpflichten. Wenn das nun bitte endlich mal in ein komplettes Visum münden würde?

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Mit der Freundin einen Samstagabend und Sonntagmorgen nach unserem Geschmack verbracht. Lecker Essen, gute Cocktails trinken und am nächsten Morgen ausgiebig frühstücken. Nach langen Jahren der Kindergebundenheit ist das nun wieder möglich.

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Eine Untermieterin gefunden. Die erste, an und für sich perfekte, Interessentin sagte ab, weil sie die Wohnung zu laut fand. Ich war ein wenig verwundert, denn abgesehen davon, dass mein bekloppter Nachbar obendrüber gelegentlich herumbrüllt, ist meine Wohnung fast schon zu ruhig für die Innenstadt. Aber gut. Aus den zehn Interessenten wählte ich eine junge Raketenwissenschaftlerin aus, mit gutem Uni-Gehalt und Kochleidenschaft. Sie war die einzige der Interessenten, die meine Kochgerätschaften sehen wollte. Pluspunkt!

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Die Abschiedstour bei der Familie und einigen Freunden gemacht. Natürlich bin ich nicht aus der Welt. Aber eine kleine Träne im Knopfloch trage ich dennoch. Sie werden mich vermissen. Und ich sie. Besuchen wird mich sicherlich keiner, dazu ist Chile zu weit weg. Manche haben es ja nicht einmal nach Berlin geschafft.

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Der Verehrer hat meine Schweigsamkeit zum Anlass genommen, mir seine Liebe zu versichern.

 

[Was schön war] #kw09/10/11/18.

Was war in der vergangenen Woche schön? Tja, wie Sie sehen können, geht es nicht nur um eine Kalenderwoche, sondern gleich um drei und das lag nicht zuletzt daran, dass es gerade wenig berichtenswert Schönes gibt. Die Tage sind ein einziger Brei an Arbeiten verschiedenster Art, Kälte draußen und mönchsgleicher Igelei drinnen und ganz allgemein Befindlichkeitsgedöns. Aber je nun, ich pröklele einmal die schönsten Momente der letzten drei Wochen heraus und mache es kurz.

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Mehrfach sehr schön ausgegangen. Mit lieben Freunden, mit Bekannten. Und das trotz eisiger Temperaturen.

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Gut bekocht worden. Selbst gekocht und festgestellt: es geht noch, sogar ganz ohne Experimentalphysik.

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Seit Jahren das erste Mal wieder mit dem kranken Vater telefoniert. Sonst ist seine Frau am Telefon, weil er nicht mehr viel spricht. Aber diesmal lag sie mit Grippe im Bett und mein Vater war unerwartet selbst am Telefon. Die Anstrengung  ein normales Gespräch zu führen war spürbar und hörbar, aber trotz des weitgehenden Verlustes der emotionalen Ansprechbarkeit habe ich mich unendlich über einen Satz gefreut: „Sehe ich dich nochmal, bevor du weggehst? Ich möchte das gerne.“

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Mir liegen Dinge, die mit komplizierten Strukturen zu tun haben. Diese Strukturen zu verstehen und daraus ein Ergebnis abzuleiten, ist immer ein Erfolgserlebnis besonderer Art. Ich spreche übrigens von Behörden, Verwaltungsakten und vielen, vielen Dokumenten.

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Eine Wohnung am anderen Ende der Welt für die ersten Monate gefunden. Netzwerke sind was Wunderbares.